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„Ich könnte nichts reißen, wenn es nicht die anderen gäbe“, sagt Bude. Hier eine „Solidarität ohne Grenzen“-Demo.

Interview

Solidarität ist keine Hängematte

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Der Berliner Soziologe Heinz Bude im Gespräch über die Zukunft einer großen Idee, die heute vor allem von rechts bedient und von links liegengelassen wird.

Herr Bude, als politische Pathosformel war der Begriff der Solidarität zuletzt eher ein Ladenhüter. Warum wagen Sie gerade jetzt einen Rettungsversuch?
Weil ich überall das Bestreben erkenne, einen Schlussstrich unter die Periode der letzten vierzig Jahre zu ziehen. Das Credo des Neoliberalismus hieß, eine gute Gesellschaft ist eine Gesellschaft starker Einzelner. Daran glaubt heute kaum noch jemand. Man sucht nach eine Zeit der Absolutsetzung des Ichs wieder ein Wir, das Schutz bietet und Bindung verspricht.

Die glühendsten Verfechter der Solidarität, so schreiben Sie, kommen heute von rechts. Was ist darunter zu verstehen?
Die Rechte denunziert den Liberalismus und feiert das Volk. Darin steckt das Angebot einer exklusiven Solidarität, die eine Mauer des Wirs gegen Zersetzer von innen und Angreifer von außen baut. Dem hat die Linke nur einen Liberalismus des schlechten Gewissens entgegenzusetzen.

In den Arbeitskämpfen unserer Tage fällt es manchmal schwer, zu entscheiden, wer unterstützende Anteilnahme verdient. Ist es die Berufsgruppe der Lokführer oder sind es die Pendler, die plötzlich nicht mehr von hier nach da kommen? Lassen die stark divergierenden gesellschaftlichen Interessen überhaupt noch Solidarität zu?
Im Gegenteil: Der Pluralismus der Interessen ist auf eine Solidarität im Ganzen angewiesen. Solidarität verbindet die Verschiedenen und verpflichtet die Einzelnen. Wir sind aufeinander angewiesen, weil nichts laufen würde, wenn andere nicht mitmachen. Das Problem ist nur, wie diese unsichtbare Solidarität sichtbar und fühlbar gemacht werden kann. Wenn jede Gruppe nur an sich denkt, kommt für alle immer weniger heraus. Wenn den Fluglotsen egal ist, was mit den Flugbegleitern los ist, und denen, wie es beim Bodenpersonal aussieht, kommen auf Dauer alle schlechter weg.

Neben dem emphatischen Großbegriff gebe es eine Art Mikropolitik der Kollegensolidarität, sagen Sie. Was kann durch sie erreicht werden?
Solidarität unter Kollegen versteht sich in einem Betrieb, in den man morgens nicht gerade mit Widerwillen geht, von selbst. Wenn jemand gerade nicht so gut drauf ist, übernimmt jemand, ohne groß was daraus zu machen, was von der Arbeit mit. Natürlich nicht, wenn das zur Regel wird, aber als Überbrückung von momentanen Schwächen von Kollegen ist das eine Bedingung der Möglichkeit für einen halbwegs funktionierenden Betrieb. Sei es nun in der Fabrik oder im Büro. Wenn wir allerdings alle am Rechner von zu Hause arbeiten, entfällt diese selbstverständliche Erfahrung von Solidarität.

„Solidarität verbindet die Verschiedenen und verpflichtet die Einzelnen.“, sagt Heinz Bude.

Niemand muss solidarisch sein, schreiben Sie. Aber man solle eine Ahnung davon haben, was man verliert, wenn man vergisst, was wir uns schulden. Was schulden wir uns denn?
Wir schulden einander, was wir miteinander teilen. Mir geht es um die grundlegende Empfindung, dass ich nichts reißen könnte, wenn es nicht die anderen gäbe, die mit mir zusammenwirken und auf die ich zurückgreife. Mal etwas einfach ausgedrückt: Wer was verdienen will, muss andere mitverdienen lassen. Nicht weil er ein guter Mensch ist, sondern weil das klug ist und insgesamt die Stimmung der Gemeinsamkeit hebt.

In Ihrem Buch nehmen Sie begriffsgeschichtliche Exkursionen zu sehr verschiedenen Konzepten von Solidarität vor. Haben Sie dabei zu Unrecht vernachlässigte Ideen entdeckt?
Vor allem die Grundmaxime der gesamtschuldnerischen Haftung im Römischen Recht: Alle für einen und einer für alle. Das ist eine bestechende Solidaritätsformel, die die ungeheuere Bedeutung der einzelnen Person für die Gemeinschaft hervorhebt.

Sie haben sich in zurückliegenden Arbeiten intensiv mit dem Typus des unternehmerischen Einzelnen beschäftigt. Wenn der Eindruck nicht täuscht, war gerade er es, der sich den klassischen Solidaritätserwartungen entzogen hat. Wo verorten Sie ihn in Ihren Überlegungen?
Solidarität ist keine Einbahnstraße und keine Hängematte. Sie ist vielmehr eine Praxis wechselseitiger Hilfe und zwischenmenschlicher Aufmerksamkeit, an der der Aktivismus der einzelnen sein Maß findet. Die Idee eines Exitkapitalismus, die einen dazu verführt, so schnell wie möglich so viel wie möglich zu verdienen, um dann auf Grundlage eines schönen Aktienpakets mit seinen halbwüchsigen Kindern auf Weltreise zu gehen, bedeutet den Austritt aus der Solidarität.

Ich habe Ihr Buch als Erkundung zu einem neuen Wir verstanden. Worin könnte das Versprechen dieses neuen Wir-Begriffs bestehen?
Solidarität ist immer auch ein gefährlicher Begriff, weil er ein Wir, das sich abschließt, gegen ein Ihr setzt, das als Inbegriff der Anderen angeschaut wird. Wir erleben das heute nicht nur in Ungarn oder England, sondern auch im eigenen Land zwischen Ost und West. Das kann man im Prinzip nur durch Erweiterung und Variierung des Wir-Bezugs lösen. Die Solidarität zwischen Ost- und Westdeutschen ist nur im Blick auf etwas Gemeinsames zu finden, in das die Besonderheiten von Ost und West eingehen. Aber wir wissen und spüren in Deutschland, dass dieses Wir noch aussteht. Deshalb müssen wir experimentieren. Das Wir, das ich meine, ist ein Wir, das unsere Anstrengung und unsere Fantasie verlangt, weil es im Werden begriffen ist. Das gilt erst recht für das Wir der einen Welt, das eine Solidarität zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden stiftet. Und zwar auf der einen und einzigen Erde, die wir haben.

Interview: Harry Nutt

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