Vorbild für Kleists Selbstmord: „Sterbende heilige Magdalena“ nach Simon Vouet.
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Vorbild für Kleists Selbstmord: „Sterbende heilige Magdalena“ nach Simon Vouet.

Biographie Heinrich von Kleist

Seelen unterwegs zum Himmel

  • vonPeter Michalzik
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Im folgenden veröffentlichen wir vorab Auszüge aus der großen, in gut zwei Wochen erscheinenden Biographie „Kleist – Dichter Krieger Seelensucher“ von FR-Redakteur Peter Michalzik, in der nicht nur auf die Frage nach Kleists Tod eine überraschende Antwort gegeben wird.

Kleists Selbstmord, die Schüsse am Kleinen Wannsee, mit denen er Henriette Vogel und sich ins Jenseits beförderte, beschäftigte nicht nur die Menschen seiner Zeit. Das Neue, das Aufregende, das ebenso Schöne wie Beunruhigende war und ist, dass dieser Freitod des unglücklichen Menschen Kleist keine Verzweiflungstat war. Ganz im Gegenteil: Es war ein Triumph. Kleist feierte ihn zwei Wochen lang im voraus. Wie kann das sein? Das ist bis heute eines der großen Rätsel von Kleists Biografie.

Kleist war dem Tod vom Anfang seines Lebens an nahe gewesen. Im Krieg hatte er gelernt, ihm mit Mut zu begegnen. Ob er in den Schlachten von 1793, an denen er teilnahm, die Todesangst überwunden hatte, ist unwahrscheinlich. Der Tod wurde aber der Dreh- und Angelpunkt seines Denkens und Fühlens. „Wer weiß, was Sokrates u. Christus gethan haben würden, wenn sie voraus gewußt hätten, daß keiner unter ihren Völkern den Sinn ihres Todes verstehen würde“, fragte er seine Verlobte Wilhelmine schon 1799. Im August 1801 sprach Kleist das erste Mal von Selbstmord: „Ich will mich nicht mehr übereilen – thue ich es noch einmal, so ist es das letztemal – denn ich verachte entweder alsdann meine Seele oder die Erde, und trenne sie.“

Triumphgesang des Todes

Am 9. November 1811, zwölf Tage bevor er es dann wirklich tat, teilte Kleist seiner Seelenverwandten Marie von Kleist mit, dass er sich umbringen werde. „Meine liebste Marie, mitten in dem Triumpfgesang den meine Seele in diesem Augenblick des Todes anstimt, muß ich noch einmal deiner gedencken und mich dir, sogut wie ich kan, offenbaren: dir, der Einzigen an deren Gefühl und Meinung mir etwas gelegen ist; alles Andere auf Erden, das Ganze und Einzelne, habe ich völlig in meinem Herzen überwunden“ Es war tatsächlich ein Triumphgesang, was Kleist nun anstimmte, eine Feier des Todes.

Der Brief ist der erste in einer Reihe von drei Schreiben vom 9., 10. und 11. November an Marie von Kleist, die er erst jetzt – nach mehr als einem Jahrzehnt Freundschaft – mit Du anredete. Es war wie ein Dammbruch. Den gesamten Oktober hatte Kleist nur einmal an Marie geschrieben, die sich deswegen schon große Sorgen machte. Dann schrieb er jeden Tag. Der Tod muss für Kleist eine ungeheure Verlockung gewesen sein. Er befreite ihn aus all den demütigenden Abhängigkeiten, von Verlegern und Schuldnern, vom Staatskanzler Hardenberg und dem König, von der Familie, auch von seiner Schwester Ulrike. Der Tod konnte sein Leben rechtfertigen und ihm Sinn geben. Im Tod gelang Kleist, was ihm im Leben nicht gelungen war: Glück, Erfüllung und innige Verbindung, aber auch Sieg und Überlegenheit. Die Heiterkeit, von der er jetzt sprach, resultierte aus dem Gefühl, nun doch eins zu sein mit den Dingen. Es waren Todestaumel, Todeslust und Todesjubel, die aus Kleist hervorbrachen.

