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Das Ur-Feld, am Meer, mitten im Wind.

Fußball

An der Seitenlinie

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Zurück auf dem Spielfeld der schönsten Nebensache der Welt.

Die Offenbarung des Joachim stand bevor. Was würde er zum Sommer-Desaster sagen? Wir haben es verbockt, ja? Dreht euch nicht um? Schaut nach vorn? Verliert nicht den Glauben? Keiner konnte das ahnen? Der Mann an der Seitenlinie hatte es geahnt, lange im Voraus. Seit eine Zeitung zu Deutschlands WM-Chancen getitelt hatte: „Wir sind auf dem Zenit“, hielt die Erinnerung zwei Warnungen bereit: War nicht der Kaiser Franz 1990 mit dem Statement auffällig geworden, auf Jahre hinaus werde „unsere“ Nationalmannschaft „unschlagbar“ sein? Und? Hatte er sich 2014 nicht, unverbesserlich, wie er war, vorstellen können, fortan „eine deutsche Ära im Weltfußball“ zu erleben, so, „wie es eine spanische gab“? Und? Meinte er damit vielleicht Ballbesitz-Fußball? Prognosen, das wusste der Mann an der Seitenlinie, waren schwer genug. Vor allem, wenn sie die Zukunft betrafen.

Der Mann an der Seitenlinie hatte Zeit gebraucht, lange Zeit, um das Desaster zu verdrängen. Er konnte es nicht wie Nick Hornby über sich bringen und sagen: „Ich genieße das Elend, das mir der Fußball beschert.“ Er wollte sich einer glorreichen Herkunft des Fußballs entsinnen, die einmal die    schönste N-e-b-e-n-s-a-c-h-e der Welt hervorgebracht hatte. Musste man nicht zu den Wurzeln zurück, zum Ur-Feld des Spiels, zur Mutter aller Sportfelder? Weit genug weg von allem? 

Es war ein Sandplatz an der Küste des Kontinents, eine raue Ebene, der Macchia des Südens abgerungen, wo der Mann an der Seitenlinie zur Ruhe kam. Acht hohe Masten, die genauso gut Telegraphen-Masten sein konnten, spannten Fangnetze hinter jedem der Tore. Besonders angeraten schien das auf der Seite des Atlantiks, denn jede steil verschossene Flanke, jeder fehlgelenkte Freistoß, der in einem Stadion auf die Tribüne gejagt würde, könnte hier über pittoreske Abgründe trudeln. Ins Meer. Das war es, das Ur-Feld, mitten im Wind.

„Bei Gegenwind“, erinnerte sich der Mann an der Seitenlinie an Peter Handkes Schmäh, „sollten sie nicht so hohe Bälle spielen“. Das meinte: den Ball flach halten. Das Spielfeld war vor allen anderen ausgezeichnet, um über Enttäuschung nachzudenken. Denn, wie der Dichter Fernando Pessoa geahnt hatte, ging der Enttäuschung eine Täuschung voraus. Glaubte man Nick Hornby, hätte es diese Enttäuschung nicht geben können – denn: „Woche für Woche, Jahr für Jahr kamen wir ins Stadion und wussten genau, wir würden etwas geboten bekommen, was uns zutiefst deprimierte.“ Fußball war, anders als die 68er wähnten, das wahre Leiden an der Gesellschaft.

„Wissen, wo das Tor steht“, war immer mit Hochachtung auf den überragenden Akteur, das Idol gemünzt. Schon Rahn wusste das. „Wissen, wo der Kasten steht“, galt der Vermutung höherer Weihen. Galt dem, „der den Unterschied macht“. Selbst Nick Hornby pries diesen Einen, aber mit Attributen literarischer Überhöhung: „Eleganz, Übersicht, Subtilität, Raffinesse, List, Vision... mit solchen Worten könnte man ebenso gut einen Dichter, einen Filmemacher, einen Maler beschreiben.“ Etwa nicht?

