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Den Sektengeist der Kirchen überwinden

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Eine Sommeruniversität in Münster beschäftigt sich mit der Aktualität des vor 250 Jahren geborenen Theologen Friedrich Schleiermacher.

Nach dem Überschwang der Feierlichkeiten zum 500. Jahrestag der Reformation war Ende 2017 der Jubel-Akku im deutschen Protestantismus erst einmal tiefentladen. Das kirchliche und nationale Event, das zwar nicht Luther-Jubiläum heißen sollte, in der Öffentlichkeit aber gleichwohl in erster Linie als Würdigung des Wittenberger Reformators wahrgenommen wurde, hatte viel Energie gekostet.

Doch schon schicken sich evangelische Kirchenhistoriker und Theologen an, ihre nächsten Säulenheiligen zu ehren. Die Erinnerung an den 250. Geburtstag des preußischen Hofpredigers und Professors Friedrich Schleiermacher (1768 bis 1834) und den 50. Todestag des Schweizers Karl Barth (1886 bis 1968) gilt den wichtigsten Theologen des 19. beziehungsweise des 20. Jahrhunderts. Ohne sie, sagt Anne Käfer, Professorin für Systematische Theologie an der Universität Münster, „lassen sich die evangelische Kirche in Deutschland und die protestantische Theologie heute nicht denken und verstehen.“

Obwohl die beiden modernen Kirchenväter in mancher Hinsicht Antipoden sind, ist ihnen doch eines gemeinsam, was dem Vorgänger der Direktorin des Seminars für Reformierte Theologie, Michael Beintker, besonders wichtig ist: Sie vertreten die auf Johannes Calvin (1509 bis 1564) und Huldrych Zwingli (1484 bis 1531) zurückgehende reformierte Tradition des Protestantismus. Evangelisch – das ist eben mehr als Martin Luther (1483 bis 1546).

Dies weiß man gerade in Münster, wo die Evangelische Fakultät traditionell einen besonderen Schwerpunkt auf die reformierte Theologie legt, wie Dekan Hans-Peter Großhans sagt. So saß hier der große Barth von 1925 bis 1930 auf dem Lehrstuhl, der heute von Käfer besetzt wird. In der Umgebung Münsters ist das reformierte Bekenntnis ebenfalls tief verwurzelt. Die ehemaligen Grafschaften Steinfurt, Bentheim und Tecklenburg etwa waren seit der Mitte des 16. Jahrhunderts reformierte Hochburgen im ansonsten tief katholischen Münsterland.

Eine einwöchige „Sommeruniversität“ an der Evangelischen Fakultät in Münster ging nun dem Wirken Schleiermachers und seiner bleibenden Aktualität nach. Spannend zu lesen, wie dieser Universalgelehrte – er war auch Philologe, Philosoph, Staatstheoretiker und Mitbegründer der Berliner Universität – zu seiner Zeit die Lage der Kirche geschildert hat: „Dass unser Kirchenwesen in einem tiefen Verfall ist, kann niemand leugnen“, schreibt Schleiermacher 1808. Die Teilnahme an den Gottesdiensten sei „fast ganz verschwunden“, der Einfluss des Glaubens auf die Sitten „kaum wahrzunehmen“, das Verhältnis zwischen den Pfarrern und ihren Gemeinden „so gut wie aufgelöst“, der gesamte geistliche Stand „in Absicht auf seine Würde in einem fortdauernden Sinken begriffen, in Absicht auf seinen eigentlichen Zweck von einer gefährlichen Lethargie befallen“.

Der Grund „all dieser Übel“ liegt für Schleiermacher in der Trennung von Lutheranern und Reformierten. Vehement tritt er für die Einheit der Konfessionen im Königreich Preußen ein, und das Luther-Jubiläum des Jahres 1817 verstärkt die Dynamik einer solchen „Kirchenunion“. Sie ist auch ein Lieblingsprojekt König Friedrich Wilhelms III. (1770 bis 1840).

Weil seine 1810 gestorbene Frau Luise Lutheranerin war, war dem Königspaar im Gottesdienst zeitlebens der gemeinsame Gang zum Abendmahl verwehrt. Die Herrscher Preußens hätten seit langem „aufs Innigste gewünscht“, dass der „Sektengeist überwunden“ und aus den getrennten protestantischen Kirchen „eine evangelisch-christliche in ihrem Land“ werde, schreibt der König in einer Kabinettsorder vom 27. September 1817 zur 300-Jahr-Feier der Reformation.