Im zweiten der unabgeschickten Briefe führte Kleist die Gründe für seinen Todeswunsch an. „Meine Seele ist so wund“, sagte er zunächst, „daß mir, ich mögte fast sagen, wen ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe thut, das mir darauf schimmert.“

Kleist schrieb weiter: „Rechne hinzu, daß ich eine Freundin gefunden habe, deren Seele wie ein junger Adler fliegt, wie ich noch in meinem Leben nichts ähnliches gefunden habe; die meine Traurigkeit als eine höhere, festgewurzelte und unheilbare begreift, und deshalb, obschon sie Mittel genug in Händen hätte mich hier zu beglücken mit mir sterben will, die mir die unerhörte Lust gewährt, sich um dieses Zweckes willen, so leicht aus einer ganz wunschlosen Lage, wie ein Veilchen aus einer Wiese heraus heben zu lassen; die einen Vater, der sie anbetet, einen Mann der großmütig genug war sie mir abtreten zu wollen, ein Kind, so schön und schöner als die Morgensonne, nur meinetwillen verläßt: und Du wirst begreiffen, daß meine ganze jauchzende Sorge nur sein kan, einen Abgrund tief genug zu finden um mit ihr hinab zu stürzen.“

Diese Freundin war die zwei Jahre jüngere Henriette Vogel. Nicht jeder sah sie so wie Kleist. Ein Freund nannte sie abfällig eine „dumme Zufälligkeit“, ein anderer hatte einen ausgesprochenen Widerwillen gegen sie und nannte sie „siech und verschroben“. Kleist aber schwelgte in dem aufgewühlten Gefühl, ihr Grab sei ihm lieber als die Betten aller Kaiserinnen der Welt. Er hatte schon mehrere Frauen gefragt, ob sie mit ihm sterben wollten. Die Vogel hatte ja gesagt.

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Kennengelernt hatte er die gebildete, überspannte und ausschweifende Frau wohl im vergangenen Jahr bei Adam Müller. Mit ihm und dem Prediger Franz Theremin, der Cäcilie getauft hatte, soll sie ein Verhältnis gehabt haben. Kleist verkehrte seitdem im Vogelschen Haus, gemeinsam sangen er und die Vogel stundenlang Choräle und begleiteten sich auf dem Klavier.

Schwer zu schaffen machte ihm, dass er Marie mit seiner neuen Freundin sozusagen betrog, obwohl zu keiner von beiden eine sexuelle Beziehung bestand: „Ich habe dich während deiner Anwesenheit in Berlin gegen eine andere Freundin vertauscht“, hatte er im ersten der unabgeschickten Briefe geschrieben, „aber wen dich das trösten kan, nicht gegen eine, die mit mir leben, sondern, die im Gefühl, daß ich ihr eben so wenig treu sein würde, wie dir, mit mir sterben will.“

Er sei ganz selig, versicherte Kleist. Ein Strudel nie gekannter Seligkeit habe ihn ergriffen. Kniend bete er morgens und abends, was er bisher nie gekonnt habe. Wie zwei fröhliche Luftschiffer erhöben sich seine und Henriettes Seele über die Welt. Ein Jahr war es her, dass er über die Luftschiffer in der Zeitung geschrieben hatte, jetzt wurden sie zum Bild der befreiten und befriedeten Seele. Kniend, wie er jetzt beim Gebet saß, das war für Kleist die Haltung, von der aus diese Seele zu den Sternen aufsteigen konnte. Knie und Seele gehören zusammen. Auf den Knien seines Herzens hatte er sich Goethe genähert. Kniend lag eine Frau in seiner Erzählung „Der Findling“ vor dem Bild ihres Angebeteten.

