Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Im Zentrum der Debatten: die Akademie der Künste, in die Mitte genommen vom Hotel Adlon (links) und der DG Bank Frank O. Gehrys.
+
Im Zentrum der Debatten: die Akademie der Künste, in die Mitte genommen vom Hotel Adlon (links) und der DG Bank Frank O. Gehrys.

Hat sich' s gelohnt?

Die Fassade der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin. Eine kritische Nachfrage aus Anlass einer der heftigsten Architekturkontroversen der letzten Dekade

Von GERWIN ZOHLEN

Ende Januar eröffnete die Berliner Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer im Neubau der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin erstmals eine Ausstellung. Sie war klein und galt lediglich der Geschichte des Bauplatzes. Aber wiewohl die Vernissage deutlich angekündigt in den noch unfertigen Innenräumen des Instituts stattfand, wurde sie doch als inoffizielles pre-opening wahrgenommen. Das Berliner Architekturmilieu jedenfalls kam in Scharen.

Als Debattenroutiniers und Praktiker der Architektur wussten die Ausstellungsgäste die Grunddispositionen, die Konfiguration der Frei- und Nutzflächen in der inneren Raumaufteilung auch ohne den letzten Feinschliff zu taxieren, konnten ohne aufgelegte Handläufe die Geländer an Galerien und Brücken, die aufwendig vor Ort in Beton gegossene Sprinkleranlage, das Zusammenfügen und Anschließen der allseits ins Schräge gekippten Wände, Stege und Fenster beurteilen. Irritiert sahen sie Glasschwerter, die wie Guillotinen ins Eingangsfoyer schneiden oder blickten verblüfft und amüsiert hinauf in den Kuppelersatz, wo hinter Halogenstrahlern ein buntes Glasdach wie ein Tarnnetz der Bundeswehr aufgelegt schien. Und mag sich auch bis zur Fertigstellung im Mai noch vieles mildern und verschleifen, so bleibt doch der Eindruck dominant, dass es sich bei dem Neubau des Stuttgarter Architekten Günter Behnisch und des Darmstädter Architektursoziologen und ­historikers Werner Durth um eine gebaute Architekturprogrammatik handelt.

Mit Aplomb wird hier eine Ästhetik der Irregularität angewandt, die sich ihre Formen und Vorgaben aus den Labyrinthen Piranesis besorgt. Auf eigentümlich paradoxe Art kontrastiert dieser Eindruck mit der äußeren Architektur und korrespondiert damit doch zugleich. Ist Innen nämlich alles ins Geschachtelte und Schräge gekippt, so in der äußeren Architektur alles ins Banale. Wer heute unbelastet von zu vielen Texten vor dem Neubau steht, reagiert mit einem Achselzucken: eine Glasfassade, wie sie an Bürohäusern landauf landab auch gebaut wird. Nicht spektakulär, nichts Besonderes, das grauen Stahlgestänge ist vielmehr mit dem schönen deutschen Wort "schlicht" treffend beschrieben. Die Fassade zeichnet nichts aus, was ein zweites Hinsehen irgend vonnöten machte, weder konstruktiv noch technisch: eine simple Stahl-Glas-Konstruktion in Anthrazit. Der alltägliche Bürohausbau zeigt heute schon elegantere und aufwendigere Fassaden. Aber auch im architektonisch ästhetische Sinne: keine ungewöhnlichen Proportionen oder Maßverhältnisse. Man muss sehr lange Hinschauen, um die leicht unterschiedlichen Stockwerkshöhen zu entdecken. Allenfalls weckt der Balkon, der sich unterm bunten Glasdach über die ganze Hausbreite erstreckt, Staunen und Lippenschürzen, vielleicht auch Neid des Sinns, den tollen Blick von dort oben auch mal genießen zu wollen. Reichstag, Brandenburger Tor, Kanzleramt und Siegessäule als Balkontapete beim süffigen Abendbier!

Feinsinnige bemerken allenfalls, dass sich das Hotel Adlon so glänzend in der Fassade der Akademie der Künste spiegelt, dass man eine heimliche Absicht der Übernahme seiner Kulisse und Draperie unterstellen möchte; ganz den Worten Peter Handkes aus den 70er Jahren gemäß, ich möcht' eine solche werden wie die andere schon geworden ist.

