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Astrid Kessler und Raymond Ayers gleiten aneinander vorbei.

Nationaltheater Mannheim

In solcher Nähe, so fern!

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Barrie Koskys grandiose, beklemmende Inszenierung von Debussys „Pelléas und Mélisande“.

Den Raum, in dem „Pelléas und Mélisande“ spielt, das ungewisse, sagenhafte Reich Allemonde, stellt man sich immer groß vor, obwohl seine Existenz abstrakt und insgesamt unwahrscheinlich ist. Darauf stößt uns Barrie Kosky, der in seiner Lesart von Claude Debussys Oper ganz anders vorgeht. Die für das Personal ausweglose, für das Publikum wegweisende Inszenierung kam an der Komischen Oper Berlin heraus und ist jetzt am Nationaltheater Mannheim zu sehen. Es wäre ein Fehler, sie zu verpassen, jedoch wird man das Theater so beklemmt verlassen, dass man nie mehr im Leben jemanden in eine Situation drängen will, und wenn es noch so gut gemeint ist.

Denn Klaus Grünberg hat für Kosky eine Bühne auf der Bühne errichtet, ein kleiner, untiefer, dunkler Raum – die gepunkteten Wände: gewiss funktional, aber man kennt die Funktion nicht –, dessen Boden sich von unsichtbarer Hand streifenweise bewegt: Man schaut auf den Ausschnitt einer Drehbühne, und die Ausweglosigkeit rührt nicht nur von der Fremdbestimmung der langsamen Drehungen her, sondern: Wer den Raum entschlossen verließe, würde ohnehin nach einer kurzen Zeit auf der anderen Seite wieder hereinkommen. Golaud und Mélisande begegnen sich eingangs nicht wie im gewöhnlichen Leben und Wald, sie werden zusammengerollt. Von ihr sieht man zuerst nur die Arme und Hände, die sich um den Mann schlingen, pflanzenhaft in der Tat. Nachher wird ihr einmal ein Ast aus den Händen gewachsen sein, aber gerade die Intensität des Abstrakten erstaunt.

Es ist eine minuziöse Bewegungssprache, die Kosky nun ausbreitet, jähe Nähe, die immer bloß eine fürchterliche Verzweiflung ist, dann wieder das stille Wegrutschen, die Suche nach Halt im Raum. Fass mich nicht an, singt Mélisande, während sie Golaud umarmt. Irritierend und faszinierend (und irgendwie unlogisch, aber darum kommt man nicht los davon) die ständigen Kostümwechsel, durch Dinah Ehm ermöglicht. Mélisande vor allem scheint ohne Unterlass nach der richtigen Garderobe für ein richtiges Menschenleben zu suchen, ohne dass die Fremdheit nachließe. Die einander kaum minder fremden Brüder Golaud und Pelléas treten zwischenzeitlich in Turner- oder Unterwäsche auf, in der Tat ähnelt ihre Beziehung einem dauerhaften, zähen Ringkampf.

Körperlichkeit ist präsent, Mélisande, auch das wäre eine Interpretation, kann sie durch die teils adrette, dann wieder glamouröse, dann wieder besonders zurückhaltende Kleidung nicht abhalten. Arkel, in Mannheim ein großer schwerer Mann mit Krücken, fällt regelrecht über sie her, Golaud geht ihr an die Gurgel. In einem so noch nie gesehenen Schlussbild wird die gefühllos weiterdrehende Bühne ihre Leiche zusammenfalten und einsaugen, ein letzter sinnloser Akt stummer Gewalt. Die Beziehung zu Pelléas ist wie ein Traum, entweder sie schläft oder er. Nichts davon ist aber derb oder offensichtlich. Das macht es noch schlimmer und aufregender und lenkt den Blick auf das Unbegreifliche der Handlung, das sonst mit Liebe und Eifersucht gerne weginszeniert wird. 

Es ist beeindruckend, wie sich das Orchester unter Alexander Soddy auf die ja nicht vor Ort entwickelte klaustrophobische, ungemeine Aufmerksamkeit erfordernde Inszenierung einlässt. Detailreich die Musik, noch im Aufblühen scheu und wie in der Defensive. Hingegeben an die wunderliche Atmosphäre das Ensemble, ausgewogen und unprätentiös der Gesang – und sehr introvertiert, was in der Oper generell einen tollen Widerspruch in sich selbst darstellt. Astrid Kesslers nuancenreicher Sopran und ihr Spiel als ungemein empfindliche ausgesetzte Titelheldin prägen den Abend, Sie wird stark flankiert von Raymond Ayers als Pelléas, Joachim Goltz als Golaud und Patrick Zielke als Arkel.

Nationaltheater Mannheim:8. Juni, 14., 24. Juli. www.nationaltheater-mannheim.de

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