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5. Juni 1989: Ein bis heute unbekannter Mann stellte sich den Panzern in den Weg, nachdem das Regime in Peking tags zuvor ein Massaker angerichtet hatte.

Massaker am Platz des „Himmlischen Friedens“

Der Moment, als der Mut eines Einzelnen Pekings Panzer aufhielt

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1989 war das Jahr, in dem das moderne China entstand - auf den Leichenbergen des Tiananmen, des Platzes des „Himmlischen Friedens“ in Peking.

Das Foto auf dieser Seite stammt vom 5. Juni 1989. Aufgenommen aus einem Hotelzimmer mit einem Teleobjektiv. Bis heute weiß man nicht, wer der Mann war, der sich in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens den Panzern entgegenstellte. Auf YouTube gibt es einen kleinen Film des Ereignisses, den CNN damals in die Welt schickte. Man sieht den Mann vor einer Reihe von Panzern stehen. Als der erste versucht, an ihm vorbeizufahren, macht der Mann die Bewegung mit und stellt sich weiterhin vor ihn.

Keiner der dahinter stehenden Panzer fährt an ihm vorbei. Sie stellen sich bei jeder Richtungsänderung hinter den ersten. So bilden sie immer eine einzige Reihe. Als wollten sie, dass ein einziger Mann sie aufhalten kann. Der Demonstrant besteigt den Panzer. Er spricht kurz mit dem Fahrer. Dann steigt er wieder hinunter, steht jetzt neben dem Panzer, gibt gewissermaßen den Weg frei. Der Panzer aber rührt sich nicht. Dann tut er das doch. Der Mann stellt sich wieder vor ihn. So endet der Film. Augenzeugen zufolge wurde der Mann kurz darauf von drei Männern weggeschleppt.

Mehr weiß man über ihn nicht. „Tank Man“ taufte ihn die amerikanische Presse. Der „Sunday Express“ in London erfand einen Namen für ihn: Wang Weilin. Sein Bild ging um die Welt, wurde zur Ikone des Tiananmen-Massakers. Das hatte in der Nacht zum 4. Juni begonnen, als Panzer der Volksbefreiungsbewegung gegen die dort seit Mitte April versammelten Demonstranten vorgingen. Niemand weiß, wie viele Tote und Verletzte die Aktion kostete. Offiziell wird von 300 Toten gesprochen. Es gibt Schätzungen, die sprechen von zehntausend.

Der unsichtbare Panzerfahrer überfuhr den Demonstranten nicht

Aber blicken wir noch einmal auf den Tank Man zurück. Der heute in den USA lebende chinesische Menschenrechtsaktivist Yang Jianli, geboren 1963 im ostchinesischen Shandong, war 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens dabei. Er stellt in einem auf YouTube einsehbaren TED-Talk die Frage: „Wie viele Helden sehen wir auf diesem Bild?“ Da ist der Mann, der sich dem Panzer entgegenstellt, ein Bild des Widerstandes. Er ist, da sind alle sich einig, ein Held. Da ist aber auch der unsichtbare Mann im Tanker. Er überfuhr den Demonstranten nicht. Er ist der zweite Held auf diesem Foto. Auch über ihn wissen wir nichts.

So wie wir bei dem Mann vor dem Panzer davon ausgehen müssen, dass er gemaßregelt, wahrscheinlich gefoltert, womöglich getötet wurde, so müssen wir auch bei dem Mann im Panzer damit rechnen, dass er dafür bestraft wurde, den Demonstranten nicht getötet zu haben. Beide Tank Men waren Opfer desselben Systems. Sie erinnern uns daran, so erklärt Yang Jianli, dass die auf der anderen Seite der Barrikade nicht unsere Feinde sein müssen, dass die Humanität auch in den verzweifeltsten Situationen eine Chance haben kann.

Die wir viel zu selten ergreifen. Yang Jianli erinnert an eine der schlimmsten Erfahrungen seines Lebens. Es war am 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Das Morden war im vollen Gange. Da sah er einen jungen Soldaten. Der trug keinen Helm, kein Gewehr. „Die Demonstranten jagten ihn. Ich versetzte ihm einen Schlag. Immer mehr Menschen umstanden ihn und schlugen auf ihn ein. Er wurde zu Boden geschlagen, er schrie: ,Ich habe es nicht getan. Ich habe nicht geschossen.‘ Ich merkte, dass sich gerade eine Tragödie abspielte. Es war zu spät, die Gewalt zu stoppen. Ich verließ die Szene. Ich sah mich nicht um. Ein paar Augenblicke später erfuhr ich aus den lauten Rufen hinter mir, dass er umgebracht worden war. Ich begann zu weinen. Wie alle anderen Soldaten war auch dieser Teenager gezwungen worden, nach Peking zu gehen und dem Befehl zu folgen, die Demonstranten zu massakrieren.

