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Das Deutsche Theater in Berlin.

Deutsches Theater Berlin

Sekundärliedgutabgabestelle

„Demokratie“: Der dritte vergnügliche staatsbürgerkundliche Bastelspaß von Jürgen Kuttner und Tom Kühnel im Deutschen Theater.

Von Ulrich Seidler

Zunächst ein Gruß an die Inspizientin Kathrin Bergel. Für Jürgen Kuttners und Tom Kühnels Inszenierung von Michael Frayns „Demokratie“ im Deutschen Theater, Premiere war am Freitag, dürfte sie so manche Albtraumnacht durchlitten haben. Nicht, dass die Bühnentechnik in diesem Hause sonst sparsam eingesetzt würde und nicht, dass die Signale sonst weniger stichwortpünktlich gegeben würden, aber an diesem Schnipselabend wird ? bei aller Textlastigkeit ? kaum ein Wort gesprochen, das nicht irgendwas in Betrieb setzen würde, ob Nebelmaschine, Disko-Lichtorgel oder Verfolgerspots.

Musiktitel müssen taktweise eingespielt, Mikrofonkanäle für ein zwei Worte geöffnet werden; es laufen vorproduzierte und live generierte Videoaufnahmen parallel auf drei Leinwänden; Vorhangschienen und herumschwebende Ringtraversen führen komplizierte Choreographien auf; ein Chambre séparée kurvt wie beim Autoscooter durchs Geviert.

Und ? Frau Bergel, geben Sie es zu! ? es scheint, dass sogar die Schauspieler per Funkfernsteuerung vom Inspizientenpult aus traktiert werden, so unvermittelt wie sie umschalten von Charme auf Aggressivität, von Politprofi auf Schlagersülzwurst, von Triumphgebaren auf Depressionsentgleisung. Abgesehen von ein paar Texthängern geht nichts, aber auch gar nichts durcheinander an diesem dreieinhalbstündigen Abend. Was uns die Gelegenheit gibt, auch einen Gruß an die souveräne Souffleuse Marion Rommel hinterherzuschicken.

Polit-Theater-Revue-Baselarbeit

„Demokratie“ ist nach zwei Ideologie-Stücken (linksutopisch: Peter Hacks’ „Die Sorgen und die Macht“, 2010, und rechtsutopisch: „Capitalista, baby“ nach Ayn Rand, 2011) die dritte vergnügliche, zeitgeschichtlich forschende, populärwissenschaftliche, staatsbürgerkundliche Polit-Theater-Revue-Bastelarbeit von Kühnel/Kuttner am DT.

Zu Beginn: ein Rednerpult und Losungen zum X. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei, wir schreiben also das Jahr 1981. Wir Zuschauer befinden uns im mit gelblichem Kultursaal-Plissee ausgeschlagenen „frisch renovierten“ Deutschen Theater Berlin (Bühne: Jo Schramm). Extra begrüßt werden jene Zivilangestellten unter uns, die sich im Ministerium durch ihren Kampf für den Frieden verdient gemacht haben.

Durch den Abend führt ? ein selbstironischer, autobiografischer Schlenker ? ein so rühriger wie gerührter Kulturbundtschekist: Jürgen Kuttner mit grau melierter Föhnwelle und Bonbon am Revers. Star des Abends ? mit nicht weniger sorgsam gelegtem Haar: Genosse Günter Guillaume (Daniel Hoevels), Mischa Wolfs Kundschafter aus dem Kanzleramt, der „sieben Jahre in den Kerkern des Klassengegners schmachten musste“, bevor er freigekauft werden konnte und nun von seinen Abenteuern berichten kann: die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Willy Brandt (Felix Goeser), bezeugt durch G.?G., seinen persönlichen Referenten, Butler, Frauenbeschicker, Launebewahrer und Reisebegleiter.

Wer soll sich denn wandeln?

