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FR-Redakteur Peter Michalzik hat eine Gebrauchsanleitung für das Theater verfasst: "Die sind ja nackt! Keine Angst, die wollen nur spielen"
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FR-Redakteur Peter Michalzik hat eine Gebrauchsanleitung für das Theater verfasst: "Die sind ja nackt! Keine Angst, die wollen nur spielen"

Theater-Gebrauchsanleitung

Die sind ja nackt!

... keine Angst, die wollen doch nur spielen. Peter Michalzik, Theaterkritiker der FR, hat eine Gebrauchsanleitung für Theaterbesucher geschrieben. Wir bringen Auszüge aus der Neuerscheinung.

DAS ARME KLEINE DEUTSCHE THEATER

Von der Mode, auf einer kulturellen Institution herumzuhacken...

Von allen Seiten wird das Theater in die Mangel genommen. Sogar das Theater selbst hasst das Theater. An der Berliner Volksbühne, lange Jahre das führende deutsche Stadttheater, schimpft man regelmäßig auf das Stadttheater. Es gehört sozusagen zum guten Ton. Theaterregisseure kommen sich besonders originell und mutig vor, wenn sie öffentlich sagen, dass sie privat lieber ins Kino gehen. Wie wenn es etwas besonders Tolles wäre, dass man in seiner Freizeit nicht so gern in seine Arbeitsstätte geht.

Hollywood-Schauspieler denken tatsächlich, dass man keine Beschäftigung hat, wenn man Theater macht. Unser amtierender Bundespräsident soll nach einer Vorstellung in Berlin, der er beiwohnte, hinter die Bühne gekommen sein und die Schauspieler gefragt haben, was sie denn hauptberuflich machen. Vielleicht sollte dem Herrn Köhler mal jemand sagen, dass das zwar keine Spitzenverdiener sind, aber dass sie einem alten, ehrwürdigen Beruf nachgehen, älter jedenfalls als Bundespräsident. Es ist schon bitter: Alle, wirklich alle, schimpfen auf das Theater. Was hat es uns nur getan, das liebe kleine deutsche Theater?

©Perscheid/Distr. Bulls

VORHANG

Von der magischen Funktion, eines zu Unrecht in Verruf geratenen

Sichtbares Zeichen dieser Verwandlung ist der Vorhang. Der Vorhang ist seit Jahren im Theater etwas in Verruf geraten, nicht umsonst. Er hat die Sicht auf die Verwandlung, deren Zeichen er ist, durch endloses Auf- und Zugehen eher verstellt als geöffnet. Vor dem Vorhang war Zuschauerraum, dahinter Bühne, hier Wirklichkeit, dort Phantasie. Das war falsch, denn der Vorhang öffnet nicht den Blick von einem Raum in einen anderen, wie er anzunehmen nahe legt, er trennt zwei Teile eines Raums, die dadurch, dass er hochgeht, verbunden werden. Es ist eher ein Kurzschluss, der hier stattfindet, als dass sich ein Fensterladen öffnet.

Eine Zeit lang war Theater mit Vorhang wie schlechtes Kino, die Bühnenbildner konnten sich noch so Mühe geben, die Rundhorizonte mochten noch so strahlen, die optische Verführungskraft der Leinwand war trotzdem weitaus größer. Mittlerweile aber ist das anders. Der Vorhang, den es im Theater heute geben kann, aber nicht muss, ist in seiner magischen Funktion erst jetzt so richtig sichtbar geworden. Wahrscheinlich gab es nie Zeiten, in denen man einen Vorhang und die räumliche Verwandlung, die er bewirken kann, besser wahrnehmen konnte als die unsere.

