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Luc Bondy im Sommer 2008 in Zürich.
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Luc Bondy im Sommer 2008 in Zürich.

Luc Bondy

Wer sind wir wirklich?

Viel muss jemand über Menschen wissen - und viel für sie empfinden, um auf einer Bühne so wie er von ihnen erzählen zu können. Erinnerungen an den einzigartigen Theaterregisseur Luc Bondy.

Von Peter Iden

Als wir uns zuletzt sahen, im Speisesaal seines Lieblingshotels in Berlin, hatte er etwas an sich vom Alter der Welt. Aber Luc Bondy war immer schon weiter, als er nach Jahren zählte.

Das war schon überraschend bei unserem ersten Treffen, in Bochum ist das gewesen, bald nach 1970, er war da gerade in seinen frühen Zwanzigern, man hatte von vielversprechenden Inszenierungen eine jungen Regisseurs in Göttingen und Wuppertal gehört. Botho Strauß, damals Redakteur bei „Theater heute“, schlug mir vor, diesen Bondy gemeinsam kennenzulernen. Das geschah dann während eines langen Spaziergangs zu dritt, immer um das Bochumer Theater herum, unvergessen die Art von scheuer Entschiedenheit, mit der Bondy im Verlauf de Gesprächs mehr und mehr sich bekannte, klug sich aussprach für ein Theater, das unbedingt eines der Dichter aber zugleich ein Theater der Schauspieler sein müsse.

Es war dann beinah selbstverständlich, dass Peter Stein, als er mit seinem in Zürich entwickelten Ensemble, zu dem, nur sie zu nennen, Jutta Lampe, Edith Clever, Bruno Ganz, Werner Rehm, Gerd Wameling, Otto Sander und der junge Michael König gehörten, von Kurt Hübners Bremer Theater nach Berlin kam, um die Schaubühne am Halleschen Ufer für die Dauer von mehr als einem Jahrzehnt zur ersten Bühne des europäischen Theaters zu entwickeln – sehr naheliegend jedenfalls, dass Stein sich entschied, neben Klaus Michael Grüber auch Bondy als neben Stein dritten Regisseur möglichst eng an das Haus zu binden. Wie dann auch bald Botho Strauß, noch ehe er selbst als Dramatiker an der Schaubühne Triumphe feierte, von Stein gewonnen wurde, zusammen mit Dieter Sturm die Dramaturgie zu verantworten.

Bondy begann in Berlin 1967 mit einer Aufführung der „Wupper“ von Else Lasker-Schüler. Von allem das Erstaunlichste daran war die weise Liebe, mit welcher der junge Regisseur auf die Menschen in dem Stück eingegangen ist.

Keine Figur, die nur ausgestellt oder denunzierend abgetan worden wäre. Zu sehen an der Gegenwart der Personen immer auch die lange Vorgeschichte der Widersprüche, die sie beunruhigen, umtreiben, bedrohen – manche ersticken daran. Dass Versöhnung mit sich selbst ihnen so sehr misslingt: daher rührt dann ihr Leiden. Jemand musste viel über Menschen wissen und viel für Menschen empfinden, um auf einer Bühne so wie Bondy von ihnen erzählen zu können.

Er hatte für sein Debüt in Berlin, Jutta Lampe und Ilse Ritter, Otto Sander, Werner Rehm und Libgart Schwarz waren dabei, die Schauspieler, deren Interesse an der widersprüchlichen Realität von Figuren der Theaterliteratur immer stärker gewesen ist als irgendwelche äußerlich-ideologischen Absichten, die der Bühne seinerzeit von links angetragen wurden.

Am Ende des folgenden Jahrzehnts hat Bondy dann an der Schaubühne von Strauß „Die Zeit und das Zimmer“ herausgebracht. Libgart Schwarz: ihr erster Auftritt an diesem Abend, atemlos flog sie herein, grelle und ganz leise Töne in ihrem Reden, große Spannweite des Ausdrucks, die nachdrückliche Präsenz dieser Person schien alle Fragen abzuschneiden – die man aber doch behielt: Was will sie? Wie kam es zu der gerade erst überstandenen psychischen Katastrophe, auf die sie anspielt? In ihrer unmittelbaren Gegenwärtigkeit machten sich, unscharf geschieden, Reste einer anderen Zeit geltend, sich dem Jetzt untermischend: ein nicht zu entwirrendes Zeiten-Melee aus Kontingenz und Fixierung.

Dieser Gegensatz von Gewissheit und dem tiefen Zweifel daran hat der Regisseur auch wieder vorgefunden und thematisiert als er 1992, wieder an der Schaubühne, „Schlußchor“ von Strauß inszenierte, das Stück, das vom Ende der DDR und vom Enden überhaupt handelt. „Niemand wird mehr wissen, wer wer war“, resümierte da eine Person die Lage, in einer der vielen brüchigen Miniaturen, mit denen Stück und Aufführung glänzten. Im Jahr darauf zeigte er, in französischer Sprache, dem Idiom seiner Jugend, in Lausanne-Vidy mit Bulle Ogier und Michel Piccoli Ibsens „John Gabriel Borkman“. Es war eine Inszenierung gegen die Automatismen der Verdrängung, ein Merkmal der Jetztzeit. Bondy hatte eine andere Nachricht: Nicht geschieht, das je ganz vergehen, restlos abgelebt werden könnte; es gibt die Last der Erinnerung – wie auch immer wir damit umgehen, verzweifelt oder lächerlich oder beides zugleich, sie wirkt in jedem Leben.

Jetzt, da dieser auf seltsam gelassene Weise nervös hoch empfindliche Theatermensch, nicht mehr da ist, befrage ich mich, dem Theater zugetan und anhängend während inzwischen mehr als einem halben Jahrhundert, wie es gewesen wäre, hätte es die Bühnenwerke dieses Luc Bondy nicht gegeben. Das Theater wäre ein ganz anderes gewesen, um vieles ärmer. Wie ebenso das eigene Leben.

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