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TV-Tagebuch

Second Life, nachmittags

Nachmittags ist im Privatfernsehen Weltuntergang angesagt. Schwangere Teenager, übergewichtige Frauen, artikulations-unfähige Männer - mit diesem Personal bestreitet das Privatfernsehen seine Sendenachmittage. Von Fritz Wolf

Von Fritz Wolf

Ich liebe Dich doch", sagt Dennis, "aber wir brauchen noch kein Kind." Emilia nickt unter Tränen. Er ist vierzehn und sieht aus wie zwölf, sie ist dreizehn und einen Kopf größer. Das Kinderpaar ist im Nachmittagsfernsehen eben durch den Schnellwaschgang von Frau Kalwass gegangen, die hier so eine Art schwarze Psychomagie betreibt, um den Leuten die Sünden auszutreiben.

Nachmittags ist im Privatfernsehen vieles möglich. Da ist Weltuntergang angesagt, wenigstens beinahe. Die Welt ist böse, alles geht immer schief, aber die Retter im TV stehen bereit. Hier ein Dorf, in dem ein bösartiger Nachbar alle Tiere in der Umgebung erschießt. Dort eine Kleinstadt, in der eine Mutter mit sieben Kindern, sieben Fernsehern, sieben Handys und Hartz IV lebt. In Berlin eine Mutter, deren drei Söhne schon im Gefängnis waren, weshalb sie sich vor lauter Frust dreißig Kilo angefressen hat. Hier die Geschichte einer Mutter, die ihren Sohn in eine Baugrube stößt, weil sie ihn im Bordell erwischt hat. Dort ein Vorstadthaus, wo der Sohn den Gasherd manipuliert, um seine Stiefmutter in die Luft zu sprengen.

Schwangere Teenager, übergewichtige Frauen, artikulations-unfähige Männer, und alle Versionen von Hartz-IV-Empfängern - mit diesem Personal bestreitet das Privatfernsehen seine Sendenachmittage und macht sich damit ein billiges Programm. Es ist alles gecastet und gescriptet, die Schauspieler spielen schlecht und die schauspielernden Richter noch schlechter. In Hartz-IV-Haushalten laufen immer die Fernseher, vermutlich mit jenen Nachmittagsshows, in denen die Protagonisten grade mitspielen.

Es ist eine seltsame Welt, eine Art Second Life im Realen. Sie existiert unabhängig von Sommerloch und Dienstfahrzeugen, von Wahlforen und Wahlarenen im Abendprogramm. Mit der Politik gemeinsam haben die Akteure der Weltuntergangsnachmittage nur, dass sie alle Theater spielen.

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