WENN WIR DRIN SIND

Ganz wichtig: Es gehört sich nicht, an den Mitbesuchern mit seinem Hinterteil entlangzuschrammen

Man hat die schwer oder leicht erworbene Eintrittskarte vorgezeigt, hat sich durch das Foyer bewegt, hat das Programmheft gekauft, das man außer der Besetzungsliste nicht lesen wird (Verzeihung, liebe Dramaturgen), hat seinen Platz gefunden und abgeschätzt wer neben, vor und hinter einem sitzt. Wer könnte einen stören, weil er zu groß ist oder hochtoupierte Haare hat, wen könnte man selbst stören. Könnte es sich lohnen, mit dem Sitznachbar ein paar Worte zu wechseln. Später wird man mal einen kurzen Moment darüber nachdenken, wie er diese oder jene Stelle empfunden hat, man wird nach links oder rechts schielen, um aus seinem Gesicht etwas abzulesen.Man ist nicht als einer der ersten in den Zuschauerraum gegangen, um sich dort nicht zu langweilen. Man hat auch nicht den Fehler gemacht, den mittlerweile fast alle Zuschauer machen, und hat denen, die aufstehen mussten, damit man auf seinen Platz kommt, Rücken und Hintern zugewendet. Das ist zur Zeit die größte und am weitesten verbreitete Unsitte im Theater. Es gehört sich nicht, an den Mitbesuchern mit seinem Hinterteil entlangzuschrammen. Ganz abgesehen davon, dass man sich um den Genuss bringt, den Gesichtern derer, an denen man vorbeigeht, für einen kurzen Moment ganz nahe sein zu können.

©Perscheid/Distr. Bulls

AUS DEM PUBLIKUM

Wie der elektrisierende Kurzschluss zweier sonst getrennter Bereiche...

Sehr beliebt - und überraschend variantenreich - ist dagegen die sechste Möglichkeit: der Auftritt aus dem Publikum heraus. Die klassische Methode besteht dabei darin, dass Schauspieler durch die Türen kommen, durch die auch die Zuschauer den Zuschauerraum betreten haben. Das wurde hundertfach gemacht und hat sich deswegen schon seit längerem abgenutzt. Diese Variante wirkt in Wirklichkeit auch mehr wie eine Erweiterung der Bühne über ihre Grenzen hinaus, denn wie eine Verwandlung des Zuschauers in den Schauspieler oder wie der elektrisierende Kurzschluss zweier sonst getrennter Bereiche...

SCHAUSPIELERBLÜTE

Nie zuvor gab es so viele Talente im deutschsprachigen Raum - und selbst die, die in Film und Fernsehen zu monetärem Erfolg gelangen, kehren immer wieder zur Bühne zurück

Tatsächlich gab es im deutschen Theater seit langem nicht mehr eine solche Blüte überragender Schauspieler wie zur Zeit. Auch wenn das noch niemand so richtig mitbekommen zu haben scheint: Es gibt eine schier unglaubliche Menge hervorragender Darsteller, und sicher gibt es in der sogenannten Provinz die gleiche Menge an Talent, die noch weniger bemerkt wird.Wenn diese Schauspieler ins Fernsehen oder den Film wechseln, was sie natürlich immer wieder tun, werden sie auffallend schnell zu Stars. Manche von ihnen bleiben vollständig beim Fernsehen hängen. Im Kern aber sind sie fast alle originäre Theaterschauspieler, und kehren nach ihren Ausflügen zu Film und Fernsehen immer wieder zur Bühne zurück. Und das obwohl sie durch das Theater nie zu Berühmtheiten werden und obwohl da ein Niedriglohnsektor gegen eine Welt von Besserverdienern antritt.Die Öffentlichkeit hat diesen Reichtum bisher einfach nicht zur Kenntnis genommen. Nur in einem kleinen Kreis von Eingeweihten weiß man, was für herausragende Leistungen es von diesen Schauspielern zu sehen gibt. Diesen Schauspielern - und nicht etwa den Regisseuren - ist es vor allem zu verdanken, dass das Theater heute so lebendig ist. Viele von ihnen sind in der Lage, ihre Figuren auf traditionelle Weise zu verkörpern, sich also einzufühlen, genauso aber lassen sie sich bereitwillig auf neue Spielweisen ein. Mehr: Sie wurden mit ihnen und von ihnen entwickelt.

