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Laureen Nussbaum bei ihrem Deutschlandbesuch zum Erscheinen von „Liebe Kitty“.

Laureen Nussbaum

„Sie war ein großes Talent“

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Laureen Nussbaum aus Frankfurt lebte in Amsterdam im selben Viertel wie Anne Frank: Ein Gespräch über damals, über Literatur und über die Gefahren von heute.

Frau Nussbaum, was bedeutet es Ihnen, dass jetzt das von Anne Frank zur Veröffentlichung vorgesehene Tagebuch als Buch erscheint?
Enorm viel. Seit 25 Jahren habe ich gepredigt, dass wir eigentlich das Buch lesen sollen, das die Anne wollte. Stilistisch hatte das Tagebuch, so wie wir es kennen, so viele Brüche. Wenn man anfängt mit den ersten kindlichen Aufzeichnungen und dann das sehr gekonnte Vorwort danach kommt, das versteht man eigentlich nicht. Der andere Grund ist, dass ich wie Anne den Krieg als Jugendliche erlebt habe und genau wusste, wie viel Verantwortung wir auf uns genommen hatten, wie ernst wir waren – und das spiegelt sich jetzt in der Greta Thunberg wider.

Das wollte ich eigentlich zum Schluss fragen, was Sie denken, wenn den Jugendlichen entgegengehalten wird, sie hätten keine Ahnung. Man sieht am Beispiel von Anne Frank, wie reif ein Mensch in dem Alter ist.
Genau. Dieser Zusammenhang liegt mir sehr am Herzen.

Sie haben damals mit dafür gesorgt, dass Anne Franks Tagebuch publiziert wurde.
Nein, nein. Otto Frank fragte meine Eltern, als er mit Annes Schriften unterm Arm zu uns nach Hause kam. Aber ich war dabei.

Ab wann war Ihnen selbst bewusst, dass das Tagebuch ein Schatz war?
Ab 1947, als es herauskam. Als es erschien, habe ich es mit großem Interesse gelesen, aber natürlich anders als andere Leute. Wie es im Versteck war, wusste ich durch meinen Freund und späteren Ehemann. 1947 war auch unser Hochzeitsjahr, Otto Frank war unser Trauzeuge.

Sie kommen ursprünglich auch aus Frankfurt wie Anne Frank. Sind Sie sich dort schon begegnet?
Nein, unsere Eltern kannten sich, sie gingen zur liberalen Westend-Synagoge. Aber ich habe keine Erinnerung an Anne aus jener Zeit.

Lag es dann an den Eltern, dass Sie sich in Amsterdam kennenlernten?
Ja, wir wohnten im selben Viertel. Ich bin mit meiner älteren Schwester und mit Annes Schwester Margot zum Religionsunterricht geradelt. Wir waren keine engen Freundinnen, aber wir kannten uns.

Wiewar das, aus Deutschland kommend dort im Exil zu sein?
Wir Kinder haben uns so schnell von der deutschen Sprache losgesagt und Niederländisch gelernt. Wir haben auch aufgepasst, wie die Eltern sich ausdrückten. Ich fand das wunderbar demokratisierend, man musste auf uns hören.

Zu Hause sprachen Sie auch niederländisch?
Ja, das wollten wir so. Aber ab einem gewissen Zeitpunkt, da war ich 16, hatte ich beschlossen, dass ich alle zwei Wochen einen Tag nicht zur Schule gehe, sondern meiner Mutter bei der Wäsche helfe. Es war einfach zu viel, wir waren eine fünfköpfige Familie.

Ohne Waschmaschine!
Die hatten wir natürlich nicht. Und da habe ich immer liebend gern mit meiner Mutter deutsch gesprochen. Sie konnte wunderbar erzählen und von hinten bis vorn den „Faust“ zitieren. Ich bin ihr bis heute dankbar dafür, dass ich über die Arbeit mit der Wäsche durch sie so einen Zugang zur deutschen Literatur bekomme habe.

Hat Sie das zu Ihrem späteren Beruf geführt?
Ja, aber auf Umwegen. Mein ursprüngliches Studienfach war Ethnologie. Meinem späteren Mann zuliebe wechselte ich zur Physik.

Wie kamen Sie zur Germanistik?
Das dauerte noch. Das Physik-Studium hatte ich nach zwei Jahren abgebrochen, weil ich Geld verdienen musste. Und in den USA scheute ich wegen der kleinen Kinder die langen Stunden im Labor. Da griff ich auf das zurück, was ich sowieso hatte: meine Sprachkenntnisse. Also studierte ich Deutsch im Hauptfach und im Nebenfach Französisch.