War der junge Soldat ein Deserteur?

Vielleicht hatte er sich geweigert, an dem Morden teilzunehmen, vielleicht war er ein Deserteur. Wenn das so war, war auch er ein Tank Man. Wie der im Panzer, der den Demonstranten nicht überrollte. Er war ein Held. Ich war es nicht. Ich hatte gesehen, wie Studienkollegen von mir von Panzern überrollt wurden, wie andere, deren einziges Verbrechen gewesen war, für eine demokratische Zukunft einzutreten, nur ein paar Schritte entfernt von mir niedergeschossen wurden. Dann sah ich ihn. Ich ließ mich von meiner Wut beherrschen. Ich sah in ihm nichts als meinen Feind. Ich schlug ihn.“ Yang Jianli fährt fort: „Unsere Hoffnung ruht nicht nur auf den Friedenskämpfern, sondern auch auf dem Mann im Panzer und auf dem Deserteur.“

Die Zerschlagung ihrer Demonstrationen für Freiheit und Demokratie ist die eine, eine ganze Generation prägende Erfahrung des Panzereinsatzes vom Juni 1989. Die Hardliner der Kommunistischen Partei Chinas, die Mitte Mai Michail Gorbatschow zu Gast gehabt hatte, machten damit klar, dass sie mit allen Mitteln jeder Infragestellung ihres Gewaltmonopols entgegentreten werden.

Porträts von Menschen, die am 4. Juni 1989 umgebracht wurden, veröffentlicht von einer Gruppe namens „Tiananmen Mothers“.

Das war ein Signal. Es wurde überall auf der Welt sehr genau registriert. Die schon weidwunde SED schickte Solidaritätserklärungen nach Peking und beglückwünschte die Genossen, dass sie die konterrevolutionären Kräfte energisch unterdrückt hatten. In der Bürgerrechtsbewegung kam die Befürchtung auf, die Staatsführung der DDR könne sich ermuntert fühlen, ähnlich zu handeln. Aber das hätte sie gegen die Führung der Sowjetunion tun müssen. So tapfer waren sie dann doch nicht. So kam es in der DDR zu einer friedlichen Revolution. Die demonstrative Brutalität des Einsatzes in Peking hat wohl auch dazu beigetragen, dass die Übergänge in Osteuropa so friedlich verlaufen konnten.

Die andere Erfahrung des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens wird einem erst klar, wenn man sich erinnert an das, worum es den Demonstranten damals ging. Die 80er-Jahre waren das Jahrzehnt, in dem der Ruf nach Demokratie immer lauter wurde. Deng Xiaoping hatte die vier Modernisierungen propagiert und der 1950 geborene Wei Jingsheng forderte als die fünfte die „Demokratie“. Das war im Dezember 1978. Er erklärte damals: ohne diese fünfte Modernisierung seien die vier anderen nichts wert. Dieser Gedanke verbreitete sich, sicherlich auch unterstützt durch die Entwicklungen in Osteuropa, in China vor allem an den Universitäten. Aber auch viele Mitglieder der Kommunistischen Partei – auch höhere Kader – teilten diese Ansicht.

Als dann 1988 der wirtschaftliche Aufstieg ins Stocken geriet, bestärkte das die Vorstellung, dass ohne die breite politische Mitwirkung der Bevölkerung ein kontinuierlicher ökonomischer Fortschritt nicht zu schaffen sein werde. Als sich am 15. April 1989 die Nachricht verbreitete, dass der ehemalige Parteichef Hu Yaobang gestorben sei, versammelten sich erst Tausende, dann Zehn-, dann Hunderttausende auf dem Platz des Himmlischen Friedens, um seiner zu gedenken.