Sie hatten an alles gedacht

Am 20. November, einem Mittwoch, es war kalt, hinterlegten die beiden triumphierenden Todessehnsüchtigen in der Gesindestube der Frau Vogel die letzten Briefe. Kleist hatte an Marie, seinen Bruder Leopold und Sophie Müller in Wien geschrieben, wovon nur der Brief an Sophie Müller erhalten ist. Sie hatte er auch einmal gefragt, ob sie mit ihm sterben wolle. Die Briefe taten Kleist und die Vogel in einen Koffer, sicherten ihn mit einem Vorhängeschloss aus Messing und nahmen den Schlüssel mit sich.

Dann fuhren Kleist und Henriette Vogel auf der Chaussee zwischen Berlin und Potsdam hinaus zum Neuen Krug, einem Gasthaus direkt an der Straße am Kleinen Wannsee, wo sie nachmittags um zwei oder drei Uhr eintrafen. Sie waren noch nicht hier gewesen, der Gastwirt Johann Friedrich Stimming kannte sie nicht. Sie mieteten zwei Zimmer, die sie unbedingt im oberen Stockwerk hergerichtet haben wollten. Die unteren Zimmer sollten für Sophies Ehemann und Peguilhen frei bleiben, die sie – wie sie zu Recht annahmen – in der folgenden Nacht benötigen würden. Sie hatten an alles gedacht und wollten nicht mehr Unannehmlichkeiten machen als nötig. Sie tranken Kaffee und gingen dann mehr als eine Stunde spazieren.

Der Gastwirt Johann Friedrich Stimming, seine Frau Friderike, der Tagelöhner Johann Riebisch, seine Frau Dorothe und das Hausmädchen Feilenhauer haben über Kleists letzte Stunden minutiös berichtet, was durch den untersuchenden Hoffiskal Felgentreu getreulich protokolliert wurde. Der Beamte verhielt sich, als müsse er einen Mordfall bearbeiten. So kann man verfolgen, was Kleist und die Vogel sehr genau geplant und durchgeführt haben. Man kann ihnen sozusagen im Nachhinein beim Sterben zusehen.

Die Gastwirte waren sicher, dass die Vogel und Kleist die Nacht wach waren, sie hörten sie auch spät. Der Hausknecht meinte sogar, sie seien im Kerzenlicht bald gesessen, bald auf und ab gegangen. Um vier Uhr früh kam Frau Vogel herunter, um nach Kaffee zu verlangen. Um sieben Uhr kam sie noch einmal und wollte wieder Kaffee haben. Dazwischen, vermutete der Wirt, könnte sie geruht haben. Neben dem Kaffee tranken die Vogel und Kleist zwei oder drei Flaschen Wein und ein kleines Fläschchen Rum, die sie mitgebracht hatten. Außerdem noch Rum für acht Groschen, den sie bei Stimming kauften.

Schon am Abend hatten sie Schreibzeug verlangt. Wahrscheinlich haben sie also die Nacht damit zugebracht, Abschiedsbriefe zu schreiben. Überliefert sind: Ein Brief von Henriette Vogel an „meine überaus geliebte Manitius“, auf den Kleist „Adieu, adieu! v. Kleist“ geschrieben hat; ein kurzer Brief Kleists an Ulrike, „am Morgen meines Todes.“; ein Brief von Henriette Vogel an Peguilhen, der dazu auserkoren war, die verbliebenen Dinge zu regeln. Auch Kleist hat in diesem Brief seine letzten Verfügungen getroffen. Peguilhen möge bitte den Barbier für den laufenden Monat bezahlen, was er vergessen habe. Außerdem möge er das schwarzlederne Felleisen seinem Zimmerwirt in der Mauerstraße schenken.

Es offenbart sich eine bemerkenswerte Sicherheit im Vorgehen der beiden. Der Satz der Vogel an Peguilhen, dass sie sich in einem „sehr unbeholfenen Zustande“ befinden, wenn er den Brief liest, „indem wir erschossen da liegen“, ist nicht nur komisch, er ist auch von einer Bestimmtheit, dass alles wie geplant ablaufen wird, die man aufreizend überheblich finden kann.

