Sonnenschirme auf "Balkonien"
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Mit genug Stoff - zum Lesen, Hören und, natürlich, zum Schutz vor der Sonne - lässt es sich hier aushalten.

Bücher, Musik, Filme: Tipps für den Sommer

Der Balkon zur Welt

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  • Stephan Hebel
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  • Thomas Stillbauer
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  • Sylvia Staude
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  • Judith v. Sternburg
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  • Daniel Kothenschulte
    Daniel Kothenschulte

Mag sein, dass die meisten von uns in diesem Sommer nicht weit kommen. Mit diesen Büchern machen Sie auch im Garten, Park oder Omnibus eine gute Figur und erweitern zugleich Ihren Horizont. Dazu etwas Musik und Filme.

Im Stall  Schlachthaus-Skandal? Wer schon fast entschlossen ist, nun Vegetarier zu werden, sollte sich mit Sy Montgomerys unsentimentaler, dennoch anrührender Geschichte von Chris, dem Schwein, den letzten Schubs geben. Sein dicker warmer Ranzen ist ein Trostkissen – und auch bücherlesende Fleischesser dürfen sich darauf betten.

Sy Montgomery: Das herzensgute Schwein. A. d. Engl. von Melusine Stern. Diogenes, 202 S., 12 Euro.

Im Zweifel  Das Schreckliche ist passiert, die Schuldige gefunden und angeklagt – aber ist Elizabeth, Mutter eines autistischen Jungen, tatsächlich verantwortlich für die Brandstiftung, die ihren Sohn das Leben kostete? Aus diversen Prozess-Aussagen baut Angie Kim einen Verdacht auf, dann die berechtigten Zweifel daran. Wer lügt, verschweigt, wer sagt die halbe Wahrheit?

Angie Kim: Miracle Creek. A. d. Engl. von Marieke Heimburger. Hanserblau. 504 S., 22 Euro.

In Maine  Olive Kitteridge ist alt geworden, aber das ist für sie absolut kein Grund, mild zu werden. Elizabeth Strout gönnt ihrer Wie-ihr-der-Schnabel-gewachsen-ist-Figur (Frances McDormand hat sie gespielt!) lange Sommerabende, eine späte Liebe, die Golden-Bridge-Seniorenresidenz. Wie ganz und gar gewöhnlich, wie hinreißend erzählt.

Elizabeth Strout: Die langen Abende. Roman. A. d. Engl. von Sabine Roth. Luchterhand. 352 S., 20 Euro.

Im Rätselland  Wenn einer Gleichungen aufgehen lassen kann, dann ja wohl ein Mathematiker, und Guillermo Martínez ist einer. Nun ist ein Whodunnit mehr als eine Gleichung mit einem Unbekannten, dem Täter. Aber wenn im Nenner des Krimi-Buch-Bruchs außerdem steht „Kann schreiben“ und im Zähler „Kennt sich mit Lewis Carroll aus“, führt das zur allerschönsten Summe.

Guillermo Martínez: Der Fall Alice im Wunderland. A. d. Span. von Angelica Ammar. Eichborn. 315 S., 16 Euro.

Pfiffig  Gäbe es Medaillen für Schlitzohrigkeit – der laotische Leichenbeschauer Dr. Siri Paiboun und sein Erfinder Colin Cotterill hätten längst Gold. Diesmal ermittelt Dr. Siri bei Olympia 1980 Moskau, Hier werden nicht nur Fälle aufgeklärt, sondern auch wir – über die Tragikomik undurchsichtiger Mächte.

Colin Cotterill: Dr. Siri und die Spiele der Rattenfänger. A.d. Engl. von Thomas Mohr. Goldmann, 352 S. 20 Euro.

Mutig  Das Buch ist noch nicht da, es kommt Ende Juli. Aber wer auch nur nachsieht, was Ilija Trojanow schon verraten hat, wird es noch auf die Sommerliste setzen. Es geht um Whistleblower und ihre (echten?) Informationen, um Medien und vor allem um den Mut zur Suche nach der Wahrheit. Verpackt in einen spannenden, faszinierenden Roman.

Ilija Trojanow: Doppelte Spur. Roman. S. Fischer, 240 S., 22 Euro.

Wendig Ingo Schulze, der Ironie so wenig abgeneigt wie dem politischen Ernst, erzählt nur auf den ersten Blick eine deutsch- deutsche Wendegeschichte. Auf den zweiten und dritten Blick nimmt das Buch derart ausgeklügelte Wendungen, dass es große Aufmerksamkeit verlangt – um dann sehr viel zurückzugeben.