©Freimut Woessner

AUFTRITTE

Von links, von rechts oder aus der Tiefe

Der Regisseur Dieter Dorn hat einmal gesagt, dass die Sache mit der Regie doch weithin überschätzt werde. So aufregend und großartig jedenfalls seien ihre Möglichkeiten doch nicht, so viele Variationen gebe es im Theater nun mal nicht. Letztendlich laufe es eben doch immer wieder auf die Frage hinaus, ob der Schauspieler von links oder von rechts kommt. Dabei ist dieser Unterschied - links oder rechts - nicht mal besonders bedeutsam. Wer von rechts auftritt, stellt sich meist gegen die Handlung, wer von links kommt, bewegt sich mit ihr. Und das liegt nicht am Theater, sondern an unserer Schreibrichtung.Nun gibt es weitere Elemente, die wie die Frage rechts oder links etwas Bausteinhaftes und Fundamentales haben. Die meisten finden im Raum statt. So kennen wir eine dritte Möglichkeit des Auftritts, jenen aus der Tiefe der Bühne, der fast immer auf etwas jenseits des Raumes Liegendes weist: Jemand kommt aus einer anderen Sphäre, oder er kommt von weit her, es mag auch nur eine Reise im Kopf gewesen sein. Auftritte aus der Tiefe können auch etwas Überraschendes haben, jemand, den man nicht erwartet hatte, jemand der für das Geschehen schicksalhafte Bedeutung gewinnt, kommt oft von hier.

Theaterschlaf

Er ist der schönste seiner Art

Ein Wort zum Theaterschlaf: Irgendwann überkommt jeden einmal die Müdigkeit. Da müssen wir uns nichts vormachen. Selbst hartgesottene Theaterkritiker wurden mit hängendem Kopf und hängenden Lidern entdeckt. Es gibt Menschen, die nach einer halben Stunde oder sofort, wenn der Vorhang losgeht, eine nicht niederzukämpfende Müdigkeit überkommt. Vor dem Fernseher sieht es niemand, im Theater ist es immer etwas peinlich. Obwohl es natürlich oft so ist, dass die Aufführung einen nicht wirklich interessiert. Das ist ja im Fernsehen oder im Museum, wo man an den meisten Exponaten eher achtlos und desinteressiert vorbeigeht, auch nicht anders.Man kann ohnehin auf Dauer nichts gegen den Schlaf tun. Kunst ist nun mal anstrengend, sie macht - auch dem Zuschauer - viel Arbeit. Man muss die Müdigkeit über sich ergehen lassen und darauf vertrauen, dass man zehn Minuten später wieder wach ist. Schlafentzug hat noch niemand gutgetan. Mancher geht sogar so weit, den Theaterschlaf als den schönsten Schlaf zu bezeichnen. Tatsächlich aber liegt man in Kinosesseln bedeutend bequemer. Die Kunst des Theaterschlafs besteht trotzdem nicht darin, in aufrechter Haltung zu schlafen, das ist eine Voraussetzung, sondern an den richtigen Stellen zu schlummern.

©Rudi Hurzlmeier

TÜREN

Ein Requisit, aus dem sich unbegrenzt theatralisches Kapital schlagen lässt

Einer der zugleich alltäglichsten und merkwürdigsten Gegenstände, die es auf der Welt gibt, ist die Tür. Man weiß nicht sehr genau, was eine Tür ist. Ist sie sie selbst, wenn sie offen oder wenn sie geschlossen ist? Ist sie also eine Öffnung oder ist sie ein Verschluss? Eine Tür ist aber nicht nur offen oder geschlossen, sie verändert mit ihrem Zustand auch den angrenzenden Raum. In einem geschlossenen, privaten Raum können und werden ganz andere Dinge stattfinden als in einem offenen, öffentlichen Raum. Oft bedeutet im Märchen der Schritt durch eine Tür oder Pforte den Schritt in einen anderen Raum, eine andere Form des Daseins. Die Tür ist nicht nur ein Gegenstand der wirklichen Welt, sie ist ein Symbol, sie öffnet sich nicht nur in einen zweiten Raum hinein sondern eine andere Wirklichkeit.