Gleichviel - keinem Normalsterblichen jedenfalls, sei er nun Berliner oder Tourist, ist angesichts dieser Fassade verständlich zu machen, dass sie Anlass, Ursache und Gegenstand eines der heftigsten Architekturgefechte der letzten Dekade gewesen ist. Die erste und vielleicht wichtigste Erkenntnis angesichts des Baus ist daher das krasse Auseinanderfallen von Resultat und Kommentar, von fertiger Fassade und Debattenaufwand, der um sie getrieben wurde. Ganze Aktenordner und Archive mit Artikeln, Stellungnahmen, Eingaben, Petitionen, Meetings und Briefen sind gefüllt. Und der Entwurf beschäftigte tatsächlich den bundesdeutschen Staat bis hinauf zu seinem ersten Repräsentanten, um überhaupt genehmigungsfähig zu werden. Erst als der seinerzeitige Bundespräsident Roman Herzog sich mit einem patriarchalen Votum der Kümmernisse der Akademie annahm und Einsehen zeigte, dass dieses Künstlerinstitut seinem Selbstverständnis nach eine unbotmäßige Architektur als Aushängeschild bräuchte, erst im Anschluss an dieses präsidiale Auftreten der Bundesrepublik in der Akademie wurde der Entwurf von Behnisch und Durth mit einer eigenen "Lex Behnisch" in Berlin genehmigungsfähig.

Denn die Stadt hatte sich zuvor verabredet, den Pariser Platz wegen seiner kulturhistorischen und politischen Bedeutung (Napoleonische Befreiung, Wiedervereinigung) nach Maßgabe und mit Orientierung am Brandenburger Tor zu bebauen. Nur und ausschließlich für diesen Platz erließ sie daher eine Gestaltungssatzung, die den bewusst gewünschten Neubauten - im Gegensatz zur Restauration des Alten - eine in Farbe, Material und Typus auf das Tor bezogene Fassade abverlangte. Und das hieß Steinmaterial mit einer etwa 50%igen Öffnung durch Fenster, also Glas.

International berühmte Architekten wie Christian de Portzamparc für die Französische Botschaft oder Frank O. Gehry bei der direkt der Akademie benachbarten formidablen DG Bank haben sich an die Vorgaben gehalten. Lediglich die Akademie der Künste scherte mit Günter Behnisch aus diesem Konsens aus. Sie fühlte sich durch die Stadt und ihre Obrigkeit unerträglich kujoniert.

Hier nun muss man fragen, ob der Aufwand sich wirklich gelohnt hat? Ist die neue Akademie der Künste zu der avantgardistischen Architektur geworden, zu der sie aus Rechtfertigungs- und Begründungszwängen hochgestemmt wurde? Wohl doch und entschieden gesagt nicht. Selbst mit jener antistädtischen Architekturrichtung der Nachkriegsmoderne oder der Akademie allgemein sympathisierende Kritiker können ihre Verlegenheit angesichts des simplen Resultats nur schwer verhehlen. Sie schwärmen lieber vom kommenden "Top-Spot der Hauptstadt", vom Balkon und dem grandiosen Blick auf Stadt und Platz, von der Erhabenheit derjenigen, die ihn genießen dürfen. Oder weichen in die Geschichte des Instituts, des Bauplatzes, des Pariser Platzes aus, um nur ja den Satz vom nackten Kaiser nicht sprechen zu müssen. Mit dem nackten Kaiser am Pariser Platz aber muss die Republik fürderhin leben.

Der Konflikt zwischen Auserwählten und Philistern, Künstlern und Bürgern, Orthodoxie und Abweichung ist alt und wird die Gesellschaft noch länger beschäftigen. Das Paradox beim Neubau der Akademie der Künste aber ist, dass es sich hier um eine staatsgeschützte Revolte handelt, um das Zeugnis einer Freiheit, die den Bundesstaat gegen den Stadtstaat in Anschlag brachte, um den urbanen Konsens auszuhebeln. Diesen Rebellenmut beziehungsweise die Rebellengeschicklichkeit kann man loben. Loben ist schön. Es kommt aber darauf an, das Richtige zu loben und über die Freude das Resultat nicht zu vergessen. Hier ist' s ein Lob der Banalität. Es schad' ja nichts, um es mit dem berühmten Heringshändler von Ringelnatz zu sagen, aber -wozu?

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare