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Nach dem Cicero ging Weimar zu Focus - und blieb dort nur ein Jahr

Focus

Ein Sieg des Alten

Wolfram Weimer wirft nach nur einem Jahr beim Focus das Handtuch. Im Machtkampf zwischen den Chefredakteuren Weimar und Marktwort gewinnt keiner von beiden.

Von Joachim Frank und Ralf Mielke

Nach nur einem Jahr an der Spitze des Magazins Focus gibt Chefredakteur Wolfram Weimer auf. Er legte sein Amt am Dienstag mit sofortiger Wirkung nieder. Co-Chefredakteur Uli Baur hingegen bleibt auf seinem Posten, wie der Burda-Verlag mitteilte. Damit hat Weimer den Machtkampf gegen den starken alten Mann des Focus, den früheren Chefredakteur und Noch-Herausgeber Helmut Markwort, verloren. Wie die Frankfurter Rundschau in der Vorwoche berichtet hatte, war im Ringen um das publizistische Konzept des Focus alles auf einen Showdown zwischen Weimer und Markwort hinausgelaufen, den Verleger Hubert Burda nun zu Gunsten seines langjährigen Getreuen und dessen journalistischen Ziehsohns Uli Baur entschied. Wie aus dem Hause Burda zu hören ist, wird es keine neue Doppelspitze geben.

Mehr Relevanz verordnet

Weimers Abgang ist insofern bemerkenswert, als er erst im März 2010 mit eben dem Ziel zum Focus geholt worden war, das vor sich hin dümpelnde Blatt inhaltlich neu auszurichten und wieder „auf einen Kurs von höherer journalistischer Relevanz, besonders in politischen und ökonomischen Zusammenhängen“ zurückzuführen. Selbstbewusst und im Wissen um das Risiko einer Konfrontation mit Markwort ersetzte Weimer dessen sprichwörtlichen Focus-Claim „Fakten, Fakten, Fakten“ durch das Pochen auf „Relevanz, Relevanz, Relevanz“.

Billiger Boulevard gegen teure Klugheit

Er wolle „einer urbanen Führungselite einen Resonanzboden für ihre Lebenswelt liefern“ und in Konkurrenz mit dem Spiegel um die Deutungsmacht in wesentlichen gesellschaftlichen und politischen Fragen die bürgerlich-konservative Stimme stärken, hatte Weimer zu seinem Amtsantritt im Interview mit dieser Zeitung gesagt. Gegen das vermeintlich unausweichliche Diktat des „Boulevardesken, Nutzwertigen, Billigen“ wollte sich Weimer mit dem Anspruch „klug und teuer“ behaupten. Kritiker warfen ihm dagegen konzeptionelle Schwächen im harten Wochenzeitschriftengeschäft vor und sahen den Focus unter Weimer auf einem Salonkonservatismus-Trip.

Marktwort wollte "sein Baby" zurück

Jedenfalls wurde aus dem von Weimer ausgerufenen „lustvollen Wettbewerb“ mit den Hamburger Konkurrenten vom Spiegel sehr bald eine rein interne Münchner Tortur. Markwort, so heißt es, habe bei Focus den eigenen Macht- und Gestaltungswillen nie aufgegeben und mit Baur einen Vertreter seiner service- und nutzwertorientierten Blattkonzeption an der Seite gehabt. Gegen diese Phalanx kam der Neue mit seinem Programm nicht durch, wie es am Dienstag aus Weimers Umgebung hieß. „Markwort wollte sein Baby wieder ganz für sich haben.“ Dies schlug sich für den aufmerksamen Leser zuletzt sogar im Blatt selbst nieder, wo Markwort einen Platz für seine wöchentliche Kolumne am Schluss des Heftes zurückerobert hat.

Umgekehrt ist es Weimer nicht gelungen, sich einen starken Rückhalt in der Redaktion zu erarbeiten. Ebenso wie es in der Chefetage den Konflikt zwischen Weimer und Markwort gegeben habe, habe es auch Streit zwischen Weimer und der Redaktion gegeben, heißt es. Das Standing des Chefredakteurs bei seinen Leuten habe unter dem Eindruck blattmacherischer Defizite gelitten. Uli Baur dagegen ist in der Redaktion hoch geachtet. Schon unter Markwort hat er das Blatt mehr geprägt, als nach außen sichtbar wurde. „Baur hat ein Gefühl für gute Titelgeschichten“, sagt ein Mitarbeiter.

Weimar weist kleine Erfolge vor

Am Ende warf Weimer hin und informierte am Montag den – ihm gewogenen – Verlagsvorstand und einen Tag später die Redaktion. Der Verlag kaschiert dies in einer diplomatisch gehaltenen Mitteilung mit dem Bekenntnis, den von Weimer begonnenen „Weg der inhaltlichen Erneuerung mit aller Konsequenz weiter zu verfolgen“. Weimer bleibe dem Verlag als Berater verbunden. Er solle in erster Linie die strategische Allianz mit dem britischen Economist ausbauen und werde sich im Übrigen neuen Aufgaben zuwenden.

Weimer hatte durchaus kleinere Erfolge vorzuweisen. Während die Gesamtauflage des Focus bei derzeit noch 580?000 Exemplare stagniert, meldete das Magazin im Einzelverkauf zuletzt drei Quartale hintereinander einen Anstieg. Was solche Kennziffern allerdings besagen, wenn in Verlag und Redaktion der eigentlich für Politik und Gesellschaft ausgerufene Kampf um die „Deutungsmacht“ tobt – das ist letztlich schwer zu beurteilen.

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