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Oben die luxuriöse Party auf der Tanzfläche, unten die Vergnügung im Keller-Separee.

"Babylon Berlin"

Späte Ehrenrettung des deutschen Fernsehens

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"Babylon Berlin", die bis heute teuerste deutsche Serie, will viel und es gelingt ihr auch. Sie schickt sich an, das deutsche Fernsehen zu verändern.

Es ist das Jahr des New Yorker Börsencrashs, das Ende der Goldenen Zwanziger und der Beginn einer Weltwirtschaftskrise ungeahnten Ausmaßes. 1929 ist das Jahr der als „Blutmai“ bekannten Unruhen in Berlin, bei denen die Polizei auf der Jagd nach Kommunisten mehr als 30 Menschen tötet und Hunderte verletzt.

Auch ist es das Jahr, in dem Alfred Döblins Großstadtroman „Berlin Alexanderplatz“ erscheint, der die damals fünftgrößte Metropole der Welt wenig schmeichelhaft aber nach dem uralten, alttestamentarischen Verdikt als „große Hure Babylon“ bezeichnet.

„Tatort“ ist nicht mehr genug

Dennoch hat die Zeit des radikalen Umbruchs und der kurzen Blütezeit der Demokratie zwischen den beiden Weltkriegen bislang kaum eine Rolle gespielt im deutschen Fernsehen – mal abgesehen von der vierzehnteiligen Fassbinder-Verfilmung von „Berlin Alexanderplatz“, deren Erstausstrahlung mittlerweile in das Jahr 1980 zurückreicht. Das soll sich am 13. Oktober ändern, wenn die „große Hure“ im TV-Epos „Babylon Berlin“ ihr großes Comeback im deutschen Fernsehen feiert.

Das Projekt hätte gerne auch etwas früher kommen dürfen, denn hierzulande droht man seit einigen Jahren den Anschluss an die Konkurrenz zu verlieren. In Zeiten von Netflix und Amazon Prime und einem Überangebot an komplexen Qualitätsserien aus aller Welt ist der allsonntägliche „Tatort“ vor allem für die jüngere Generation nicht mehr genug. Doch in den Sendeanstalten fehlte bislang nicht nur der Mut zur Veränderung, sondern auch das Geld.

Vor diesem Hintergrund wirkt das Mammutprojekt „Babylon Berlin“, mit rund 40 Millionen Produktionskosten die bis heute teuerste deutsche Serie und das erste Kooperationsprojekt zwischen der öffentlichen-rechtlichen ARD und dem Bezahlsender Sky, wie eine gemeinsame Kraftanstrengung zur späten Ehrenrettung des deutschen Fernsehens. Entsprechend aufgeregt geben sich Teile der Medien seit der Weltpremiere in der Hauptstadt. Die „FAZ“ schreibt von der „zur nationalen Aufgabe stilisierte[n] Serie“, der „Spiegel“ urteilt: „Wir sind wieder wer, wir Weltmeister der Angst.“ Eine Serie über das Ende der Goldenen Zwanziger soll also das vielbeschworene goldene Zeitalter des Qualitätsfernsehens endlich auch in Deutschland einläuten. Kann das gutgehen?

Die Erwartungen sind jedenfalls hoch, seit „Babylon Berlin“ 2013 zum ersten Mal angekündigt wurde. Zumal neben Achim von Borries und Henk Handloegten auch Tom Tykwer Regie geführt hat, dessen Namen man auch in den USA schon mal gehört hat. Die Serienmacher wissen um die große Aufregung, haben sie teilweise selbst geschürt, und bitten trotzdem schon in der ersten Szene darum, sich unvoreingenommen auf das Fernseherlebnis einzulassen: „Versuchen Sie nicht, Ihre Gedanken zu ordnen. Lassen Sie sie einfach los“, sagt der Hypnotiseur zum Protagonisten. „Und wenn ich nun ‚Jetzt‘ sage, dann werden Sie die Augen öffnen. Jetzt.“

Was darauf folgt, ist ein wilder Ritt durch eine pulsierende Metropole im flüchtigen Dazwischen – zwischen den traumatischen Erfahrungen des Ersten und den zukünftigen Schrecken des Zweiten Weltkriegs, zwischen elender Armut und exzessiver Verschwendung, zwischen naiver Hoffnung auf ein besseres Leben und diffuser German Angst. Wobei sich die konkrete Angst der Beteiligten rund um den „Blutmai“ vor allem am als demokratiegefährdend empfundenen Kommunismus aufreibt, während der Nationalsozialismus am anderen Ende des politischen Spektrums ungehindert gedeihen kann. All das schwingt mit bei „Babylon Berlin“, ohne dass der Zuschauer mit dem öffentlich-rechtlich-pädagogischen Zeigefinger unsanft darauf gestoßen wird.