Scherzhafte Sprünge

Kleists Brief an Ulrike zeigt, wie tief er von ihr gekränkt war. Er söhnte sich mit ihr aus, aber gelöst ist sein Brief nicht. „Ich kann nicht sterben, ohne mich, zufrieden und heiter, wie ich bin, mit der ganzen Welt, und somit auch, vor allen Anderen, meine theuerste Ulrike, mit dir versöhnt zu haben.“ Es folgt die Stelle mit dem berühmten Satz: „... du hast an mir gethan, ich sage nicht, was in Kräften einer Schwester, sondern in Kräften eines Menschen stand, um mich zu retten: die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war.“

Nachdem sie den Kaffee getrunken hatten, kam Kleist herunter. Er war „mit einer „weissen batist musselinen Weste, weißen Halstuch grau tuchenen Hosen, und runden schlaff-Stiefeln bekleidet“. Im Freien trug er noch einen braunen Stoffüberrock. Nachdem er nach der Rechnung verlangt hatte, ging er wieder nach oben. Dann kamen sie, nachdem sie die Zimmer verschlossen hatten, zusammen herunter. Mittagessen wollten sie nicht, die Vogel nahm zwei Tassen Bouillon zu sich. „Auf den Abend wollen wir um so besser speisen“, habe Kleist für sich gesagt. Kleist fragte nach einem Boten, der mittags nach Berlin abgehen sollte. Dieser Bote würde den Brief an Peguilhen überbringen, in dem sie den Tod mitteilten und ihn baten, bald zu Stimming hinauszukommen.

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Nach der Suppe gingen sie vor dem Haus spazieren und „scherzten in dem Hofe auf mancherley Art, so z. B. sprang die Mannsperson über die Bretter in der Kegelbahn, und forderte die Dame zu ähnlichen Springen auf, welches sie aber ablehnte. Übrigens schienen sie in höchst freundschaftl. Verhältnissen zu stehen, nannten sich manchmal Du, ein andermal Sie, und die Mannsperson schien nach jeder Gelegenheit zu haschen, der Dame eine Höflichkeit zu erzeigen.“ Stimming erinnerte sich, dass sie sich dann „sehr freundschaftlich“ mit ihm unterhielten. Sie sprachen dabei ausgiebig über die Umgebung. Besonderes Interesse bekundeten sie an der Frage, ob der Bote schon in Berlin angekommen sei. Dann bestellten sie Abendessen für zwei Herren, die noch aus Berlin eintreffen würden.

Sie verlangten, dass ihnen Kaffee gebracht würde, und gingen über die Chausseebrücke auf die andere Seite des Sees, dort waren sie ausgelassen und vergnügt, sprangen umher und warfen Steine ins Wasser. Unterwegs begegneten sie dem bei Stimmings arbeitenden Tagelöhner Riebisch mit einer Karre Mist. Kleist forderte ihn auf, der Dame Platz machen und entlohnte ihn dafür mit einem Groschen. Frau Riebisch brachte, wenngleich sie dort Kaffee zu trinken eine „Tollheit“ fand, das Gewünschte ans andere Ufer hinüber. Die Vogel wollte noch einen Tisch und Stühle. So trug die Riebisch mit ihrem Mann auch das über die Brücke auf die andere Seite. Als sie ankamen, hatten die beiden Herrschaften, die auf einem Hügel standen, den Kaffee, in den sie Rum gossen, schon bis auf eine Tasse ausgetrunken.

Sie setzten sich aber trotzdem sofort in die Stühle. Kleist sagte zu Riebisch: „Alter Vater! sage er doch dem Herrn daß er mir diesen Buddel noch halb voll Rumm herschicke!“ Darauf warf die Vogel ein: „Liebes Kind, willst du heute noch mehr Rumm trincken, du hast ja schon genug getruncken.“ Er: „Nun, liebes Kind, wenn du nicht willst, will ich auch nicht, dann lasse Er es nur seyn, alter Vater, und bringe Er nichts her.“ Sie lachten noch über die Riebisch, die einen Milchbart hatte, da sie die restliche Milch austrank. Die Vogel schickte die Riebisch noch einen Bleistift holen, dann sprangen sie zum See, „schäkernd, und sich jagend, als wenn sie Zeck spielten“ Als die Riebisch den Stift brachte, kamen sie ihr entgegen und gaben ihr die leere Kaffeetasse mit Geld.

Zeit zwischen zwei Schüssen

Gerade als die Riebisch an die etwa hundert Schritt weit entfernte Chaussee gekommen war, hörte sie einen Schuss. Nach fünfzig weiteren Schritten, wie sie angab, hörte sie einen zweiten. Kleist erschoss Henriette Vogel also nur knapp zwei Minuten, nachdem die Frau gegangen war. Fünfzig Schritt lang wartete er dann, bis er das gleiche mit sich selbst tat. Was hat er in dieser einen Minute, die er ganz alleine war, gedacht?

Bemerkte er, dass er gerade zum Mörder geworden war? Kontrollierte er, ob sie tot war? Achtete er darauf, dass sie in der richtigen Stellung lag? War er immer noch glücklich? Dachte er einen Moment daran, sich doch nicht umzubringen? Welcher Moment seines Lebens fiel ihm ein? Hatte er das Gefühl, dass sein inneres und sein wirkliches Leben nun endlich einmal zusammenkamen? Dachte er vielleicht an Penthesilea? Hatte er Angst? War ihm zum Weinen zumute? War er ruhig und gefasst? Sah er dem Tod ins Auge? Und was könnte das heißen, dem Tod ins Auge sehen? Legte er ihren Körper so hin, wie er es als passend empfand?

Heinrich von Kleist erschoss Henriette Vogel in einer kleinen, gut 30 Zentimeter tiefen Grube auf dem Hügel, auf dem ein paar Schritt weiter noch der Kaffeetisch stand. Er schoss sie mit sicherer Hand ins Herz. Trenne Kleist im Tod ja nicht von mir, hatte sie ihrem Mann geschrieben. Sie saßen sich auf den Knien gegenüber, sie mit dem Oberkörper nach hinten auf den Rand der Grube gesunken, die Hände über dem Unterleib gefaltet. Sich selbst schoss Kleist in den Mund. Auch er war sofort tot, die Pistole hatte er nach oben ins Gehirn gerichtet. Sein Kopf sank an den Rand der Grube. Er fiel nicht um, sondern sackte, auf den Knien sitzend, in sich zusammen.

In den Aufzeichnungen der Polizei finden sich auch mehrere Beschreibungen der Position, in der sich Kleist und Henriette Vogel direkt nach dem Tod befanden. Diese vier Beschreibungen sind allerdings, was Kleist betrifft, schwer in Übereinstimmung zu bringen. Johann Riebisch, der als erster bei der Unglücksstelle war, sah Kleists Lage so: „... den Mannsperson aber mit dem Unter-Körper etwas eingesuncken, und mit dem Kopf neben der rechten Lende der Dame auf dem Wall der Grube.“ Mit dem eingesunkenen Unterkörper bezeichnete Riebisch wohl das Sitzen auf den Knien, das die anderen Personen bezeugen. Der Kopf Kleists lag über der Lende von Henriette Vogel. Kleist war also etwas nach vorne gesunken.

In halb knieender Stellung

Das Hausmädchen Feilenhauer, die fast gleichzeitig mit Riebisch an der Todesstelle ankam, bemerkte: „Die Mannsperson lag in einer halb knienden Stellung vor ihr, mit dem Kopf auf dem linken Rand der Grube.“ Kleist war nicht nur nach vorne, sondern auch nach links umgesunken. Er befand sich halb sitzend, halb liegend, der Oberkörper nach links vorne bis zum Rand der Grube gesackt. Unter seinem Kopf befand sich die Lende Henriette Vogels.