Haben Sie mit Ihren Kindern über Ihre Erlebnisse während der Nazizeit gesprochen?
Ja, natürlich.

Viele Holocaust-Überlebende scheuen das Gespräch.
Doch, meine Kinder wissen Bescheid. Schon allein, weil sie keine Großeltern väterlicherseits hatten. Rudis Vater ist in Auschwitz ermordet worden, seine Mutter war im Konzentrationslager Bergen-Belsen und ist kurz nach der Befreiung gestorben. Unser ältester Sohn war Lehrer für Social Studies an einer High-School, der hatte schon in den 80er-Jahren seinen Vater eingeladen, damit er in seinen Klassen spricht.

Weshalb sind Sie eigentlich in die USA gegangen?
Mein Mann hatte seinen Doktor in Amsterdam gemacht, dann waren wir in Liverpool, anschließend ein ganzes Jahr in Bloomington, Indiana. Uns gefiel, dass die Leute so unbeschwert waren. Es folgte ein Jahr in Genf an der Cern, aber es war der Unterschied zwischen der distanzierten Schweizer Haltung und der amerikanischen Offenheit, die den Ausschlag gab.

Hatten Sie mal erwogen, nach Deutschland zu gehen?
Um Gottes willen, nein! Keine Spur! 1968 bekam mein Mann für ein Jahr einen Forschungsauftrag in Groningen, in den Niederlanden. Da hatten wir uns zögernd, ohne die Kinder, auch einmal nach Deutschland gewagt. Ich weiß noch, wie mein Mann mit sich gerungen hat, seine Vorträge auf Deutsch zu halten, nicht nur aus fachlichen, vor allem aus emotionalen Gründen.

Hatten Sie dieses unsichere Gefühl Deutschen gegenüber, die könnten Nazis, Mörder, gewesen sein?
Ja, zumindest eine lange Zeit. Ich weiß ja auch intellektuell, dass es nicht alle gewesen sein können. Aber dieses Unbehagen ist da. Wenn ich in Seattle auf dem Flughafen stehe und höre jemanden Niederländisch reden, gehe ich hin und sage: Guten Tag, ich spreche auch Niederländisch. Mit Deutsch ist das anders, da regt sich mein Herz nicht.

Sie sagten, Ihr Mann hat im Versteck überlebt, wie war das bei Ihnen?
Meine Großmutter mütterlicherseits war nicht jüdisch. Ein Rechtsanwalt hat uns geholfen, meinen Großvater, der längst verstorben war, auch als nichtjüdisch zu erklären. Er hat uns freigemogelt. So sind wir offiziell arisiert worden. Dieser Hans Calmeyer hat Tausenden geholfen. Meine Schwestern, meine Mutter und ich konnten den gelben Stern abnehmen und konnten so normal leben, wie das im Krieg möglich war. Mein Vater befand sich dadurch in einer Mischehe und ist auch durchgeschlittert.

Kannten Sie Ihren Mann schon, bevor er ins Versteck ging?
Ja, die Nussbaums kamen 1938 nach Amsterdam, wir waren seit 1936 dort. Man hat sich getroffen – über Kammermusik. Meine Mutter hatte eine sehr schöne Singstimme, Vater Nussbaum spielte Geige, mein späterer Mann Klavier.

Und Sie?
Ich versuchte es mit Violine und Cello, habe es aber später aufgegeben. Wenn ich übte, rief meine Mutter immer aus der Küche: Höher, höher! oder: Tiefer, tiefer! Ihr musikalisches Gehör war weitaus besser als meins.

Sprach man damals darüber, wann es Zeit ist, ins Versteck zu gehen?
Rudi ist unmittelbar nach seinem Abschussexamen bei der Maschinistenschule untergetaucht. Sein bester Freund wurde schon im Juni 1941 aufgegriffen, der hatte an einem Vorbereitungskurs auf die Auswanderung nach Palästina teilgenommen. Die deutschen Behörden wollten vom Jüdischen Rat damals die Adressen aller Teilnehmer, weil sie angeblich den Bauernhof wieder eröffnen würden. Ab Juli 1941 bis zur Befreiung war Rudi versteckt.

Allein?
Allein. Wir wussten ja damals gar nicht, dass ganze Familien gefährdet sein würden. Wir dachten, es trifft nur die jungen Männer, die vielleicht hätten Widerstand leisten könnten.

Wussten Sie von den Frank-Schwestern, dass die Familie untertauchen will?
Nein, das ging alles viel zu schnell. Die Margot bekam den Aufruf für ein Arbeitslager am 5. Juli 1942. Dass die Franks am nächsten Tag verschwunden waren, hat uns nicht weiter gewundert, das waren viele andere auch. Man hat geflüstert, dass sie vielleicht über die Grenze entkommen seien.