Umstandslos springt das Geschehen durch Zeit und Ort: 1969 beschließt Brandt gegen den Willen von Herbert Wehner (Bernd Stempel) und Helmut Schmidt (Andreas Döhler), die lieber weiter mit der Union regiert hätten, die Koalition mit der FDP und wird so zum ersten linksmittigen Kanzler seit 40 Jahren. Guillaumes Stasi-Führungsoffizier Arno Kretschmann (Michael Schweighöfer) interessiert sich besonders für die Ostpolitik des Kanzlers: „Was heißt denn ‚Wandel durch Annäherung‘? Wer soll sich denn wandeln? Wir etwa?“

Immer wieder stellt Kretschmann die für engagierte Spitzel schmerzliche Frage: „Können wir Willy Brandt vertrauen?“ Man kann der Stasi jedenfalls nicht vorwerfen, dass sie sich zu wenig um das Vertrauen des Kanzlers bemüht hätte. Sie stand ihm auch in schweren Zeiten bei. So konnte Brandt 1972 das Misstrauensvotum gegen ihn nur mit Hilfe der von Mischa bestochenen Unionspolitiker bestehen. Dass Brandt 1974 nach der Verhaftung Guillaumes zurücktrat, fanden viele übertrieben. Guillaume wohl auch ?„war nicht so gemeint“.

Das Stück des Briten Frayn hangelt sich brav an der Zeitgeschichte entlang, und die Inszenierung nicht unbrav am Stück. Wobei eben ? und das ist die Kühnel-Kuttnersche Hinzufügung, die den Abend zum Vergnügen macht ? die Schauspieler ohne Vorwarnung mitten im Satz beginnen, mit viel Liebe ausgesuchte Schlager zu ... ja was? ... zu playbacken. Und zwar nicht nur lippen-, sondern auch augenbrauen-, zungen-, gaumen- und vielleicht sogar seelensynchron. Ein Gefühlsimitat-Verfahren, das man von Alain Resnais’ Film „Das Leben ist ein Chanson“ (1979) kennt. So die Auskunft des bei dieser Arbeit sicher auch stark beanspruchten Dramaturgen Claus Caesar, Gruß!

Bis zur zitternden Trauerlefze

Politiker haben’s nämlich auch menschlich nicht leicht. Mit Hildegard Knef regnet Brandt „grauer Regen aufs Dach, und du denkst in erster Linie: ach?…“. Mit Udo Jürgens geht dann immer, immer, immer wieder die Sonne auf. Von schönem Anspielungsreichtum ist Rio Reisers „Wenn ich König von Deutschland wär“ (da fliegt dem Döhler die Schmidt-Mütze vom Kopf). Oder der fast unvergessene (Stasi?)-Hit der DDR-New-Wave-Band Jessica „Ich beobachte dich“. Oder Franz Schuberts von Brandt norwegisch vorgetragenes Winterreisestück „Fremd bin ich eingezogen“ (ins norwegische Exil oder ins Kanzleramt?).

Bittersüßer noch die Melancholie, mit der Hoevels Guillaumes gespaltenes Innenleben musikalisch ausdrückt, nämlich indem er bis hin zur zitternden Trauerlefze Hermann van Veen imitiert, wie dieser Walter von der Vogelweides „Klage“ singt. Dass Walter schon vor acht Jahrhunderten wusste, wie es im Herzen des heimkehrenden Stasi-Kundschafters aussehen würde, sei mit einem Schlusszitat belegt: „War das, woran ich glaubte/ in Wirklichkeit nur Schein/ hab ich zu lang geschlafen/ und sah es nur nicht ein?// All die Kameraden/ sind träge nun und alt./ Bebaut sind alle Felder,/ gerodet ist der Wald.// Nichts stimmt mich mehr heiter,/ überall Verrat./ Nur der Fluss strömt weiter,/ wie er’s immer tat.“

Demokratie, 25., 28. Sept.; 6., 9., Okt., Deutsches Theater, Tel.: 28?44?12?25

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