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Hinter Mediaset steht der italienische Medienmogul und Politiker Silvio Berlusconi.

TV-Gruppen

Silvio Berlusconi steht vor der Tür

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Die Aktionäre von ProSiebenSat.1 sind wütend und fürchten um die Unabhängigkeit ihrer TV-Gruppe.

Aktionärsschützerin Daniela Bergdolt kommt gleich auf den Punkt. „Herr Conze, lernen Sie schon Italienisch?“, fragt die Vertreterin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz den Chef der Münchner TV-Gruppe ProSiebenSat.1 bei der diesjährigen Hauptversammlung. Die Frage hat einen ernsten Hintergrund, seit der italienische Medienkonzern Mediaset im Mai mit einem Zehntel unverhofft bei ProSiebenSat.1 eingestiegen ist. Sie beinhaltet auch Kritik. Denn seit einem Jahr ist Max Conze Vorstandschef der Münchner. In dieser Zeit ist der Aktienkurs von 25 auf 15 Euro verfallen. „Der niedrige Kurs hat dazu geführt, dass wir nun einen italienischen Großaktionär haben“, kritisiert Bergdolt.

Andere sehen nun die Unabhängigkeit von ProSiebenSat.1 gefährdet. Denn hinter Mediaset steht der italienische Medienmogul und Politiker Silvio Berlusconi. Der hat sich zwar aus dem aktiven Mediaset-Management längst verabschiedet. Geführt wird das Familienunternehmen aber nun von Sohn Pier Silvio Berlusconi. Die Strategie wird bestimmt durch Familienbande. Wohin diese Strategie im Fall von ProSiebenSat.1 führen soll, wüssten die Aktionäre der Münchner gern. Aber Conze schweigt. Sogar auf die Frage, ob seit dem Einstieg von Mediaset mit Berlusconi gesprochen habe, verweigert er eine Antwort.

Mediaset sei lediglich ein Finanzinvestor, ringt Conze sich schmallippig ab. Mit knapp zehn Prozent Aktienanteil könne er nichts bestimmen, soll das heißen. Ob es bei diesem Zehntel bleibt, ist aber nicht ausgemacht. Der Einstieg sei nicht der letzte Schritt, wird in Branchen- und Finanzkreisen gemunkelt. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Berlusconis versuchen, einen Fuß in die deutsche TV-Landschaft zu setzen. Als ProSiebenSat.1 noch Teil der kollabierten Kirch-Gruppe war, haben es die Italiener schon einmal versucht und sind dabei auch auf politische Widerstände gestoßen.

Joyn ist anfangs kostenlos

Wie groß die Gefahr ist, dass es diesmal dazu kommt, bleibt offen. Ein Vertreter von Mediaset sitzt zwar im Publikum. Aber er schweigt. So spricht Conze lieber von dem Teil der Zukunft, die er selbst bestimmen kann. Die größten Hoffnungen setzt der Manager dabei auf den von ProSiebenSat.1 und US-Partner Discovery ins Leben gerufenen Streamingdienst Joyn. Das als deutsches Netflix apostrophierte Online-Portal startet kommenden Dienstag. Von US-Vorbildern hebt es sich vor allem in einem Punkt ab: Joyn ist anders als Netflix oder Amazon Prime zumindest anfangs und in seiner Basisversion kostenlos. Dafür müssen Zuschauer Werbung in Kauf nehmen, über die sich das Sammelbecken deutscher TV-Sender finanziert.

Zum Start mit an Bord sind neben den eigenen Konzernsendern wie Pro Sieben, Sat.1 oder Kabel 1 auch das ZDF sowie mutmaßlich die ARD. Auch die private Konkurrenz von RTL umwirbt Conze. Bei TV-Werbung haben ProSiebenSat.1 und RTL soeben ein Bündnis geschlossen. Das nährt die Hoffnung, dass es auch bei Joyn dazu kommt. Schon zum Start am Dienstag würden Inhalte von über 50 Sendern kostenfrei geboten, wirbt Conze. Eine Premiumvariante gegen Bezahlung mit exklusiven Inhalten kündigte er für diesen Winter an.

Binnen zwei Jahren oder schneller soll Joyn auf zehn Millionen Nutzer kommen. Ausgangsbasis dafür sind die rund 3,3 Millionen Nutzer, die ProSiebenSat.1 derzeit auf bestehenden und in Joyn aufgehenden Online-Bibliotheken zählt. Conze will die Online-Kundschaft also verdreifachen und dazu möglichst viele deutsche Medienhäuser unter ein Dach bringen, was auch kartellrechtliche Fragen aufwerfen könnte.

Conze ist zum Erfolg verdammt. Die Werbeerlöse im traditionellen Fernsehen bröckeln. Umsätze und Gewinne schwinden. Dazu kommt die Talfahrt der Aktie. Mehr Eigenproduktionen statt zugekaufter US-Ware und vor allem Joyn sollen nun das Ruder herumreißen. Die neue Plattform werde im ersten Jahr aber erst einmal 100 Millionen Euro Anlaufverlust einfahren, warnt Conze. ProSiebenSat.1 stehe im größten Umbruch seiner Geschichte und der ähnle einem Marathonlauf. Dabei ist schon manchem die Luft ausgegangen.

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