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Beharrlicher Mahner: Zygmunt Bauman, 2010.

Zygmunt Bauman ist tot

Sich der Fehlbarkeit bewusst sein

Am eigenen Geist erfuhr er die Verführbarkeit durch ein totalitäres Regime: Zum Tod des modernen und ambivalenten Denkers Zygmunt Bauman.

Von Sabine Rohlf

Postmodernes Bewusstsein hat sich mit der Idee ausgesöhnt, dass das Durcheinander menschlicher Grundverfassung für immer bleiben wird.“ Sätze wieder dieser aus Zygmunt Baumans „Postmoderner Ethik“ (1995) wurden vor zwanzig Jahren oft mit dem Vorwurf der „Beliebigkeit“ bedacht, vorgetragen im Brustton moralischer Überlegenheit von Verfechtern moderner Klarheit, Wahrheit und Vernunft. Diesen Leuten hielt man dann gerne das ganze Buch entgegen, das wie kaum ein anderes klarmachte, dass der Zweifel an den Versprechen der Moderne keineswegs den Abschied von verantwortlichem Handeln bedeutete. Im Gegenteil.

In „Postmoderne Ethik“ entwickelte Bauman ein Konzept der individuellen, unhintergehbaren Verantwortung. Keine große Idee, kein übergeordnetes Ziel, kein Kollektiv entlaste von der Verwiesenheit an den anderen. Das Buch las und liest sich gut, denn Bauman war kein Autor, der sich nur an ein Fachpublikum wandte. Doch die darin formulierte Einsicht ist streng, vor allem, wenn man bedenkt, dass er davon ausging, dass soziale Situationen immer hochgradig ambivalent, moralische Entscheidungen also entsprechend schwer zu treffen und zu verantworten sind.

Mit diesem Dilemma umzugehen sei anstrengend, so Bauman, aber notwendig, wolle man nicht in die Verblendung einer Moderne zurückfallen, die ihre Vieldeutigkeit und Widersprüchlichkeit leugne und gewaltsam verdränge, wie er in „Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit“ (1995) ausführte. Wohin eine solche Verdrängungslogik führen kann, zeigte Bauman in „Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust“ (1992). Er interpretierte den Holocaust nicht als Ausbruch einer irrationalen Barbarei, nicht als Zivilisationsbruch, sondern als logische Folge dieser Zivilisation, als „ein Produkt der Moderne“ selbst.

Bauman wusste, worüber er forschte, seine Frau Janina hatte das Warschauer Ghetto überlebt, er selbst kam 1925 in einer jüdischen Familie in Posen zur Welt und floh nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen in die Sowjetunion. 1944 kehrte er als Angehöriger der I. Polnischen Armee, die unter sowjetischem Kommando stand, zurück, und wurde Offizier im Korps der inneren Sicherheit. Er studierte in Warschau Soziologie und Philosophie und wurde dort Dozent und später Professor. 1968 verlor er diese Stelle wegen einer antisemitischen Kampagne und emigrierte mit seiner Frau und seinen drei Töchtern nach Israel. 1970 übernahm er eine Soziologieprofessur in Leeds, wo er auch nach seiner Pensionierung blieb.

Immer wieder betonte Baumann, dass man vom Leben eines Autors nicht auf dessen Werk schließen solle. Diese Aussage erschien in einem besonderen Licht, als die Warschauer Zeitung „Ozon“ im Jahr 2006 über seine Militärzeit und „Spitzeltätigkeiten“ berichtete, die er bis zum Jahr 1953 ausübte. Als junger Mann hatte er sich offenbar nicht nur als Soldat, sondern auch als Informant des militärischen Nachrichtendienstes in den Dienst des Stalinismus gestellt. Und so könnte man sagen, dass eine der einflussreichsten Analysen des Gewaltpotenzials der Moderne von einem Mann erarbeitet wurde, der die Verführbarkeit des Individuums durch ein totalitäres System quasi am eigenen Gewissen erlebt hatte.

Ansporn, sich nicht zurückzulehnen

Der Versuch einiger Historiker und Journalisten, sein Lebenswerk aufgrund dieses biografischen Makels in Frage zu stellen, scheiterte. Dazu war der 1998 mit dem Adorno-Preis Geehrte viel zu respektiert, vor allem aber stand sein Werk keineswegs im Widerspruch zur Fehlbarkeit des Menschen. Beharrlich wies er in seinen Büchern und Essays auf die Brüche, Risse und Kehrseiten im individuellen wie gesellschaftlichen Leben hin und auf die Notwendigkeit, sich ihnen zu stellen.

Er tat dies, ohne die Abkehr von modernen Idealen zu verklären. Seine Arbeiten zur „flüchtigen Moderne“, wie er die Gegenwart etwa seit der Jahrtausendwende nannte, wirken vielmehr recht pessimistisch angesichts erodierender Sozialsysteme und zunehmender Vereinzelung in der globalisierten Welt. Er maß die Qualität der gegenwärtigen Gesellschaften an den Auswirkungen auf die Schwächsten, die, wie er 2005 in „Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne“ ausführte, als menschlicher „Abfall“ die Ränder der Gesellschaft bilden: Langzeitarbeitslose, Migranten ohne Perspektive, Flüchtlinge.

„Ich glaube nicht mehr daran, dass es überhaupt so etwas gibt wie eine gute Gesellschaft“, dieses Fazit klingt pessimistisch, doch kann man es auch als Ansporn verstehen, sich nicht zurückzulehnen und sich auch ohne beruhigende Fortschrittsversprechen und Erfolgsrezepte der Verantwortung gegenüber dem Nächsten bewusst zu sein.

Am Montag ist Zygmunt Bauman im Alter von 91 Jahren in Leeds gestorben.

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