In Schleiermacher findet er einen energischen Unterstützer. Dieser liefert über die praktischen Argumente hinaus die theologische Fundierung für Friedrich Wilhelms Pläne und treibt sie als Pfarrer an der Berliner Dreifaltigkeitskirche, als Professor und schließlich als Gründungspräses der ersten Berliner Gesamtsynode von 1816 bis 1823 entscheidend voran. Die 1817 erzielte Union besteht in den ehemals preußischen Teilen Deutschlands – so auch im Rheinland und in Westfalen-Lippe – und darüber hinaus bis heute. Zwölf der 20 EKD-Mitgliedskirchen gehören zur „Union Evangelischer Kirchen“ (UEK).

Das Abendmahl ist für Schleiermacher das entscheidende Geschehen, in dem Gott die Christen im Glauben stärkt und die Gläubigen sich als Gemeinschaft erleben. Wie aber nun Christus in Brot und Wein, den „Elementen“ des Abendmahls, gegenwärtig ist – diese zwischen den christlichen Konfessionen hoch umstrittene Frage darf nach Schleiermacher nicht kirchentrennend sein. Zum einen sei sie kraft menschlicher Vernunft ohnehin nie mit letzter Gewissheit zu beantworten; zum anderen seien die Lösungsvorschläge sämtlich vorläufig und unvollkommen. Wie alle Glaubenslehren entwickelten sie sich im Lauf der Zeit weiter.

Schleiermacher plädiert für legitime Pluralität anstelle von „Uniformitätssucht“. Die Kirchenunion solle Raum für verschiedene theologische Lehren und damit größtmögliche Freiheit bieten, erläutert der Münchner Theologe Jan Rohls. Ein „mittlerer Proportionalglaube“ (Schleiermacher) in der Lehre vom Abendmahl dagegen würde am Ende niemandem helfen. Die Spaltung der Kirchen in dieser Frage beruhe nur auf dem Eigensinn einiger Reformatoren.

„Schleiermacher ging es vor allem darum, was das Abendmahl für die Gottesbeziehung bringt“, sagt Anne Käfer. „Das ist aber alles andere als eine abgeschmackte Nützlichkeitserwägung. Vielmehr kommt hier die Überzeugung zum Ausdruck, dass Gott es ist, der im Abendmahl Gemeinschaft der Menschen mit ihm und dann auch untereinander schafft. Wer Menschen vom Abendmahl ausschließt, verhindert Gottes Gemeinschaftswirken.“

Zudem befürchtet Schleiermacher, dass die verzwickten theologischen Spekulationen für die einfachen Gläubigen so unverständlich seien, dass diese sich womöglich allerlei unzulängliche Rechtfertigungsgründe für die Kirchentrennung ausdächten, statt auf deren Überwindung zu dringen.

Mit solchen Überlegungen erweist sich Schleiermacher als hochmoderner Denker und Kirchenpolitiker. „Es ist gar nicht so schwer, die Kirche zu regieren, wenn man nur nicht zu viel regieren will.“ Diesen Aphorismus Schleiermachers könnten sich leitende Geistliche aller Konfessionen auch heute gesagt sein lassen.

Obwohl die evangelisch-katholische Ökumene zu seiner Zeit noch in weiter Ferne lag, träte er im aktuellen Streit über die Teilnahme evangelischer Ehepartner an der katholischen Kommunion gewiss als Befürworter eines entschlossenen Vorangehens auf. „Schleiermachers Impuls hieße: Begegnungsräume schaffen, miteinander feiern und dabei feststellen, dass die Anhänger der anderen Konfession auch nicht ganz dumm sind“, sagt Michael Beintker.

Käfer zeichnet Schleiermacher insgesamt als „großen Menschenfreund“: Sein ganzes Denken nehme den Ausgangspunkt beim Menschen, den er von seinem Wesen her religiös versteht, das heißt bewegt von einer mehr oder weniger bewussten Sehnsucht danach, den sinnstiftenden Grund des eigenen Daseins zu erkennen. „Im christlichen Glauben erlebt sich der Mensch laut Schleiermacher in ‚schlechthinniger‘ – absoluter – Abhängigkeit von Gott, der ihm in Liebe zugetan ist.“ Das Erleben der Liebe Gottes wiederum bewirke, dass der Glaubende sich seinen Mitmenschen in Liebe zuwende.

Mit seinem von Aufklärung und Pietismus zugleich beeinflussten Ansatz prägt Schleiermacher die „liberale“ protestantische Theologie des gesamten 19. Jahrhunderts – bis Karl Barth sich in scharfen Widerspruch begibt. Gegen Schleiermachers These von der religiösen Offenheit aller Menschen betont er den zerstörerischen Einfluss der Sünde, die den Menschen abgrundtief von Gott trennt. Die intensive Beschäftigung mit beiden Denkern in ihrem Jubiläumsjahr wird zweifellos auch solchen Spannungen gelten.

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