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Helga M. Novak, 1971.

Helga M. Novak

Seele mit Schürfwunden

Immer imponierend, nie ein Star: Zum Tod der Lyrikerin Helga M. Novak

Von Sabine Rohlf

Da war eine Biografie voller Schürfwunden zu spüren“, schrieb Eva Demski über sie, „zu lesen auch, in Lyrik und Prosa. Und in ihrem Gesicht konnte man sie schon früh erkennen. Vielleicht deshalb gab es im ganzen deutschen Literaturbetrieb keinen schöneren Kopf zu sehen, die allseits anerkannte Lyrikikone Bachmann sah neben Helga glanzlos aus.“ Helga M. Novak, Ex-DDR-Bürgerin, Isländerin, Fabrikarbeiterin und Lyrikerin, die bessere Verse schrieb als Wolf Biermann (so urteilte der selbst in einem Brief an Robert Havemann), war eine imponierende Person. Und was die „Schürfwunden“ betrifft, so hatte sie tatsächlich einiges hinter sich, als Demski sie traf.

1935 in Köpenick geboren, wuchs Novak bei Adoptiveltern auf – es war eine quälende Kindheit bei lieblosen Spießern. Mit fünfzehn floh sie vor ihnen in ein Internat, suchte im Sozialismus eine Ersatzfamilie, ihre Vorbilder waren Widerstandskämpfer und antifaschistische Helden. 1954 begann sie ein Journalistikstudium und versuchte alles richtig zu machen. Selbst als die Stasi sie zur Mitarbeit verpflichtete, leistete sie ihre Unterschrift – doch statt ihre Mitmenschen zu verraten, verließ sie vier Wochen später die DDR und zog nach Island. Wer genau wissen will, wie das alles geschah, sollte ihre drei autobiographischen Bücher lesen: „Die Eisheiligen“, „Vogel federlos“, zuletzt „Im Schwanenhals“, im Herbst bei Schöffling herausgekommen. Hier gibt sie Auskunft, in Rückblicken, in Brief- und Tagebuchauszügen.

Konventionen bedeuten ihr nichts

Die Gedichte dieser Jahre zeigen, wie klar sie ihr Heimatland sah: „schieße auf jeden / schlechten Deutschen // arbeite mehr / für das gleiche Geld // sage dem Staats-/sicherheitsdienst / alles was du weißt“, heißt es etwa in „drei Gebote“. Dennoch kehrte sie zweimal in die DDR zurück, zunächst, um sich in einer Fernsehröhrenfabrik zu „bewähren“. Das gelang ihr sogar, sie durfte wieder studieren. Doch es zog sie zurück nach Island, sie heiratete dort, nahm Saisonjobs in der Heringsverarbeitung an. Sie hatte zwei Kinder, beide wuchsen bei isländischen Pflegefamilien auf. Sie war ruhelos und abenteuerlustig, fuhr auf Fischtrawlern aufs „Festland“, erkundete mit ihrem Mann oder auch einem Geliebten Europa – „die Sonne hat mich heute / liederlich und liebestoll gemacht / das Leben / ist mein großes Fest“. Auch solche Verse finden sich in ihrem ersten Gedichtband, den sie im Selbstverlag in Reykjavik druckte und der unter dem Titel „Die Ballade von der reisenden Anna“ bei Luchterhand erschien. In der DDR las ihn vor allem die Stasi.

Konventionen bedeuteten ihr nichts, was nicht heißt, dass ihr alles egal war. Im Gegenteil. Sie schrieb und schrieb. Und sie verfolgte, was in der DDR vor sich ging. Von Robert Havemanns regimekritischen Vorlesungen angelockt und mit ihrem ersten Verlagsvertrag in der Tasche kehrte sie 1965 zurück, um erneut zu studieren, diesmal am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig. Aber schon 1966 wurde sie exmatrikuliert und ausgebürgert, lange vor Wolf Biermann. Sie habe staatsfeindliche Schriften verteilt, diesmal war der Abschied endgültig und kein einziges ihrer Gedichte, kein einziger Prosatext erschien je in der DDR. Gedichte wie „einem Funktionär ins Poesiealbum“ passten dort nicht hin, es endet übrigens mit der schönen Frage: „wem gehört eigentlich / das Volkseigentum“.

