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Seit langer Zeit lebt er mit dem Ruf, ein Zauderer zu sein.

Fernsehen

Shakespeare statt Telenova

Shakespeare - das ist das Gemetzel und die Liebe, und das ist die Liebe als Gemetzel und das Gemetzel als Liebesakt. 3sat setzt vierzehn Tage lang auf den großen britischen Dichter.

Von xxawi

Morgen früh um elf zeigt 3sat Asta Nielsens Hamlet-Film. Es ist nicht etwa Sven Gades Hamlet-Film. Der Film stammt aus dem Jahre 1920 und das Regie-Theater gab es zwar schon, aber es sah seine Aufgabe darin, dem Schauspieler Platz zu machen für den großen Auftritt, für die große Geste. Der Film zeigt uns, was wir verloren haben in den letzten neunzig Jahren, aber er macht auch klar, dass wir nicht mehr dorthin zurück möchten.

Seit dem 15. März bietet uns 3sat Shakespeare in mehr als einem dutzend Variationen. Von Asta Nielsens Hamlet bis Luc Bondys King Lear. Es ist zugleich ein Rückblick auf neunzig Jahre Theater- und Filmgeschichte, betrachtet durch die Brille der Shakespeare-Interpretationen.

Wer es nicht geschafft hat, Luk Percevals Verwandlung der Shakespeareschen Königsdramen in ein einziges zwölfstündiges Theaterereignis zu erleben, der kann Donnerstagnacht um 1.30 Uhr einen Zusammenschnitt von "Schlachten!" sich anschauen und eine Ahnung davon gewinnen, mit welcher Wucht diese Aufführung 1999 bei den Salzburger Festspielen die Bühne sprengte.

Vielleicht liegt es am kleinen Format des Fernsehers, dass die grelle Gewalt, die Bühnenlust an Blut und Geschrei den Zuschauer nach einer Weile ermüdet, ja langweilt. Jedenfalls viel, viel mehr langweilt als zum Beispiel die schwarz-weiße Intensität von Orson Welles' "Othello", den es schon gestern Abend zu sehen gab.

Vielleicht ist es eine Alterserscheinung des Betrachters, dass der Lärm ihn weniger neugierig macht als vielmehr schreckt. Vielleicht aber verdeckt das gar zu Knallige den Lyriker Shakespeare, den Dichter, der seine Zuhörer überschwemmt mit schöner Rede. So wild die Szenen auf Shakespeares Bühne auch sind, wilder noch sind die Assoziationen, die zwanghaften und die freien, befreienden seiner Texte.

Shakespeare - das ist das Gemetzel und die Liebe, und das ist die Liebe als Gemetzel und das Gemetzel als Liebesakt. Shakespeare gibt jedes Gefühl in seiner Reinheit und er gibt jedes in jedem Mischungszustand mit seinem Gegenteil. Das macht ihn zu spielen so verlockend und das macht ihn zu spielen so schwer.

Shakespeare ist kein Fall fürs Regietheater. Er ist zu körperlich. Einer, der nur Kopf sein möchte, kann sich in die Shakespeareschen Leiber, in die auf einander einschlagenden Resonanzkörper für die schönsten Verse nicht hin-eindenken. Er weiß nicht, aus welcher Bewegung von Schultern und Hintern, aus welchem Schwung heraus dieser Schauspieler - am Donnerstag ist es Marlon Brando - Mark Anton seine Rede an Mitbürger, Freunde, Römer halten lässt.

Jeder Körper hat seinen eigenen Klang. Jeder Laut hat bei Shakespeare seinen eigenen Körper. Der Schauspieler muss mit dem eigenen Leib mehr noch als mit dem Verstand herausfinden, wie er beides zusammenbringt, wie er den Kampf zwischen der ständig lauernden Aggressionsbereitschaft von Willen und Körper und der Willenlosigkeit des Gemüts nicht etwa ausgleicht sondern zum Ausdruck bringt.

Es wird wunderbar sein, Nakadai Tatsuya in Kurosawas King Lear-Adaption "Ran" mit Gert Voss in Luc Bondys Burgtheater-Inszenierung des Shakespeare-Dramas zu vergleichen. Gespannt waren wir auch auf die Gespräche, die die Retrospektive begleiten. Aber, was wir davon sahen, enttäuscht. Heute Abend spricht Dieter Moor mit Güzin Kar, Bas Kast, Dagmar Papula und Dieter Wedel über die Liebe. Das kann doch nicht anders werden als blass und lau verglichen mit Shakespeares Stücken.

Es führt uns nur unsere Mittelmäßigkeit, unsere Durchschnittlichkeit vor. Das Gleiche gilt für das von Thea Dorn mit Gertrud Höhler, Albert Ostermeyer, Wolfgang Schäuble und Juli Zeh geführte Gespräch über Macht. Die Hälfte der Sendung ist erreicht, da sagt Schäuble endlich das erlösende Wort: "Die rechtliche Verfasstheit der Bundesrepublik gibt keinen Shakespeare mehr her. Es geht nicht mehr um Leben und Tod."

So sieht Fortschritt aus.

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