Sprach man überhaupt darüber?
Jeden Tag verschwanden mehr Menschen. Meine ältere Schwester war im Winter 1942/43 in der 11. Klasse auf einmal die einzige Schülerin. In meiner Klasse, in der 10., waren wir dann zu fünft oder sechst.

Es war eine jüdische Schule?
Ja, das war, bevor wir den Stern ablegen konnten. Ich bin danach auf das Mädchen-Lyzeum gegangen, die Schule, auf der Margot gewesen war.

A us dem Tagebuch lese ich die Konkurrenz zwischen den Schwestern, wie haben Sie die erlebt?
Ich habe das Verhältnis zwischen den beiden nicht beobachtet. Mit Margot waren wir zusammen im Religionsunterricht, sie hatte mir sehr imponiert, mit ihrem natürlichen Charme und ihrer Korrektheit, sie war wie eine junge Dame. Die Anne habe ich erlebt, als wir bei uns zu Hause ein Theaterstück aufgeführt hatten. Sie war die Prinzessin und ich hatte Regie geführt.

Und wie erlebten Sie Anne Frank, Ihre Schauspielerin?
Sie hat schnell gelernt, hat aber schrecklich viel geschnattert. Sie war sehr lebhaft – wie ich auch. Und wie das so ist, wenn jemand die eigenen Eigenschaften spiegelt, findet man das nicht so sympathisch. Sie war mir eigentlich zu lebhaft.

Wie kamen Sie in die Rolle der Zeitzeugin?
Das hat auch mit Anne zu tun. 1992 kam eine Anne-Frank-Ausstellung nach Portland im US-Bundesstaat Oregon. Da wurden die Überlebenden aus der Region, darunter auch mein Mann und ich, gebeten, in kleiner Runde zu Leuten zu sprechen.

So spät erst? Sie hätten doch schon in den 60er und 70er Jahren erzählen können, was war.
Das wollte damals keiner wissen. Die Amerikaner wollten immer nur hören, wie wunderbar es ist, in den Vereinigten Staaten zu sein. How do you like it? It’s great. Das war’s. Das kam dann wirklich erst mit der Ausstellung. Außerdem wollte die American Association for Netherlandic Studies eine Anthologie herausbringen „Frauen schreiben auf Niederländisch“. Sie hatten eine Liste von 20 Autorinnen. Oben stand die Anne. Da dachte ich, das ist genau die richtige für mich. Da habe ich angefangen zu forschen. 1977 hatte ich Otto Frank schon einmal gebeten, mich über das Tagebuch als Literatur äußern zu können. Seinen schönen Brief dazu habe ich natürlich aufgehoben. Allerdings war ich erst einmal mit meiner Dissertation beschäftigt – über Frauen im Werk von Bertolt Brecht.

Wussten Sie immer, dass es zwei Fassungen des Tagebuchs gibt?
Nein, erst durch die Kritische Ausgabe, die auf niederländisch 1986 herauskam. Da hat man dann parallel lesen können: Das spontane Tagebuch, Annes Überarbeitung für eine Veröffentlichung und als drittes, was der Otto herausgegeben hat. Da ist mir ziemlich mulmig geworden. Obwohl ich den Mann unglaublich gern mochte, wir haben ihn auch oft besucht, in Amsterdam, dann in Basel, habe ich ihm doch übelgenommen, dass er die beiden Texte recht willkürlich gemischt hat. Er behauptete, nur einzelne Stellen ausgelassen zu haben, die mit ihrer körperlichen Reifung und dem gespannten Verhältnis zur Mutter zu tun hatten. Dabei hat Anne diese Stellen gestrichen und der Vater hat sie teilweise wieder eingefügt! Ab 1995 habe ich mich sowohl in Basel beim Anne-Frank-Fonds als auch in Amsterdam bei der Anne-Frank-Stiftung dafür eingesetzt, dass wir endlich den Text so lesen sollten, wie Anne ihn veröffentlichen wollte.

Wie beurteilen Sie die Neuübersetzung durch Waltraut Hüsmert?
Ich halte sie für wirklich gut. Es waren ein paar Kleinigkeiten, die ich korrigieren konnte. Anne schreibt zum Beispiel von ihrem Wintermantel und sie übersetzte das mit „Winterjacke“. Wir haben damals keine Jacken getragen, sondern Mäntel. Sie hatte auch Annes Schule als Gymnasium bezeichnet, aber sie war in der Realschulabteilung des Lyzeums. Das konnte die Waltraud bei Gott nicht wissen.