Durch ihre Ehe hatte Helga M. Novak, die jetzt eigentlich Maria Karlsdottir hieß, einen isländischen Pass, und der westdeutsche Literaturbetrieb nahm sie mit offenen Armen auf. Hans Werner Richter lud sie zur Gruppe 47 ein, Günter Grass organisierte Geld. Man war beeindruckt von ihrem bewegten Leben, von ihren direkten Versen. Sie schrieb zupackender als jede andere Lyrikerin ihrer Generation, ihre Gedichte erzählen Geschichten, beschwören Situationen, manchmal mit derben Witz, immer voller Sehnsucht nach einer besseren Welt, ohne je in Kitsch zu kippen.

Es gibt bei ihr Liebende, Soldaten, Emigranten, Stalinisten, Huren, Kinder, aber auch Artemis und Medea. Es gibt Küsten, Seen und immer wieder Wälder, besonders gern die östlich von Berlin, wo sie aufwuchs. Immer wieder beschrieb sie Natur, darin ihrer Kollegin Sarah Kirsch ähnlich. Aber sie war auch ganz anders. Während Kirsch sich in Norddeutschland niederließ und darüber schrieb, spürt man bei Novak immer eine Bewegung, einen Impuls, sich davon zu machen, ein Fragezeichen. Selbst in hohem Alter mischte sie in ihre Waldgedichte Motive der Jagd, des Treibens, der Flucht.

2004 will sie nach Deutschland - darf aber nicht

Für ihre Arbeit wurde sie mit zahlreichen Preisen geehrt, die Kritik pries jedes ihrer Bücher, dennoch wurde aus ihr nie ein Literaturstar. Das heißt nicht, dass sie nicht gelesen wurde, im Gegenteil, ihre „Gesammelten Gedichte“ waren schnell vergriffen. Zu sehr aber entzog sie sich dem westdeutschen Kulturbetrieb, nach ihrer Ausbürgerung lebte sie in Frankfurt (wo sie 1979 auch als Stadtschreiberin von Bergen ausgezeichnet wurde) und Berlin, aber auch in Island, Portugal, Jugoslawien und Polen. Oft reiste sie, um sich ein genaueres Bild zu machen, zum Beispiel von Titos Sozialismus oder der Nelkenrevolution. In Polen fand sie die Landschaften ihrer Kindheit und ließ sich dort eine Weile nieder.

Als sie dann 2004 zurückkehren wollte, verweigerten ihr die gesamtdeutschen Behörden den Pass. Sie sahen in ihr eine „arbeitslose Ausländerin“, sonst nichts. Kein Wunder, dass Novak auch das westliche Deutschland mit kritischen Augen betrachtete. Nach der Wende mahnte sie übrigens zur Besonnenheit gegenüber Stasimitarbeitern, das selbstgerechte Richten stieß sie ab. Das heißt nicht, dass sie Verrat und Bespitzelung leicht nahm, sie hatte ja eigene Erfahrungen damit.

Zuletzt lebte sie in Erkner bei Berlin, wo sie auch aufgewachsen war, blieb am Ende also doch an einem Ort. Nun ist sie tot, gestorben am 24. Dezember nach langer Krankheit im Alter von 78 Jahren. Oder ist ein Teil von ihr immer noch unterwegs? In ihrem späten Gedicht „zerfallen“ heißt es doch: „nach meinem Tod die Seele / von der ich nicht weiß / wo sie sich augenblicklich befindet / (ich habe sie noch nie gesehen) / wohin sollte sie sich wenden wohin“.

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