Dem Mann an der Seitenlinie war anderes zugemutet worden. Nicht literarische Weihen waren im Spiel gewesen, sondern Kapitalismus in der ursprünglichsten Form: „It’s economy, stupid!“ Wie ein gewisser Amerikaner gesagt hatte. Es ging um (schnöden) Besitz. Um Ballbesitz. Ein Ball, ein Besitz, ein Ballbesitz.

Ballbesitz ist Platzbesitz. Platzbesitz ist Landbesitz. Landbesitz meint: Grundrente. Der Besitz-Fußballer (Ballbesitz-Fußballer) käme im Grunde mit der Hälfte des Platzes aus. Für den Besitz-Fußballer zählte der Landbesitz. Er könnte sich auf das Querspiel vor dem Kasten konzentrieren, nahe dem statischen Optimum. Sollte er je auf den „Kasten“ schießen wollen, so nur, wenn er es nicht länger aushielte. Der Bewegungs-Fußballer wiederum würde auf der Erkundung des ganzen Feldes beharren, wollte nicht das Geschiebe, sondern die überfallartige, die unwiderrufliche, die ultimative, die schneidige Unternehmung. Als risikofreudiger Unternehmer.

Liegt es so fern, den Besitz-Fußballer mit dem Soziologen Vilfredo Pareto und dem Kulturwissenschaftler Peter Burke als den „Rentier“ des Fußballs zu verstehen, der nur noch versuchte, das Land besetzt zu halten und von den Zinsen zu leben? Sie hätten den Platz genau so gut verpachten können. Der Bewegungs-Fußballer hingegen wäre als „Spekulant (oder Unternehmer)“ zu deuten, der versuchte, die Bank zu stürmen. Beide Strategien galten als unvereinbar.

Der Blick auf die Herkunft zeigte jedoch, dass auch die „Rentiers“ ursprünglich als Unternehmer („einfallsreiche Neuerer“ – Pareto) begonnen hatten und als Rentiers („phantasielose Konservative“, ebd.) endeten. Ihr Geschäft verlagerte sich von der dynamischen Bewegung auf den Ball-Besitz. Sie waren vor langer Zeit mit neuen Spielideen, Toleranz, Imitationsfreude und Sparsamkeit aufgebrochen, um überraschende Gewinne zu machen. Dass sie zu sehr mit der Überhöhung ihres Status („Zenit“) beschäftigt waren, zu demonstrativem Konsum und „Prachtentfaltung“ neigten (etwa zu exquisiten Frisuren, es sollte Spieler geben, die „ihren eigenen Friseur mitbrachten“, wie der russische Trainer mutmaßte), wurde zum Problem. Zur Prachtentfaltung gehörten naturgemäß die prunkvollen Frauen und die herausragenden Kaleschen – ganz so, wie es Norbert Elias beschrieben hatte, für den Beginn der Zivilisation. 

Zudem zeigten gerade die Ton-Angeber mehr Präsenz in PR als Präsenz auf dem Platz. Und gerade die Kicker, die Millionen Follower in den Sozialen Medien hatten, dürften geneigt gewesen sein, die schönste Nebensache der Welt für die absolute Hauptsache zu halten. Manche ihrer Botschaften dürften, als Nebensachen der Nebensache, enorm fehlgeleitet gewesen sein.
Die expressivsten Bewegungen der Spitzenkräfte auf dem Feld zeigten, woran der Mann an der Seitenlinie hatte denken sollen: die Gesten und motorischen Glanzstücke waren choreographiert als herausfordernde Beiträge zur „Geschichte der Gebärden“ (Ronaldo! Neymar!). Sie waren gedacht als gültige „Bestandteile der allgemeinen Sozial- und Kulturgeschichte“, jedenfalls, wenn man Peter Burke folgte. 

Was blieb dem Mann an der Seitenlinie? Die Entsagung? „Sich über Fußball zu beschweren“, hörte er Nick Hornby sticheln, „ist ein wenig so, als würde man sich über das traurige Ende von König Lear beschweren: Es geht an der Sache vorbei.“ Wie alle Arten von Über-Reaktionen, dachte der Mann an der Seitenlinie. Sie hatten, dachte er sich, zu kurze Halbwertszeit. Sollte das auch für die Offenbarung des Joachim gelten? 

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