+
Ein Leben ohne Smartphone? Für die meisten Menschen ist das inzwischen undenkbar. Aber die Nutzung hat auch ihren Preis, finanziell und datenschutztechnisch.

Facebook

Der Spion in deiner Hand

  • schließen

Handyhersteller konnten jahrelang Daten von Facebook-Nutzern abgreifen, teils auch sehr sensible. Der US-Konzern hat einen neuen Skandal.

Facebook schlittert von einem Skandal in den nächsten. Erst die illegale Weitergabe von Informationen an die Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica. Jetzt muss der Betreiber des weltgrößten sozialen Netzwerks einräumen, dass mindestens 60 Hersteller von Handys und anderen Endgeräten jahrelang Zugriff auf Daten von Facebook-Nutzern hatten. 

Die „New York Times“ berichtet, dass die Zugriffe unter anderem Apple, Amazon, Microsoft, Blackberry, aber auch chinesischen Herstellern wie Huawei oder Lenovo gewährt wurden. Facebook teilte mit, dass man schon 2007 damit begonnen habe, Schnittstellen für die Unternehmen einzurichten. Damals bereiteten Techniker und Manager die Nutzung des Netzwerks für Handys vor. Ein wichtiger Punkt war dabei unter anderem die Integration des Like-Buttons. 

Im Laufe der Jahre wurden diese elektronischen Zugangstüren mit immer mehr Funktionen ausgestattet. Dabei konnten die Unternehmen nicht nur Informationen von den Nutzern selbst, sondern auch von Freunden und von deren Freunden sammeln. Facebook hat mehr als zwei Milliarden Nutzer weltweit. 

Wie groß der Datenfluss von den Rechnern des Internetriesen zu den Servern der Hardware-Hersteller war, ist derzeit noch nicht absehbar. Es sei lediglich darum gegangen, Smartphones und Tablets für die Facebook-Nutzung zu optimieren, so Facebook. Es lägen keine Informationen über einen Missbrauch der Daten vor. 

Ferner habe man begonnen, diese Art der Zusammenarbeit zu beenden. In 22 Fällen sollen die Partnerschaften beendet worden sein. Zudem hätten die Merkmale der Nutzer von den Partnerfirmen nur mit deren Zustimmung verwendet werden dürfen, so Facebook. So hatte es das Unternehmen mit der US-Aufsichtsbehörde FTC schon 2012 vereinbart. Facebook-Manager betonten in mehreren Interviews, das Teilen der Daten stehe in Übereinstimmung mit den eigenen Datenschutzbestimmungen.

Personendaten trotz Widerspruch weitervermittelt

Die Recherchen der „New York Times“ widersprechen dieser Behauptung: An Hersteller seien Daten von Personen übermittelt worden, die ausdrücklich einer Weitergabe widersprochen hätten. Mitarbeiter der Zeitung setzten bei einem Test ein fünf Jahre altes Blackberry-Handy ein, das beim Aufrufen von Facebook Namen, E-Mail-Adressen, private Nachrichten sowie die User-Identifikationen von allen Personen absaugte, mit denen der Nutzer per Handy kommunizierte. Mehr noch: Auf dem Gerät wurden Informationen über berufliche Laufbahnen oder Geburtsdaten von Freunden und von deren Freunden gespeichert – insgesamt aus 50 verschiedenen Kategorien. Alles in allem kamen auf dem einen Blackberry-Handy Informationen von 295 000 Facebook-Nutzern zusammen. 

Manche Hersteller sollen auch so sensible Informationen wie Beziehungsstatus, religiöses Bekenntnis, politische Einstellungen und zukünftige Termine gesammelt haben. Sie verfügten also über Material, um hochgradig detaillierte Profile der Betroffenen zu erstellen. 
Facebook hatte bereits Ende April in einer Mitteilung an den deutschen Bundestag eingeräumt, Informationen an Endgerätehersteller weitergegeben zu haben. Damals war aber nur von dem längst bedeutungslos gewordenen Anbieter Blackberry die Rede. Die anderen Hersteller wurden verschwiegen. 

Amazon und Samsung haben sich bislang nicht zu den Berichten geäußert. Apple teilte mit, dass man seit September 2017 die Zugriffsmöglichkeiten nicht mehr nutze. Microsoft und Blackberry beteuerten, dass die Daten auf dem Gerät des Nutzers blieben und nicht auf eigene Server übertragen würden. 

„Es ist, als wenn du neue Türschlösser hast anbringen lassen, um dann festzustellen, dass der Schlosser auch Schlüssel an alle seine Freunde verteilt hat, so dass diese in die Wohnung können, um deine Sachen zu durchwühlen“, sagte der US-Datenschutzexperte Ashkan Soltani der „New York Times“.

Für große Aufregung sorgt in den USA derweil, dass Facebook auch mit chinesischen Konzernen kooperiert. Es geht dabei vor allem um den Smartphone- und Netzwerk-Giganten Huawei. Dieser wurde von einem früheren Offizier der chinesischen Armee gegründet, der sehr gute Kontakte zur Regierung der Volksrepublik und zu den dortigen Sicherheitsbehörden pflegt. Der US-Kongress hat den Streitkräften die Nutzung von Huawei-Hardware auch deswegen verboten. 

Facebook-Manager Francisco Varela kehrte hervor, Huawei sei der drittgrößte Handyhersteller der Welt, die Geräte würden überall genutzt, vor allem in den USA. Der Vorgang, Facebook mit den Produkten der chinesischen Firmen kompatibel zu machen, sei „von Anfang an kontrolliert“ worden. „Sämtliche Informationen“, die über die Schnittstelle mit den Huawei-Smartphones liefen, seien „im Gerät und nicht auf den Servern von Huawei“ gespeichert worden. 

US-Senator Mark Warner von der Demokratischen Partei sieht in der Kooperation mit den Chinesen indes „eine ernste Gefahr“. Er warte darauf, mehr darüber zu lernen, wie Facebook sicherstelle, dass Informationen von Nutzern nicht auf chinesische Server übertragen wurden. Dahinter steckt die Befürchtung, dass US-Bürger vom chinesischen Geheimdienst ausspioniert werden könnten. Facebook kündigte an, die Zusammenarbeit mit Huawei noch diese Woche zu beenden. 

Hierzulande untersucht das Bundeskartellamt seit geraumer Zeit, ob Facebook seine Marktmacht missbraucht. Den Wettbewerbshütern missfällt, dass das Netzwerk Informationen von Personen ohne deren Zustimmung sammelt, die nur auf eine Internetseite gehen, in die ein „Gefällt mir“-Button von Facebook integriert ist. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion