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„The Digital Nomads Did Not Prepare for This.“
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„The Digital Nomads Did Not Prepare for This.“

Update

Seltsame Gestalten

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Digitale Nomaden werden argwöhnisch beobachtet und oft auch beneidet. Das muss nicht mehr lange so bleiben.

Die „New York Times“ berichtete Anfang November unter dem Titel „The Digital Nomads Did Not Prepare for This“ über Menschen aus den USA, die ihrer Arbeit vom Laptop in Mexiko, Costa Rica, Portugal oder Thailand nachgehen und durch das Coronavirus in Probleme mit dieser Lebensweise geraten sind. Das bietet einerseits Anlass zu naheliegendem Spott, denn digitale Nomaden sind in vieler Hinsicht privilegiert. Nicht unbedingt in finanzieller Hinsicht – ein Grund für die mobile Arbeit sind oft die niedrigeren Lebenshaltungskosten im Aufenthaltsland. Aber das digitale Nomadentum setzt voraus, dass man einer Tätigkeit nachgeht, die sich von jedem Ort mit Internetzugang ausüben lässt, und Kinder sollte man möglichst auch nicht haben.

Das macht die digitalen Nomaden zwar nicht wesentlich privilegierter als beispielsweise Studierende im Ausland. Aber den Auslandsaufenthalt im Studium gibt es schon lange, alle haben sich daran gewöhnt, und man stößt vermutlich in Redaktionskonferenzen nicht auf Interesse, wenn man einen Beitrag über das Luxusleben der Austauschstudierenden vorschlägt.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Dazu kommt ein Fokus in der medialen Berichterstattung auf Leute, die in einem Co-Working-Space am Strand arbeiten und danach surfen gehen. Ich arbeite seit fünfundzwanzig Jahren ortlos und habe diese Kolumne schon an Bord von Fähren und Zügen, auf den Balkonen von Verwandten und Freundinnen sowie in meinem alten Kinderzimmer geschrieben. Heute arbeite ich in der Wohnung meines Partners in Großbritannien, vor dem Fenster Nieselregen. Wenn ich fertig bin, gehe ich nicht surfen, sondern mit dem Hund vor die Tür. So bald wird hier niemand auftauchen, um mich über digitales Nomadentum zu interviewen.

Während die Befragten im „New York Times“-Beitrag herausfinden, dass eine Pandemie den international-nomadischen Berufsalltag erschwert, stellen gleichzeitig viele andere fest, dass sich ihre Arbeit eigentlich ganz gut außerhalb des Büros ausüben lässt. 2018 arbeiteten in Deutschland knapp zwölf Prozent aller Berufstätigen „manchmal oder immer“ von zu Hause oder anderswo. Der Anteil der Firmen, die das unterstützen, steigt schon länger kontinuierlich an, 2014 waren es 22 Prozent, vier Jahre später, noch vor Corona, schon 39 Prozent. Twitter und der Zahlungsdienstleister Square haben im Mai 2020 angekündigt, dass ihre Belegschaft künftig dauerhaft von zu Hause aus arbeiten darf. Dropbox stellt auf „remote first“ um, die Nichtanwesenheit wird dort zum Normalzustand und die Arbeit im Büro zur Ausnahme. Facebook und einige andere Unternehmen haben in der zweiten Jahreshälfte Stellenanzeigen für den Posten des „Director of Remote Work“ geschaltet.

Einer Studie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) zufolge haben in Deutschland um die 37 Prozent der Befragten coronabedingt gerade zum ersten Mal im Homeoffice gearbeitet. Was man dabei in diesem Jahr nicht so gut erkennen kann, ist der Unterschied zwischen „Arbeit von zu Hause“ und „Arbeit außerhalb des Büros“. Derzeit existiert für die meisten nur die Option des Zu-Hause-Arbeitens. Die Arbeit im Café oder im Co-Working-Space fällt flach. Sobald sie wieder möglich ist, werden die Unterschiede zwischen den Konzepten „Arbeit zu Hause“ und „Arbeit irgendwo, aber nicht in der Firma“ klarer hervortreten. Noch weniger sichtbar ist die Tatsache, dass man, sobald ein Unternehmen Stellen anbietet, die vollständig remote sind, nicht mehr in der Nähe dieses Unternehmens zu wohnen braucht. 2020 arbeiten viele Menschen zu Hause, die bis dahin jeden Tag in die Firma gefahren sind. Natürlich leben sie immer noch in der Nähe des Arbeitsplatzes. Aber langfristig muss das nicht so bleiben.

Die Lebensweise der „digitalen Nomaden“ wird dann so normal werden, dass sie keinen Namen mehr braucht. Wir haben schließlich auch keinen speziellen Ausdruck für Menschen, die telefonisch überall erreichbar sind. Oder für Menschen, die nicht mehr neben dem Acker leben, auf dem ihr Essen angebaut wird.

Die erste Version irgendeiner Tätigkeit oder Lebensweise wirkt oft ein bisschen absurd, weil sie eben bisher noch nicht da war und die Umstehenden sich erst an den Anblick gewöhnen müssen. Vor allem ist sie meistens teuer, und man sieht sie deshalb nur an wohlhabenden und privilegierten Menschen. Das war in den ersten Jahren des Handygebrauchs so, aber auch Fahrradfahrende mussten sich den Vorwurf fast das gesamte 19. Jahrhundert hindurch gefallen lassen. Meistens wäre es produktiver, nicht bei den elitären Aspekten und der Absurdität einer Tätigkeit stehenzubleiben, sondern zu fragen: Wenn das Fahrrad, das Handy, das Arbeiten von überall eines Tages für breitere Bevölkerungsschichten zugänglich wird, welche Veränderungen bringt das mit sich? Dann hätte man eine Chance, nicht nur das Privileg und den albernen Anblick zu sehen, sondern auch die neuen Handlungsspielräume für alle.

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