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Sind das noch Irina, Mascha und Olga? Oder ist es lediglich ein längst verblasstes Bild von ihnen? Susanne Kennedys eingekastelte Schwestern in München.

Münchner Kammerspiele

Das Spiel ist nie zu Ende

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Susanne Kennedy programmiert an den Münchner Kammerspielen Tschechows „Drei Schwestern“ neu.

So viele Male wird alles verschlungen: Zwischen die zahlreichen kurzen Szenen ihrer Version von Tschechows „Drei Schwestern“ hat Susanne Kennedy Schwarzblenden geschaltet, die die Betrachter wegreißen aus dem Jetzt. In die ewig neue Nacht. Begleitet von einem Knall setzt lautes Gedröhne und elendes Gejammer ein, oder ist es das Summen von Mücken? Wieder und wieder. Das muss die Vorhölle sein. Oder ein schwarzes Loch. Von dort kommt man bekanntermaßen nicht mehr so gut weg, weil es keinen Weg nach außen mehr gibt.

Auch die drei Protagonistinnen in Tschechows Drama kommen ja nicht vom Fleck. Irina, Mascha und Olga sehnen sich weg aus der Provinz zurück nach Moskau, dem Ort ihrer Herkunft. Doch das neue, bessere Leben will nicht so richtig Fahrt aufnehmen. Folgerichtig hat Susanne Kennedy in den Münchner Kammerspielen sämtliche Figuren eingekastelt: Meterhoch schwebt eine weiße, bis auf ein Telefon und zwei Lautsprecher leere, an den Seiten verspiegelte und extrem strahlende Bühnenschachtel in einer ansonsten geschlossenen Projektionsleinwand. Wieder hat Kennedy den Spielenden Masken aufgesetzt, mittels Voice-Over-Montage werden ihre stark veränderten Stimmen vom Band eingespielt.

Die Gesichter der drei Frauen sind komplett schwarz verhüllt, ihre strenge Bekleidung wird zur Projektionsfläche. Sind das noch Irina, Mascha und Olga? Oder ist es lediglich ein längst verblasstes Bild von ihnen? Ihre Tracht mit weißen Reifröcken, schwarzen oder weißen Oberteilen und weißen Hauben (Kostüme: Teresa Vergho) erinnert stark an die Identitätsbekleidung katholischer Sorbinnen der Oberlausitz, deren Sprache und Kultur zunehmend in unserer Gegenwartsmaschine verschwindet und gerade noch in Ritualresten an Festtagen und in Erinnerungsfeiern lebt.

Die Gesichtslosen (Marie Groothof, Eva Löbau und Anna Maria Sturm) treten nun eine 80-minütige Zeitreise an, konfrontiert mit Existenzängsten. Friedrich Nietzsches Idee der ewigen Wiederkehr des Gleichen nachspürend, konstruiert Kennedy ein so vielschichtiges Setup, dass das Publikum aus dem Staunen und dem Zucken vor Schmerz und Vergnügen nicht mehr herauskommen. Als ob sie alle über die Jahre festgesetzten Lesarten dieses Dramas der vergeblichen Befreiungsversuche hinwegfegen wollte, beamt Kennedy ihre Bühnenschachtel in Parallelwelten. Genau dahin, wo wir immer sein werden.

Die Bühne von Lena Newton schwebt in der Mitte von Rodrik Bierstekers raumfüllender Videowand. Biersteker hat Design for Virtual Theatre and Games studiert. Und die Welt, in die er uns schickt, ist eine gewaltige Bild-Mischung aus gerenderten kargen Büroräumen bis hin zu einer Retro-Pixel-Landschaft, einer Welt auch der „Minecraft“- und „Fortnite“-Realitäten, die für viele zu sozialen Netzwerken, ja realen Scheinwelten geworden sind. In jeder Sekunde der Inszenierung wird spürbar, dass dieses Rasen im Jetzt nur ein Vorbote ist. Von Anton Tschechows Text ist dabei nicht mehr viel übrig geblieben: „Etwas Riesenhaftes rollt auf uns zu, etwas Ungeheuerliches, ein mächtiger Sturm wird unserer Gesellschaft die Trägheit aus den Knochen schütteln und sie aus allen Fugen krachen lassen.“ Game over?

Aus großen Wassergläsern wird laut glucksend Likör aus Küchenschaben gefrühstückt, dazu gibt es (nicht sichtbaren) gebratenen Truthahn und Apfeltorte. Auch den beteiligten Schauspielern (in gegenwartsfrohen Leuchtfarben Walter Hess, Christian Löber und Benjamin Radjaipour) gelingt es dabei, ihren Figuren in der vorgeschriebenen Reduktion Ernsthaftigkeit und Witz zu verleihen, zumeist mit Kennedy-typisch minimalistischen Bewegungen.

Susanne Kennedy editiert in ihrer „Drei Schwestern“-Version dabei den Kreislauf der Geschichte, mit jeweils winzigen Verschiebungen. Einzelne Sätze werden mantrahaft wiederholt, überlagern sich in den Köpfen des Publikums. Beim genauen Zuhören werden aber unterschiedliche Betonungen, Lautänderungen und an Maschinensprachfehler erinnernde Versprecher bemerkbar. Diese Sprachverschiebungen korrespondieren mit oft kaum wahrnehmbaren Bühnenbildbewegungen in den Videos: Als sähen wir die Überschreibung der Überschreibung der Erzählung. Ein Monster-Palimpsest.

Mikro-Abweichungen im vermeintlich Identischen oder Anomalien? Susanne Kennedy befragt an diesem herausfordernden, überwältigenden Abend auch ihre Art, Theater zu machen. Die extreme Maskierung und den Entzug der Stimmhoheit der Beteiligten kann man als Versuch der Sichtbarmachung der Benachteiligten und Vergessenen sehen – oder als Distanzierung vom Konkreten zugunsten eines befremdeten Rückblicks auf die Gegenwart aus der Zukunft.

Kennedys mutiges dialektisches Experiment mit dem Bild vom Bild vom Bild, ihre Simulation der Simulation, wird vom Publikum in den Kammerspielen mit einer Applauswelle gefeiert. Nie zuvor hat Kennedy so direkt den Draht gesucht: Aus dem Telefon an der Wand des aseptischen Grusel-Stübchens meldet sich zum x-ten Male eine Stimme: „In zwei-, dreihundert Jahren wird die Welt wunderschön sein.“ Man möchte in den Applaus hineinrufen: „Einmal respawnen bitte!“ Kein Ende in Sicht.

Münchner Kammerspiele: 4., 5., 14., 22. Mai. www.muenchner-kammerspiele.de

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