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Richard III., hier von Lars Eidinger gespielt, 2015 in Avignon.

Brexit

Shakespeare und der Brexit: „Zerrüttung, Grausen, Furcht und Meuterei“

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Bernd Breutmann erinnert in einem anregenden Essay daran, dass England Brexit-Erfahrung hat, aber keine gute.

What country, friends, is this“, lässt Shakespeare in „Was Ihr wollt“ seine in Illyrien gestrandete Viola fragen. Viele Generationen später werden sich nicht nur die Briten, sondern angesichts des Brexit-Chaos auch viele europäische Nachbarn verwundert die Augen reiben: Was ist das für ein Land, das sich hier selbstmörderisch in den Abgrund stürzt? Was ist das für ein Land, das „der Weltöffentlichkeit ein Lehrstück dafür geliefert (hat), wie Volksabstimmungen manipuliert werden können, wenn nur Politiker skrupellos genug vorgehen und Medien konsequent parteilich berichten“? Was ist das für ein Land, in dem eine Falstaff-Figur namens Boris Johnson Premierminister werden konnte? Was ist das für ein Land, in dem ein Possenreißer und Lügner namens Nigel Farage – der „Guardian“ nennt ihn einen „Machiavellisten jenseits von Recht und Moral“ – Torys und Labourabgeordnete vor sich her treiben kann?

Shakespeare, Brexit & die ungeschriebene Verfassung

Bernd Breutmann – Professor für Informatik, außerdem England- und Schottlandkenner – stellt in seinem großen und erfrischend zupackenden Essay „Die Zeit ist aus den Fugen. Shakespeare, Brexit & die ungeschriebene Verfassung“ dar, dass dieses Land mit seiner alten parlamentarischen Tradition über die Jahrhunderte verschiedene „Brexits“ durchlebt und durchlitten hat. Heinrich VIII. trennte England vom päpstlichen Kontinent, Churchill glaubte kurzsichtig an eine grandiose Zukunft Großbritanniens außerhalb der europäischen Gemeinschaft, und Maggie Thatcher, Spalterin der britischen Gesellschaft, kannte nur einen Satz: „I want my money back.“

Schlag nach bei Shakespeare empfiehlt Breutmann, lies seine Historiendramen, und du beginnst vielleicht ein wenig zu verstehen, was dieses Land seit drei Jahren immer tiefer in ein wahnwitziges Trauerspiel getrieben hat. „Pragmatismus gegen eherne Verfassungsgrundsätze – dieses Wechselspiel bestimmt die Historienstücke Shakespeares. Es ist auch die Grundmelodie einer Nation mit einer ungeschriebenen Verfassung.“ Und Breutmann zitiert aus „The Life and Death of King John“: „Wir trotzen ihr (der Welt): nichts bringt uns Not und Reu’, / Bleibt England nur sich selber immer treu.“ Das ist der Saft, aus dem „Vote Leave“-Propagandisten ihren politischen Sud brauten. Ex-Premier David Cameron, dessen strategische Unfähigkeit einen entscheidenden Beitrag zum Brexit-Desaster leistete, hatte wie einst Lady Macbeth gerufen: „Come you spirits“ (Kommt, ihr Geister), und wie die machtgierige Königsmörderin wurde er sie nicht mehr los.

Die alten neuen Egoisten

Die „Vote Leave“-Kampagne – das belegt Breutmann schlüssig – hat England zu einem rassistischen Land gemacht. Sie wurde gesteuert von einer egoistischen Eton-, Oxford- und Cambridge-Elite, für die der Begriff „Gemeinwohl“ spätestens seit den Thatcher-Jahren ein Fremdwort geworden ist. Die Ziele der Leave-Anführer heißen Macht und Geld. Wie immer der Brexit gestaltet wird: Den Preis, Breutmannn lässt daran keinen Zweifel, werden die Menschen zahlen müssen, die nicht wohlhabend genug sind, das kommende ökonomische und politische Chaos schadlos zu überstehen. Großbritanniens Wirtschaft wäre ohne die EU-Zugehörigkeit schon seit Jahren im Wachstumstief. Ohne EU-Geld wäre Nordirland nicht lebensfähig, und die realistischen Schotten wussten, warum sie für einen Verbleib in der Europäischen Gemeinschaft votierten. Der „Guardian“ schrieb zu Recht, dass der Brexit eine Rebellion der englischen Nation sei, nur vordergründig getarnt als Anliegen des Vereinigten Königreiches, aber durchgezogen ohne Rücksicht auf den erklärten Willen Schottlands und Nordirlands.

Bernd Breutmann: Die Zeit ist aus den Fugen. Shakespeare, Brexit ... . K & N, Würzburg 2019. 180 S., 28 Euro.

In „Richard II.“ schildert Shakespeare das „Schreckensszenario einer zerrissenen Nation“: „Das Blut der Bürger wird den Boden düngen, / Und ferne Zukunft stöhnen um den Greul ... / Zerrüttung, Grausen, Furcht und Meuterei / Wird wohnen hier, und heißen wird dies Land / Das Feld von Golgatha und Schädelstätte.“ Gar so schrecklich wird es nicht kommen, aber Breutmann erklärt überzeugend, dass es auch ohne Blut ein Ende mit Schrecken geben wird. „Ein Brexit, wie auch immer er ausfällt, muss zu Deformationen führen.“ Zumal die Krise der englischen Eliten schon lange auch die schwankenden Labour-Führer eingeholt hat. „Ich nun, in dieser schlaffen Friedenszeit“, monologisiert Richard III., „weiß keine Lust die Zeit mir zu vertreiben, / als meinen Schatten in der Sonne spähn / Und meine eigene Missgestalt erörtern.“

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