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Walter van Rossum, Jahrgang 1954, ist freier Autor und Essayist in Köln.

Talk-Offensive

"Da sind lauter Routiniers am Werk"

Kritiker Walter van Rossum über die neue Talk-Reihe in der ARD, TV-Schwiegersohn Günther Jauch und die Forderung nach interessanteren Fernsehformaten.

Von Hans-H. Kotte

Herr van Rossum, Sie haben 2004 ein Buch mit dem Titel „Meine Sonntage mit Sabine Christiansen“ geschrieben – und dafür viel Talkshow geschaut. Die ARD hat künftig eine Talkshow-Schiene von Sonntag bis Donnerstag, von Jauch bis Beckmann. Was halten Sie von dieser Programmentscheidung?

Sie zeigt, wie fantasielos öffentlich-rechtliche Programmplaner sind. Ich habe nichts gegen Talkshows, die können spannend sein. Doch diese fünf Shows sind schon sehr monochrom aufgebaut. Und diese Moderatoren sind alles andere als interessant und spektakulär, wie auch der Neuzugang Jauch zeigt. Das kann nicht gutgehen.

Ist er der Richtige fürs Ersatzparlament am Sonntagabend?

Er ist Deutschlands beliebtester Schwiegersohn – und damit als Quotenbringer interessant für die Programmmacher. Aber ich halte es für ausgeschlossen, dass er eine Talkshow leiten kann, die mal neue Perspektiven in Debatten bringt, die Überlegungen präsentiert, die nicht gleich im Raum stehen. Ob er überhaupt neue Töne da reinbringen könnte, weiß kein Mensch. Der Mann hat jahrelang Quizsendungen für RTL gemacht – und es ist schon saukomisch, wenn er jetzt als ARD-Urgestein verkauft wird, nur weil er vor Jahrzehnten ein paar Mal als Reporter für den Bayerischen Rundfunk unterwegs war.

Sie trauen ihm nicht viel zu?

Er ist ein kluger Typ, aber so fernsehsozialisiert, dass er nicht rausgehen wird aus dieser Rolle, für die er wahrscheinlich immens bezahlt wird.

Jauch hat eine „Evolution, keine Revolution“ versprochen. Klingt, als hätte er doch zu viele Werbespots gedreht.

Der wird sich da ganz konform verhalten, der wird das nicht neu erfinden. Selbst wenn er es wollte, würde er es nicht tun. Er kann es aber auch gar nicht. Das ist ein Sendeplatz, der hat nach dem „Tatort“ immer eine relativ hohe Einschaltquote, da ist der Bewegungsspielraum gering.

Die Entscheidung für die Talkschiene hat Folgen. Dokumentationen laufen jetzt nach den Tagesthemen um 22.45 Uhr, also sehr spät. Wird die ARD mit dem Talk-Overkill ihrem öffentlich-rechtlichen Profil noch gerecht?

Ganz sicherlich nicht. Denen bei der ARD scheint einfach nichts mehr einzufallen. Es gäbe ja Leute, die mal etwas anderes machen könnten, aber die hauen entweder ab, oder die haben mal eine Idee und dann nie wieder eine. Da kommen weder junge Leute auf dem Schirm, noch solche, die anders denken. Was soll man denn davon halten, wenn etwa in der renovierten Talkshow von Anne Will zum Thema Wut und Protest folgende Gäste sitzen: Edmund Stoiber, Veronica Ferres und Sido. Immer dasselbe Personal, das einen absurd schrägen Zugang zum Thema hat. Die Ferres hat bestimmt mal eine Rolle gespielt, in der sie sehr wütend sein musste. Das ist ziemlich dünne.

Fünf ARD-Talkshows – gibt’s dafür in Deutschland überhaupt genug interessante Gäste?

Ja, wenn man den Kreis endlich mal erweitern würde, dann schon. Man müsste mal alle die, die anscheinend in den Kulissen übernachten, mal ausmustern. Man müsste mal ein paar neue suchen, sich nicht mehr so auf die Politiker fixieren, zum Beispiel. Das würde gut tun. Doch es fehlt der Mut zum Experiment, zu einem anderen Stil. Da sind lauter Routiniers am Werk.

Schauen Sie eigentlich noch Talkshows – wenn ja, welche?

Das würde ich nur noch gegen hohes Bestechungshonorar tun.

Sabine Christiansen hat zum Start der neuen ARD-Talkschiene gesagt: „Wir haben zu viel vom Gleichen.“ Alles fließe ineinander zu einem Bilderbrei, Meinungsbrei und Stimmenbrei. Komisch, dass ausgerechnet sie das sagt, oder?

Das ist doch typisch für Leute, die nicht mehr drin sind im Apparat. Die sehen das. Das ist so, wenn man mal einen Schritt zurücktritt. Aber wenn die Leute noch drin sind im Apparat, dann ist der Spielraum im Kopf so gering, da ist man fassungslos. Wenn die mal raus sind, sagen die wieder ganz kluge Sachen.

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