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder. Roman.  S. Fischer, 320 S., 21 Euro.

Strittig  Wer glaubt, den Kapitalismus schon verstanden zu haben, sollte sich durch dieses Buch eines Besseren belehren lassen. Die beiden Denkerinnen liefern eine angesichts ihrer analytischen Tiefe erstaunlich gut lesbare Zeitdiagnose. Und landen mitten im aktuellen Streit über das Verhältnis von materieller Ausbeutung und egalitärem Liberalismus.

Nancy Fraser, Rahel Jaeggi: Kapitalismus. A.d. Engl. von Jürgen Schröder. Suhrkamp,  329 S., 24 Euro.

Im globalen Dorf  Gleichheit fällt den Menschen nicht ohne weiteres zu. Sie will auch theoretisch stets neu begründet werden. Danielle Allen ergriff 2017 die Gelegenheit bei den Frankfurter Adorno-Vorlesungen, um Gleichheit als ein Prinzip der Gerechtigkeit zu begreifen, das auf „Differenz ohne Herrschaft“ basiert.

Danielle Allen: Politische Gleichheit. A. d. Englischen v. Christine Pries. Suhrkamp. 240 S., 28 Euro.

Im Stadion  Für seine Stadion-Leidenschaft ist der Autor wahrhaftig die weitesten Wege gegangen, vom Maracana in Rio bis zu Arenen in Australien. Wie in einem tosenden Wohnzimmer fühlt sich der Literaturwissenschaftler aus Kalifornien allerdings nur auf der Dortmunder „Süd“, dem BVB-Ideal nahe: beherzt – vortrefflich – begeisternd.

Hans Ulrich Gumbrecht: Crowds. Das Stadion als Ritual von Intensität. Klostermann Essay 5. 154 S., 14,80 Euro.

In der Werkstatt  Die Handschrift Edward Hoppers ist in jedem seiner suggestiven Gemälde unverkennbar. Hier nun eine weitere Suggestion. Denn die Skizzen aus den Werkstattbüchern sagen als Vorstufen viel über das Handwerk des Meisters. Für Betrachter eine herrliche Handreichung.

Edward Hopper: Ausgewählte Gemälde. Mit Skizzen und Aufzeichnungen. Schirmer/Mosel. 152 S., 29,80 Euro.

In Deutschland  Peter Szondi, 1929 geboren, schrieb Germanistikgeschichte. Hans-Christian Riechers rekonstruiert die Biografie eines jüdischen Intellektuellen in einem Deutschland der Nachnazizeit, der, so erfolgreich er als Autor auch war, sich dennoch als „self-displaced person“ beschrieb. 1971 beendete Szondi sein Leben.

Hans-Christian Riechers: Peter Szondi. Eine intellektuelle Biographie. Campus. 281 S., 39,80 Euro.

Sauviel Arbeit  Bis zu diesem perfekt gebauten Roman über Sanitäter, Polizistinnen, Türsteher, Kiosk- Betreiberinnen, Flaschensammlerinnen, Dealer wusste man nicht, dass einen das Berliner Nachtleben brennend interessiert. Unheimlich: Alles hier basiert auf dem Gefühl ewiger Dauer. Ein Irrtum, wie sich im März zeigte.

Thorsten Nagelschmidt: Arbeit. Roman. S. Fischer. 336 S., 22 Euro.

Zumindest eine arbeitet  Die in aparte Strandkulisse platzierte Begegnung zwischen einer Malerin und einem unwilligen, aber markant schönen Modell (Adèle Haenel) wird von Céline Sciamma so attraktiv und dabei spröde in Szene gesetzt, dass man ganz verwickelt wird in diese unorthodoxe Liebesgeschichte aus dem 18. Jahrhundert.

Porträt einer jungen Frau in Flammen. DVD. Ca. 13 Euro.

Nicht so viel Arbeit  Herrmann ist auf jene Art gestresst, die gerade dann entsteht, wenn jemand im Büro beschäftigt wirken muss. Der Roman, der heißt wie er, erzählt mit Witz, aber nicht zu viel Witz von einem in die Krise geratenen und latent ergrimmten Menschen in einer österreichischen Pendlerregion.

