1. Startseite
  2. Kultur

Spiele

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stephan Hebel

Kommentare

Das Plastik-Provisorium aus der Originalpackung war einfach zu laut, um die Gedanken in der Ferienwohnung ins spielerische Exil zu schicken, ohne die anderen Gäste zu belästigen. Ein lederner Würfelbecher musste her.
Das Plastik-Provisorium aus der Originalpackung war einfach zu laut, um die Gedanken in der Ferienwohnung ins spielerische Exil zu schicken, ohne die anderen Gäste zu belästigen. Ein lederner Würfelbecher musste her. © Michael Klindwort/Imago

Heute: Wir finden das Weg ins Spieleland und finden es dort ganz großartig.

Ein lederner Würfelbecher musste her, das liegt ja wohl auf der Hand. So idyllisch sich das Städtchen am See auch präsentierte (davon war hier bereits die Rede), so auffällig doch die unschönen Töne, die sich ins entspannte Murmeln der am Ufer Flanierenden mischten: Schlimme politische Wörter waren erschreckend oft zu hören („Putin“!), und auch private Dramen ließen ihre Wortfetzen durch den beginnenden Regen wehen: „Der Typ war scheiße, und der Hund isch au fort.“ Usw.

Ein lederner Würfelbecher musste also her, das Plastik-Provisorium aus der Originalpackung war einfach zu laut, um die Gedanken in der Ferienwohnung ins spielerische Exil zu schicken, ohne die anderen Gäste zu belästigen. Und so begab es sich, dass der Weg ins Spieleland führte. Im Spieleland, ja, so heißt der Laden, steht ein Mann hinter einer Registrierkasse, die aussieht, als müsste demnächst mal jemand den Scanner erfinden. Der Mann ist umgeben von einem paradiesischen Sammelsurium an Würfel-, Karten-, Brett- und sonstigen Spielen, und schon der erste Blick macht klar: Jeden, aber auch jeden der Kartons würde er ohne Umschweife und ohne Suchen sofort aus dem Regal zaubern können, freundlich lächelnd und aus dem Kopf die Spielregeln rezitierend.

Wer das Spieleland betritt, genehmigt sich eine dieser kleinen Fluchten in eine friedlich geordnete, dem Wohlbefinden eines jeden Gastes (m/w/d) dienende Welt. Hier findet die Fantasie Asyl in einem Territorium, bei dem Sie nach wenigen Minuten nicht mehr sicher sind, ob Sie sich in der Gegenwart befinden oder einer Vergangenheit, von der die nostalgischen Hirnbereiche behaupten, sie sei auf jeden Fall eine bessere gewesen. Und für eine Sekunde wundern Sie sich, dass der Mann hinter seiner Kasse den Preis für den ledernen Würfelbecher in Euro benennt und nicht in Mark.

Wenn Sie den Laden wieder verlassen, stellt sich dieses unangenehme Gefühl ein, das uns auch übermannt, wenn wir nach einem sehr guten Film das Kino verlassen: Alles hatte zumindest seine geordnete Dramaturgie, vielleicht ein Happy End, aber auch wenn Sie zwischendurch nicht daran gedacht haben: Draußen ist es inzwischen dunkel geworden.

Zum Glück – der Daueraufenthalt im Spieleland ist nun mal nicht vorgesehen – bieten das Städtchen und seine Umgebung noch andere Spielorte einer heilsamen, temporären Realitätsverweigerung an. Denken Sie nur an den „Haustierhof“, diesen wundervollen kleinen Zoo, in dem die Kinder sich strahlenden Auges von Schaf und Ziege aus der Hand fressen lassen. Auch die Kinder im Rentenalter.

Auch interessant

Kommentare