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Vor allem digitale Produkte leiden unter ihrer Abstraktheit, weshalb Computerspiele und sonstige Software lange Zeit in großen, weitgehend leeren Schachteln verkauft wurden.

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Sichtbarkeitswahn

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Digitale Produkte kann man nicht zeigen. Wer über sie schreibt, will sie dennoch bebildern. Das könnte ein Geschäft sein.

Im September schrieb der Freiburger Lehrer und Netzpolitiker Dejan Mihajlovic bei Twitter: „Die meisten journalistischen Beiträge der letzten Jahre über Bildung in der digitalen Transformation orientieren sich an den Fragen: Kann man es fotografieren? Sieht es innovativ aus?“ Das ist nicht nur im Bildungsbereich so. Das Vorhandensein eines fotografierbaren Gegenstands macht Werbung leichter und journalistische Texte attraktiver. Nicht immer gibt es tatsächlich etwas zu sehen, was aber niemanden davon abhält, trotzdem etwas abzubilden. Deshalb werden Artikel über Cookies (die Browsertechnik, nicht das Gebäck) traditionell mit Keksen bebildert (dem Gebäck, nicht der Browsertechnik). Beiträge über Hackerangriffe zeigen Menschen mit Kapuzen. Artikel über Computersicherheit sind mit Bildern von Ketten, Vorhängeschlössern, Schilden, Regenschirmen oder Kondomen illustriert. Wenn gar nichts anderes geht, kann man immer noch den Namen des unsichtbaren Dings aus Scrabblesteinen legen und fotografieren.

Vor allem digitale Produkte leiden unter ihrer Abstraktheit, weshalb Computerspiele und sonstige Software lange Zeit in großen, weitgehend leeren Schachteln verkauft wurden. Andere Produkte sind gar nicht besonders abstrakt, sondern lediglich nicht sichtbar, zum Beispiel Musik, und erfordern deshalb ähnliche Abbildungstricks. Früher waren das aufwendig gestaltete Plattencover und Musikvideos, dann wurde eine Weile herumgeklagt, dass auf CDs nicht mehr so viel Platz für Grafik sei, und inzwischen nimmt man halt irgendwelche Bilder von irgendwas. In einem Paralleluniversum, das nicht wie unseres vom Auge, sondern vom Ohr dominiert ist, wird zu jedem schweigsamen Produkt ein Extrageräusch entwickelt, damit es sich überhaupt im Radio, Podcast und Hörbuch ab- … äh … -bilden lässt.

Was fehlt, sind Firmen, die sich auf die Herstellung ganz und gar sinnloser Sichtbarkeitsgegenstände spezialisieren. Der einzige Daseinszweck so eines Gegenstands wäre die Illustration von Texten und Anzeigen. Aber vielleicht ist das auch schon längst geschehen, und diese Firmen bieten ihre Dienste einfach nur sehr diskret an. Das würde einiges erklären, zum Beispiel die Existenz goldener Bitcoin-Münzen aus Plastik und aus Metall. Bitcoin ist eine rein digitale Währung, und die Münzen haben keine Funktion, schmücken aber so gut wie alle Artikel, die über das Thema geschrieben werden. Als Google das mobile Betriebssystem Android vorstellte, wurden dazu mittelgroße Plastikandroiden verschenkt, die absolut keine Funktion hatten, außer auf Fotos herumzustehen. Nicht viel mehr können die Roboter, die in den vergangenen Jahren auf Veranstaltungen zum Thema Gegenwart oder Zukunft allgegenwärtig waren: Sie lassen einen vorgegebenen Dialog mit Kopfbewegungen und Gesten gesprächsähnlicher wirken, winken ins Publikum und schütteln Angela Merkel die Hand. Wozu das gut sein könnte, wird von den Herstellern meistens vage mit „Kinder und Jugendliche ans Thema Robotik heranführen“ umschrieben. Nur für eine Gruppe liegt der Nutzen auf der Hand: Und das sind alle, die entweder über die Veranstaltung schreiben oder Artikel über künstliche Intelligenz mit irgendwas bebildern müssen.

Womöglich kursieren neben Werbegeschenkkatalogen im Hintergrund der Unternehmenswelt schon lange die geheimen Kataloge der Sichtbarkeitswarenindustrie: Schule, Universität oder Firma soll irgendwie digitaler werden? Der Gegenstand 3000 (individuelle Namensgebung gegen Aufpreis) schmückt Pressemitteilungen, nimmt nicht viel Platz weg, ist mangels Funktionen 100 Prozent ausfallsicher und verursacht im laufenden Betrieb keine Kosten. Für Kunden, die gar keinen Gegenstand aufzustellen planen, sondern nur eine Illustration benötigen, gibt es ein breites Sortiment fiktiver Schachteln, Dinge mit Rädern untendran, und zum Thema künstliche Intelligenz kann jeder beliebige Sachverhalt mit Augen und Händen ausgestattet werden. Das Angebot eignet sich besonders für schnelllebige Branchen, in denen jeder real angeschaffte Gegenstand fünf Minuten nach der Angestelltenschulung schon wieder überholt ist.

Während ich diesen Text schreibe – im Liegen, im Haushalt meiner Mutter –, hat die Mutter Quitten geerntet, Marmelade gekocht und hundert Dinge von hier nach dort geräumt. Ich habe ausgesehen, als würde ich nichts tun. Früher konnte man beim Nachdenken und Schreiben wenigstens noch sehr laut mit der mechanischen Schreibmaschine klappern. Falls Hersteller von Arbeitssichtbarmachungsprodukten mitlesen: Ich wünsche mir zur Veranschaulichung meiner Arbeit so etwas Ähnliches wie eine Dampfturbinenhalle, nur transportabler.

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