Wie ist es für eine Literaturwissenschaftlerin, wenn die Arbeit mit der eigenen Kindheit verknüpft ist?
So viele Jahre haben die Leute in mir immer nur die Kindheitsfreundin sehen wollen. „Oh, Sie haben Anne Frank gekannt, darf ich Sie streicheln?“ Ich bin sehr froh, dass jetzt diese Ausgabe zeigt, was für ein literarisches Talent Anne hatte. Jetzt kann jeder sehen, wie ernsthaft sie an ihrem Stil gearbeitet hat. Sie hat viel gelesen und notiert, was sie über die Bücher denkt.

Glauben Sie an die Wirkung von Literatur, dass sie etwas mit den Menschen macht, wenn sie lesen?
In diesem speziellen Fall: ja. Ich glaube, wenn Leute dieses Buch nun lesen, werden sie anerkennen, wie ernst eine 14-Jährige ihr Schreiben genommen hat. Ich hoffe, dass das Eindruck macht. Und da denke ich an die Jugendbewegung heute, Fridays for Future, man sollte auf diese jungen Menschen hören.

Nun haben wir aber eine andere Bewegung, die schon lange erstarkt: Die Populisten in Europa und in den USA. Es ist ja nicht nur Trump, es sind Thierry Baudet und Geert Wilders in den Niederlanden, die Erfolge der AfD in Deutschland ...
Als Donald Trump ins Amt kam, war ich gerade in Holland und dachte, alle fallen über mich her, was in meiner Heimat los ist. Aber die Leute waren still und ich merkte, sie haben hier ihre eigenen Rechten.

Die Jugendlichen, die jetzt aktiv sind, haben ein anderes Thema: die Klimakatastrophe.
Aber das hängt doch sehr eng zusammen! Man kann nicht effektiv der Klimasache dienen, ohne die Politik vollkommen zu unterminieren. Die Macht der großen Konzerne und der Superreichen ist so unendlich groß. Wir hatten nach dem Krieg gehofft, so etwas Schlimmes wie die Shoah kann sich nicht wiederholen.

Das denken Sie nicht mehr?
Ich bin zwar freundlich und hilfsbereit und lächele gerne. Aber tief in mir bin ich sehr pessimistisch, sehr deprimiert. Donald Trump steht nicht allein. Sehen Sie nach Italien, Spanien – oder nach Südamerika, der Kontinent war mal so voller Hoffnung. Ich finde diese Entwicklung äußerst beängstigend. Aber das kann ich den Leuten nicht laut sagen, die es ja noch viel länger aushalten müssen. Ich bin heilfroh, dass ich über 90 bin.

Interview: Cornelia Geißler

Zur Person

Laureen Nussbaum, als Hannelore Klein 1927 in eine jüdische Frankfurter Familie geboren, floh 1936 mit ihren Eltern und ihren beiden Schwestern nach Amsterdam, wo sie im selben Viertel wie Anne Franks Familie wohnte. Anders als die Familie Frank konnten die Kleins der Deportation entkommen. Nach dem Krieg heiratete sie ihren Jugendfreund Rudi Nussbaum. Seit den fünfziger Jahren lebt sie in den USA, wo sie ihren Vornamen änderte. Laureen Nussbaum unterrichtete lange an der Portland State University Deutsche Sprache und Literatur.

Ihre Erinnerungen an die Zeit der deutschen Besatzung in den Niederlanden erzählt Laureen Nussbaum zusammen mit ihrem Mann (der 2011 starb) in dem von Elke Stenzel herausgegebenem Buch „Den Nazis eine schallende Ohrfeige versetzen“ (Verlag Frank & Timme, Berlin). Anne Frank schrieb am 11. Mai 1944, also vor genau 75 Jahren, in ihr Tagebuch: „Nach dem Krieg will ich auf jeden Fall ein Buch mit dem Titel ‚Das Hinterhaus‘ herausbringen, ob das gelingt, ist auch die Frage, aber mein Tagebuch kann dafür nützlich sein.“ Dieses Buch gibt es jetzt. Während der traditionelle deutsche Anne-Frank-Verlag S. Fischer beide Fassungen des Tagebuchs in einer Ausgabe herausbringt („Das Hinterhaus“), enthält „Liebe Kitty“ im Verlag Secession lediglich die Passagen, die das Mädchen in wenigen Wochen des Jahres 1944 im Hinterhaus so bearbeitet hatte, dass es ihr der Veröffentlichung wert schien. Laureen Nussbaum hat diese Publikation angeregt und auch das Nachwort geschrieben. „Liebe Kitty“ kommt am heutigen Samstag in den Buchhandel.

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