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Schauspieler Gerd Baltus ist gestorben.

Fernsehen

Sonderbar entrückt

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Der Schauspieler Gerd Baltus ist im Alter von 87 Jahren gestorben.

Gerd Baltus entwickelte seine Figuren aus der Verschwiegenheit. Wer ihn sah, wusste nie so recht, woran man bei ihm war - jedenfalls die Menschen um ihn herum, auf dem Fernsehbildschirm, wussten nie so recht, denn viele seiner Figuren waren undurchsichtig. Sie mussten nicht zwielichtig sein, überhaupt nicht, aber unzugänglich waren sie doch in jedem Fall, auch wenn er lächelte, nicht etwa dubios, das konnte er auch, sondern verlegen. So war es häufiger.

Gerd Baltus wusste, was er tat, auch als er einmal meinte, er habe immer wieder die gleichen Rollenangebote bekommen, zu 90 Prozent, wie er sagte, solche für die „verdrückten Typen“. Das war womöglich auch ein leiser Einwand, doch er gehörte zu denen, die sich zurückhielten.

Am Wochenende wurde bekannt, dass Gerd Baltus am Freitag in Hamburg gestorben ist, 87 Jahre alt. In Hamburg, begann er seine Karriere. Ohne dass er eine Schauspielausbildung hätte vorweisen können, gelang ihm 1953 ein Engagement am Hamburger Schauspielhaus, dem er unter Gustaf Gründgens bis 1956 angehörte. Es folgten Theaterstationen in Bonn und an den Münchner Kammerspielen, wo ihm in Max Frischs „Andorra“ der Durchbruch gelang. Gastspiele gab er am Hamburger Thalia Theater und bei den Salzburger Festspielen. Unter August Everding spielte er 1972 im Münchner Residenztheater neben Heinz Rühmann in Harold Pinters „Der Hausmeister“.

Baltus kehrte der Bühne den Rücken, im Fernsehen spielte er fortan, es geschah mit sparsamen Gesten, vor allem mit den Augen, der Blick nach innen gerichtet. Er zeigte den Sonderbaren, so dass man über das Wort sonderbar ins Grübeln kommen konnte. Zeigte den ewigen Verlierer, so dass man sich länger über das so dahingesagte Wort ewig Gedanken machen konnte. Der vom Fernsehen ungemein häufig engagierte Baltus spielte die Buchhalternaturen und deren abgründiges Naturell. Das führte dazu, dass er auch in der Rolle des Bösewichts besetzt wurde - was natürlich nur eine beschönigende Seite gehabt hätte, wenn Baltus nicht die Buchhalternatur in ihm entdeckt hätte wie wiederum im Behäbigen das Berechnend-Böse.

Die Banalität der Klischees

Gleich am Anfang seiner Arbeit vor der Kamera stand ein Preis: Als bester Nachwuchsschauspieler erhielt er 1965 den Bundesfilmpreis für seine Rolle als Leutnant Beckerath in „Wälsungenblut“, der Verfilmung der gleichnamigen Thomas-Mann-Novelle. Seinen Anspruch an sich selbst formulierte er so: „Ein Schauspieler darf nicht glatt sein, sondern muss manchmal bewusst Unzulänglichkeiten in die Darstellung einer Person einbauen, um glaubwürdig zu wirken.“

Baltus war ein Gesicht in zahllosen TV-Serien, auch hier zumeist einer der „verdrückten Typen“, nicht verrückt, aber doch der Welt entrückt, ihren Gesetzen, nicht zu vergessen deren Klischees. Deren banale Gewalt konnte Baltus beängstigend präsent werden lassen. 

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