Dorothe Riebisch gab zu Protokoll: „Die Mannsperson saß in einer fast knienden Stellung vor ihr, und hatte den Kopf zur lincken Seite auf eine Pistole gestützt, deren Mündung gegen den Mund stand, und welche er in Händen hielt.“ Er hatte also auch noch die Pistole im Mund.

„Der Herr saß ihr gegenüber, jedoch so, als wenn er in die Knie gesuncken, oder vor der Dame niedergekniet wäre“, bestätigt Frau Stimming den Eindruck der anderen Zeugen. Auch Stimming, der die Leichname allerdings erst sah, als Kleist schon bewegt worden war, sagte: „Der Herr soll früherhin zwar gesessen, mit dem Kopf aber nach vorne herüber, und mehr nach der lincken Seite auf dem Rand der Grube gelegen haben.“ Kleist befand sich also in einer hingesunkenen, halb sitzenden Position auf den Knien. Auch Henriette Vogel befand sich auf den Knien, sie lag aber im Gegensatz zu Kleist nach hinten.

Engel nehmen die Seele auf

Man muss davon ausgehen, dass die Lage der beiden Leichen bewusst gewählt oder sogar arrangiert worden ist. Sie entspricht einem Bild, das Kleist 1807 in Châlons-sur-Marne gesehen hatte. Henriette Vogels Leib befand sich in genau der Position, die auf dem Gemälde abgebildet ist. Es ist die Position, in der die Engel die Seele eines Toten aufnehmen. Kleist hatte geschrieben: „In einer dr hiesigen Kirchen ist ein Gemälde, schlecht gezeichnet zwar, doch von der schönsten Erfindung die man sich denken kann, und Erfindung ist es überall was ein Werk dr Kunst ausmacht. Denn nicht das was den Sinen dargestellt ist, sondern das was das Gemüth, durch diese Wahrnehmung erregt, sich denkt, ist das Kunstwerk. Es sind ein Paar geflügelte Engel, die aus den Wohnungen himmlischer Freude niedrschweben um eine Seele zu empfangen Sie liegt mit Bläße des Todes übergoßen auf den Knien, dr Leib sterbend in die Arme dr Engel zurükgesunken. Wie zart sie das zarte berühren. Mit den äußersten Spitzen ihrer rosenrothen Finger nur das liebliche Wesen, das der Hand des Schiksals jetzt entflohen ist. Und einen Blick aus sterbenden Augen wirft sie auf sie, als ob sie in Gefilde unendlicher Seligkeit hinaussähe: Ich habe nie etwas Rührenderes und Erhebenderes gesehen.“

Das Gemälde ist identifiziert worden, es handelt sich um „Sterbende heilige Magdalena“ von Simon Vouet, heute im Musée des Beaux-Arts in Besançon. Die tote Frau befindet sich auf dem Bild auf Knien, halb sitzend, halb liegend, nach hinten in die Arme des einen Engels gesunken. Genau die Position, die die Sterbende dort hat, wählten Kleist und Henriette Vogel auch für ihren Tod. Die Vogel lag, zusätzlich mit gefalteten Händen, ganz so da wie die Frau auf dem Bild. Das ermöglichte die Grube, die sie als Sterbeort gewählt hatten. Bei Kleist war die Position nicht mehr so genau zu arrangieren. Er befand sich, wie auf dem Gemälde, auf den Knien. Nach dem Schuss in den Mund konnte er aber nicht mehr kontrollieren, wohin er sank.

In Châlons sah Kleist im Tod die Seligkeit. Nun wollte er das rührende und erhebende Bild in Wirklichkeit wiederholen und es durch die Lage der Leichen den Engeln so wie auf dem Bild möglichst leicht machen, seine und Henriettes Seele zu empfangen und in den Himmel zu tragen. Er war so erfüllt von dieser Vorstellung, er glaubte so fest daran, dass es ihm mehr als leicht fiel, zu sterben.

Und so inszenierte Kleist seinen Tod nach dem Vorbild eines Gemäldes.

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