Im Vergleich zu den Bestseller-Kriminalromanen von Volker Kutscher, die als Inspiration für „Babylon Berlin“ dienen, ist die Fernsehadaption deutlich düsterer ausgefallen. Das zeigt sich etwa an der Figur des Kölner Ermittlers Gereon Rath (Volker Bruch), der im Mittelpunkt des Geschehens steht. Um einen schlüpfrigen Film zu beschaffen, mit dem der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer erpresst wird, lässt er sich ins Sittendezernat der Hauptstadt versetzen.

Was ihn an der Erledigung seiner Aufgabe hindert, sind seine epileptischen Anfälle als Spätfolge des Kriegseinsatzes, die er mit Morphium zu bekämpfen versucht. Dass er damit eine jener „kaputten Maschinen“ ist, über die sich sein Partner Bruno Wolter (Peter Kurth) abfällig äußert, darf niemand wissen. Erwischt wird er trotzdem, zuckend und sich einnässend am Boden im Herrenklo liegend, von einer Dame, die partout keine erreichbare Damentoilette im Polizeipräsidium findet. Er bittet sie, das Gesehene geheim zu halten.

Die Dame heißt Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), hangelt sich tagsüber in der Mordkommission von einem Gelegenheitsjob zum nächsten und arbeitet nachts als Prostituierte in Fetischkleidung im noblen Nachtklub „Moka Efti“, um ihre bitterarme Familie durchzubringen – die „Hure Babylon“ nicht nur als biblische Allegorie auf die Gesamtheit aller falschen Religionen, sondern auch als Tatsachenbeschreibung des Berliner Nachtlebens hinter der luxuriösen Fassade und in den Keller-Separees unter der Tanzfläche. Apropos Luxus: Ganz nebenbei kommt ein Zug mit versteckten Goldbarren in Berlin an, hinter dem alle her sind: die russischen Trotzki-Revolutionäre und Stalin-Gegner aus politischen Motiven, andere schlicht aus Habgier.

Die Frage, wer das Gold letztendlich nach Hause bringt, stellt sich auch, wenn man das eigentümliche Finanzierungs- und Ausstrahlungsmodell von „Babylon Berlin“ betrachtet. Unabhängig von der unbestrittenen Qualität der Serie hat sich die ARD auf den ersten Blick ordentlich über den Tisch ziehen lassen: Zwölf Millionen Euro hat sie angeblich beigesteuert, Sky nur fünf, während der Rest vom Rechtehändler Beta Film und mehreren Förderanstalten kommen soll.

Trotzdem darf der Bezahlsender Sky zuerst ausstrahlen, die ARD wartet ein ganzes Jahr bis Herbst 2018 auf die Resteverwertung. „Es ist ein Experiment“, gibt NDR-Intendant Lutz Marmor gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland zu. „Uns wird so oft vorgeworfen, dass wir nichts riskieren und ausprobieren. Nun haben wir’s mal getan und was Neues versucht und Kräfte gebündelt.“

Einigen Beitragszahlern wird es wohl trotzdem schwer zu vermitteln sein, warum sie ein Jahr warten oder sich ein Sky-Abo zulegen müssen. Doch es geht bei dieser Rettungstat für das deutsche Fernsehen nicht nur um die deutschen Zuschauer, sondern auch um internationale Aufmerksamkeit und die Vermarktung im Ausland – und da hat die ARD mit Sky als Kooperationspartner deutlich bessere Karten als allein.

In den USA wird „Babylon Berlin“ auf Netflix laufen, in Großbritannien und Italien erwartungsgemäß bei Sky, aber auch Spanien, Norwegen, Schweden, Dänemark, Belgien, Finnland und Island haben schon während der Dreharbeiten zugeschlagen. Offenbar ist die Besinnung auf das deutsche Sujet interessanter für ausländische Käufer als der billige Abklatsch US-amerikanischer Vorbilder.

Die Serienmacher sind sich des Erfolges von „Babylon Berlin“ jedenfalls schon so sicher, dass sie an der dritten Staffel schreiben, bevor die erste überhaupt angelaufen ist. Recht haben sie. Razzia im Pornostudio mit anschließender Verfolgungsjagd über den Dächern Berlins, revolutionäre Absprachen im Hinterzimmer, rauschende Party im „Moka Efti“ – schon nach den ersten Folgen ist man atemlos und hofft, dass man nicht allzu lang auf die Fortsetzung warten muss.

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