Hu Yaobang gehörte zu den kommunistischen Kadern, die sich für eine fünfte Modernisierung eingesetzt hatten, und war darum von Deng Xiaoping entlassen worden. Der hatte stattdessen Zhao Ziyang eingesetzt, den er für gehorsamer hielt. Als es dann aber im Laufe des April und des Mai zu immer härteren Auseinandersetzungen zwischen den Reformern und Deng kam, schlug sich Zhao auf deren Seite. Er trat für Gespräche mit den Studenten ein. Er ging selbst auf den Platz des Himmlischen Friedens und sprach mit ihnen. Es gibt Filmaufnahmen, da glaubt man Tränen in seinen Augen zu sehen. Da wusste er wohl schon, dass demnächst Panzer gegen die Studenten eingesetzt würden.

Am 20. Mai hatte die Führung schon einmal Truppen nach Peking entsandt, um die Demonstranten zu vertreiben. Als die aber die Außenbezirke der Stadt erreichten, stellten sich ihnen Hunderttausende Bürger entgegen. Auf die zu schießen hatten die Truppen keinen Befehl, also zogen sie sich zurück. Das war der größte Erfolg der Protestbewegung. Nun gab es im ganzen Land Proteste. Millionen Menschen – längst nicht mehr nur Studenten – gingen auf die Straßen und verlangten Bürgerbeteiligung und ökonomische Freiheiten.

China steuerte erst einmal zurück

Die Kommunistische Partei betrachtete diese Entwicklung und die in Osteuropa. Es gab die Reformer und die, die sahen, dass sie die Reformen nicht würden steuern können. Letztere setzten sich durch. In dieser Gruppe hatten zunächst die das Sagen, die auch den ökonomischen Reformen den Garaus machen wollten. China steuerte nach dem Juni 1989 erst einmal zurück. Im März 1992 – am 26. Dezember 1991 war die Sowjetunion offiziell für aufgelöst erklärt worden – meldete sich aber der inzwischen 87-jährige Deng Xiaoping wieder zu Wort und forderte marktwirtschaftliche Reformen in allen Bereichen der Wirtschaft.

Er war der Ansicht, dass das kommunistische Regime in Osteuropa, in der Sowjetunion, an seiner ökonomischen Misere zugrunde gegangen war. Also zog er die Lehre aus den Tiananmen-Protesten und den weltweiten Entwicklungen von 1989: Die ökonomische Liberalisierung ist notwendig. Ebenso notwendig ist aber, dass sie unter der Führung der Kommunistischen Partei stattfindet. Diese muss weiter allein entscheiden, was geschieht. Eine politische Partizipation anderer Gruppierungen, gar der Bürger selbst, ist mit allen Mitteln zu verhindern.

Das Modell China war geboren. 1989 markiert also nicht nur das Ende des Kommunismus, den entscheidenden Schritt zu einer ungehemmten Globalisierung, sondern auch den des Aufschwungs der Volksrepublik China. Den Sieg eines Modells, das ökonomische und politische Freiheit rigoros trennt. Ein Modell, das von Anfang an überall faszinierte Bewunderer fand. Helmut Schmidt war einer davon. Inzwischen orientieren sich überall auf der Welt Regime an dem chinesischen Weg.

Der hat nichts gegen Bürger. Solange sie Bourgeois bleiben und nicht etwa Citoyens werden wollen. Allerdings ist sehr schwer vorstellbar, warum die Reichsten auf Dauer freiwillig darauf verzichten sollen, auch die Mächtigsten zu sein. Die reich gewordenen Bürger werden nicht auf politisches Gewicht verzichten wollen, so wenig wie die politischen Entscheider auf immer größer werdende Kuchenstücke verzichten werden. An diesem Konflikt wäre Russland beinahe zerbrochen.

Die Lösung war dort die Einmann-Herrschaft Putins. China beschreitet gerade einen ähnlichen Weg. Seit Mao hatte wohl niemand in China so viel Macht wie der derzeitige Staatspräsident Xi Jinping. Die Demokratie ist in weite Ferne gerückt.

Literatur zum Thema

Michel Oksenberg (Hg.): Beijing Spring, 1989. Confrontation and Conflict. The Basic Documents. Routledge, 1990. 448 S..

Liu Xiaobo: Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass. Ausgewählte Schriften und Gedichte. Fischer Taschenbuch. 416 S., 14 Euro.

Liao Yiwu: Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Texte aus der chinesischen Wirklichkeit.

S. Fischer Verlag, 2019. 144 S., 12 Euro.

Einen Themenabend bietet Arte am 4. Juni ab 20.15 Uhr an: „1989, Platz des Himmlischen Friedens“. Dazu gehört auch Pierre Haskis Porträt „Liu Xiaobo – Der Mann, der Peking die Stirn bot“.

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