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Hase während einer Moorhuhnjagd in Großbritannien.

Unter Tieren

Opfer der Jagd

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In der Dezember-Ausgabe ihrer Kolumne „Unter Tieren“ erklärt Hilal Sezgin, warum die Jagd ein Inferno für alle Bewohner des Waldes ist.

Vergangene Woche musste ich zusehen, wie ein altes Schaf zusammenbrach und starb. Dass es an Leukämie litt, war bereits bekannt gewesen; dennoch hatte sich nicht absehen lassen, dass es so rasch und plötzlich sterben würde. „Es starb an Leukämie“ – das hört sich so simpel an, wie ein überschaubarer Vorgang. Wenn man nicht oft mit dem Tod zu tun hat, stellt man ihn sich meist wie eine Art sukzessives Abschalten vor; etwas im Körper funktioniert nicht mehr, und irgendwann stellt er das Funktionieren ganz ein. Wenn man Glück hat, „geht es schnell“, und dieses Schaf – es käme mir irgendwie indiskret vor, ihren Namen zu nennen – starb relativ schnell. Und doch: Fast jedes Sterben ist ein Sich-Quälen, ist ein Ringen. Es ist keine Freude, dabei zuzusehen. Kein Mensch, dessen Herz auch nur halbwegs am rechten Fleck sitzt, sieht gerne, wie sich ein anderes fühlendes Wesen quält und stirbt.

Doch da sind nun auch die Jäger. Mit 25 Wagen sind sie heute hier angerückt und streifen nun durch den benachbarten Wald; sie haben Hunde dabei, die, in reflektierende kleine Mäntel gehüllt, hin und her rennen, um alle Bewohner des Unterholzes aufzuspüren, und Anhänger, um die Beute später damit abzutransportieren. Vom Schreibtisch aus kann – muss! – ich einen der Jäger in seiner orangefarbenen Warnweste sehen; mit dem Gewehr steht er auf einem Holzstapel und wartet, dass ihm Hunde und Männer Tiere vor die Flinte treiben. Zig mal hat es heute schon ohrenbetäubend geknallt – jeder Schuss ein Tod, eine Verletzung, ein Streifschuss vielleicht.

Auch das Erschossen-Werden auf der Jagd stellen sich diejenigen, die nicht so viel darüber wissen, als schnellen Tod vor, als relativ leicht. Doch selbst wenn sie „richtig“ getroffen werden, fallen Tiere nicht einfach tot um. Körper lassen sich nicht einfach so abschalten; sie taumeln und kreiseln und bäumen sich auf. Es wird geschätzt, dass mindestens ein Drittel aller Schüsse nicht tödlich sind. Viele Tiere schleppen sich stunden- und manche tagelang schwer verletzt davon.

Ich sehe durch das Fenster diesen Mann mit der Flinte und ertappe mich bei Gedanken, die ich mir nicht erlauben möchte. Ich beschimpfe ihn im Geiste mit Wörtern, die mir nicht wirklich über die Lippen gehen. Wieso ist es überhaupt erlaubt, fünfzig Meter neben einem Wohnhaus zu schießen? Das wird durch das deutsche Jagdrecht geregelt; nicht einmal eine Absperrung ist dabei nötig.

Jedes Jahr treffen Kugeln aus Jagdgewehren Spaziergänger, Autos, Fensterscheiben von Wohnhäusern. Manchmal treffen sie auch einen anderen Jäger. Müsste mich das genauso traurig stimmen, wie wenn ein Unbeteiligter angeschossen wird? Ist es in Ordnung, daran zu erinnern, dass dieses Jagdopfer allerdings kein Unschuldiger ist, dass er selber es als legitimes Freizeitverhalten ansieht, mit dem Gewehr zu verletzen und zu töten? Aber wem hilft es, wenn jetzt ein Jäger im Krankenhaus liegt? Ich möchte kein Mensch werden, der sich schadenfroh die Hände reibt. Ich möchte nicht von der Wut aufgefressen werden.

Doch das Gefühl der Ohnmacht drückt mich nieder, da kann ich machen, was ich will. Als ob 25 Autos voller Jäger noch nicht genug wären, kreist seit einer halben Stunde ein Militärhubschrauber tief über dem benachbarten Waldstück; die aufgeschreckten Vogelschwärme wissen schon gar nicht mehr, wohin fliegen. Aber das muss doch Zufall sein – oder seit wann darf die Bundeswehr bei der Treibjagd assistieren?

Ich habe bei der Jagdbehörde angerufen, nein, der Hubschrauber gehört natürlich nicht dazu, die machen hier in der Nähe anscheinend wieder Herbstmanöver. In den Rotorenlärm mischen sich Schüsse. „Wie in einem Kriegsgebiet“, denke ich, und denke dann daran, dass es Menschen gibt, die wahrhaft im Krieg leben und nicht nur metaphorisch.

Und dann wieder eine Explosion. Rufe und Pfiffe – es sind übrigens nicht nur männliche Jäger. Mindestens eine weibliche Stimme höre ich. Ein Jagdhund läuft vorm Haus vorbei. Wildschweine und Rehe hetzen über Wiesen und durch die Büsche. Dieser Tag ist ein Inferno für alle Waldbewohner, die gute Ohren haben und den Willen zu leben. Wie eine Katze an Silvester möchte ich mich am liebsten unterm Sofa verkriechen. Auf meiner Wildkamera, mit der ich die nächtlichen Besucher meines Gartens beobachte, habe ich vor ein paar Tagen einen verwundeten Fuchs gesehen; ich hoffe, er hat für heute ein besseres Versteck gefunden als ich.

Hilal Sezgin,Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“. Zuletzt erschien ihr Buch „Nichtstun ist keine Lösung. Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs“ bei DuMont.

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