Dass die Tür mit dieser Verwandlung eines Raumes etwas wirklich Neues in die Welt gebracht hat, dass sie ähnlich wie das Rad die Welt auf fundamentale Weise verändert hat, sieht man am besten im Theater. Türen sind im Theater Hort unendlicher Missverständnisse. Wenn einer hinausgeht, um einen anderen zu holen, den er zum Dritten führen will, verschwindet dieser Dritte durch eine andere Tür, und es beginnt eine Verwirrung, die sich immer weiter verfeinern und nutzen lässt. Die französische Salonkomödie ist dafür das beste Beispiel. Man kann durch das Lauschen aus dem Unterschied zwischen abgeschlossenem und offenem Raum scheinbar unbegrenzt theatralisches Kapital schlagen und immer weiter variieren.

KÄSTEN

Der Kasten ist die offensichtlichste Bühnenmode dieser Tage

Bisher ging es um den Raum und seine Öffnungen. Tatsächlich geschieht aber auch - und zwar häufig - das genaue Gegenteil auf den Bühnen. Die Räume schließen sich ab, sie werden zu hermetischen Innenräumen, Höhlen und Bunkern, Bilder einer kleinen Welt, die nur mit sich selbst beschäftigt ist. Diese Höhlen und Bunker tauchen seit längerer Zeit gern als Kästen auf.

Das Bühnenbild heute ist vorzugsweise ein in die Bühne hinein gebauter Kasten, mal raumfüllend, mal so klein, dass er gerade noch einem Schauspieler Platz bietet, auf jeden Fall aber fenster- und vor allem türenlos. Der Kasten ist die offensichtlichste Bühnenmode dieser Tage. Entkommen gibt es da keines, manchmal sind die Figuren so mehr oder weniger heftig auf sich selbst zurückgeworfen, manchmal sagt die Bühne auch nur: Zuschauer, auch du entkommst mir nicht. Pausen sollte man bei solchen Aufführungen nicht erwarten.

WUNDER

Uralte Texte nicht ad acta, sondern den Heutigen in den Mund gelegt

Das ist ein Wunder, an das man sich gewöhnt hat. Jeden Abend werden überall im Land Texte aufgesagt und gesprochen, die zweihundert, fünfhundert oder mehr als zweitausend Jahre alt sind. Es wird ihnen von einer mehr oder minder großen Menschenmenge dann doch ziemlich andächtig zugehört. Die Zuhörer tun so, als würden diese Worte im Moment erfunden, als würde etwas Neues, etwas Aufregendes, etwas Bedeutsames gesagt, als wären es lebendige Worte für den Menschen von heute, die da fallen, als wären sie ein wirklicher Bestandteil der Gegenwart.

Das ist doch, näher betrachtet, ein großes Mysterium, merkwürdiger sogar als ein Gottesdienst, weil es ähnlich rituell aber viel säkularer ist, was im Theater stattfindet. Es ist so, als würden im Theater Abend für Abend die Geister der Vergangenheit beschworen und lebendig gemacht. Es ist ein eigenartiger Ritus, dem Schauspieler und Zuschauer gleichermaßen huldigen. Je nachdem, wie man darauf schaut, kann man darin sogar einen ziemlich gruseligen Vorgang sehen, wo man die Hamlets und Julien nicht sterben und ruhen lassen kann.

©Freimut Woessner

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