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Der Besucher einer Ausstellung in Washington zeigt auf eine Fotografie der Zerstörung. Mehr als 3000 Menschen steuerten 5000 Bilder bei.
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Der Besucher einer Ausstellung in Washington zeigt auf eine Fotografie der Zerstörung. Mehr als 3000 Menschen steuerten 5000 Bilder bei.

9/11: Musik

Soundtrack des Desasters

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Der 11. September hat die Bedeutung von Popsongs grundlegend verändert – vieles klang plötzlich wie Prophetie.

Wer kann sagen, wohin die Straße führt, in was der Tag mündet? Nur die Zeit. Enya, die irisch-ätherische Musikerin, erlebte den 11. September 2001 und die Tage danach als Höhepunkt ihrer Karriere. Ihr Lied „Only Time“ begleitete praktisch von Anfang an die Fernsehbilder der brennenden, einstürzenden Twin Towers. „Who can say where the road goes, where the day flows, only time“. Es war vermutlich weniger der Text als die schwermütige Melodie, die den damals zehn Monate alten Song zum Soundtrack des Desasters machte.

Und dann? Die alte Frage, ob es Kunst und Kreativität geben kann im Trauma, ob es sie sogar geben muss, beantwortete die Musikwelt bald mit einem klaren Ja – und das einflussreiche US-Medienunternehmen Clear Channel Communications mit einem ausufernden: Aber so nicht. Die Eigentümergesellschaft von 1200 Radiosendern stellte eine Liste von 166 Songs auf, die nicht mehr gespielt werden sollten. Darunter Plakativ-Naheliegendes wie „Jet Airliner“ von der Steve Miller Band, „Aeroplane“ von den Red Hot Chili Peppers, „New York, New York“ von Frank Sinatra, „In The Air Tonight“ von Phil Collins oder „Learn To Fly“ von den Foo Fighters, aber auch kurios Anmutendes wie „Walk Like an Egyptian“ von den Bangles – und sogar die Liebes- und Friedenshymne schlechthin sollte im Radio verstummen: „Imagine“ von John Lennon.

Heute erinnert man sich daran, wie es drei Jahre später nach dem Tsunami im Indischen Ozean der jungen deutschen Band Juli und ihrem ersten Hit „Die perfekte Welle“ erging, gestrichen, verbannt aus dem Rundfunk.

Als die New Yorker Trümmer aufhörten zu rauchen, lagen bald patriotische Songs im Trend. Die Nationalhymne „The Star-Spangled Banner“ selbstverständlich. Dann etwa „Where Were You (When The World Stopped Turning)“ von Alan Jackson. Ein Hamburger Uni-Seminar beschäftigte sich vor einigen Jahren mit der musikalischen Verarbeitung des Traumas. Darin ist auch Bruce Springsteen aufgeführt, der ein ganzes Album, „The Rising“, dem Thema widmete. Erst später verschafften sich kritische Stimmen Gehör, um vor allem die kriegerische Reaktion auf die Anschläge vom 11. September infrage zu stellen. Die Black Eyed Peas aus Los Angeles fragten: „Where Is the Love?“, wo ist die Liebe, und Altmeister Neil Young forderte 2006 dazu auf, Präsident George W. Bush des Amtes zu entheben, weil er gelogen und das Land in einen fatalen Krieg geführt habe („Let’s Impeach the President“).

Auf dem Onlineportal Spotify gibt es Playlists mit 9/11-Songs. Wundervolle sieben Minuten lang singt die US-Amerikanerin Tori Amos „I Can’t See New York“, ich kann New York nicht sehen, im Oktober 2002 veröffentlicht – und schon Monate vor dem 11. September 2001 geschrieben, wie Amos später erklärte. Ihr Konzeptalbum „Scarlet’s Walk“, auf dem das Lied enthalten ist, handelt von einer Frau auf der Suche nach sich selbst. „So reist sie gen Osten, bis sie in New York ankommt, wo es nach der offenen Wunde stinkt“, schildert die Sängerin. „Wo aber trotzdem niemandem erlaubt wird, endlich wichtige Fragen an dieses Land zu stellen.“

„Ist ,I Can’t See New York‘ ein erstaunlicher Zufall oder Pop als Prophetie?“, fragt Dietrich Helms 2004 in einem Beitrag zum 11. September und der Bedeutung populärer Musik. Und legt nahe, dass es eher die Interpretierbarkeit von Popsongs ist, die sie uns so häufig aus der Seele sprechen lassen. Tori Amos habe gezeigt, dass der 11. September die Bedeutung von Liedern veränderte, „und zwar total und grundlegend“.

Was zuallererst für „Only Time“ gilt. Enya, heißt es, habe das Geld, das ihr der Terror-Hit einbrachte, den Hinterbliebenen gespendet – und den New Yorker Feuerwehrleuten.

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