Bettina Gärtner: Herrmann. Roman. Droschl. 288 S., 23 Euro.

Zumindest wir arbeiten nicht  Vorm Bad im Strom der Musik denken wir höchstens noch kurz, ob der Name „Discovery of Passion“ blöd ist. Die sagenhafte Blockflötistin Dorothee Oberlinger, ihr Ensemble 1700 und der Geiger und Countertenor Dmitry Sinkovsky spielen Nummern an der Grenze von Renaissance zu Barock, eine bezaubernder als die andere.

Dorothee Oberlinger u.a.: Discovery of Passion. CD. Deutsche Harmonia Mundi. Ca. 14 Euro.

Schwelgerisch  Das lebendige Schweigen des Stummfilms übertrug Peter Lindbergh Anfang der 1980er Jahre in die Modefotografie: Sein letzter schwelgerisch-pathetischer Bildband mit vielen unveröffentlichten Bildern führt scheinbar hinter die Kulissen imaginärer Filme.

Peter Lindbergh: On Fashion. Taschen. 440 S., 60 Euro.

Zerbeult  Die Ära aufwendiger DVD- und Bluray-Veröffentlichungen geht langsam zu Ende, umso grandioser präsentiert sich David Cronenbergs vielleicht bester Film, seine finstere Huldigung an Geschwindigkeit und die Erotik von zerbeultem Blech.

David Cronenberg: Crash. USA 1996. BluRay, 280 Min. mit Bonusmaterial, Turbine Medien. ca. 35 Euro.

Ebenbürtig  Und wenn es nur der eine Song wäre, für den eigens eine zweite Disk im Album liegt, „Murder Most Foul“: Die Gänsehaut, die Bob Dylans episches Stück Americana um die Nachwirkung von John F. Kennedys Ermordung hinterlässt, ist seiner größten Werke ebenbürtig.

Bob Dylan: Rough and Rowdy Ways, 2 CDs. Sony Music, ca. 13 Euro.

Intim  Die vieldiskutierte Autobiographie des Filmemachers besticht besonders durch die intime Zeichnung seiner Kindheit in der jüdischen Nachbarschaft Brooklyns. Auch das englische Hörbuch ist ein Ereignis – zwölf Stunden liest es Allen mit sanfter, fast brüchiger Stimme.

Woody Allen: Ganz nebenbei. Rowohlt. 448 S., 25 Euro. Audible-Hörbuch, kostenlos für Abonnenten des Amazon-Dienstes.

Hoch  Es geht eigentlich gar nicht so sehr um die Alpen. Es geht vielmehr um Traum und Verlust, Liebe und Schmerz, um Wahnsinn, Betrug und um wunderbar schöne Sprache. Es löst sich eine wahre Lawine aus allen erdenklichen Varianten, ein Buch zu schreiben. Aber es geht auch um die Alpen.

Benjamin Quaderer: Für immer die Alpen. Roman. Luchterhand, 592 S., 22 Euro.

Huch Was die Schwedin da singt, das sind nicht ihre Lieder gewesen, ursprünglich. Eigentlich waren es Lieder der Smiths, von Black Sabbath, Velvet Underground, Fleetwood Mac, Dylan. Aber jetzt sind es Emmas Lieder. Mit der Gitarre begleitet, nur mit dem Tonbandgerät aufgenommen, mit einer Stimme voll Anmut veredelt.

Emma Elisabeth: Cover Stories. Download ca. 10 Euro via Ferryhouse Productions.

Hach Ein winziges riesengroßes Büchlein, es enthält 1.) den Austausch zweier Gelehrter über die Lage unter Corona und 2.) einen Dialog über die Freiheit seit Menschenbestehen, beides meisterlich miteinander verwoben an einem einzigen Tag im digitalen Gedankenschweifen zwischen München und Berlin.

Ferdinand von Schirach, Alexander Kluge: Trotzdem. Luchterhand. 80 S., 8 Euro.

Horch Nicht viele Künstler haben es in der Pandemie gewagt, ihre Alben zu veröffentlichen, ohne Chance, auf Tour dafür zu werben. Die Männer aus Stillwater, Oklahoma, waren so mutig. Ihre Musik enthält die Weite des Americana-Gefühls, wie gut das tut in der Enge dieser Zeit, und sie hält Ennio Morricone ein bisschen wach.

Other Lives: For Their Love. Pias Recordings. CD ca. 13 Euro, Download ca. 10 Euro.

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