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„Seaside Special“: Ein Film als Liebeserklärung an Großbritannien

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Von: Christina Bylow

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„The Cromer Pier Show“ ist eine Talentschmiede für Varieté-Kunst.
„The Cromer Pier Show“ ist eine Talentschmiede für Varieté-Kunst. © Instant Film & uMedia

Der deutsche Regisseur Jens Meurer hat seine ganz eigene Antwort auf den Brexit gefunden: Mit dem Film „Seaside Special“ schickt er eine Liebesbotschaft über den Ärmelkanal. Ein Gespräch über die verbindende Kraft eines Lachens und die Hoffnung auf eine Rückkehr in die Gemeinschaft Europas

Herr Meurer, mit Ihrem Dokumentarfilm „Seaside Special“ porträtieren Sie einen britischen Mikrokosmos: die Küstenstadt Cromer in der ostenglischen Grafschaft Norfolk. Gedreht haben Sie im Sommer 2019, also ein halbes Jahr vor dem Brexit. Wie geht es den Menschen dort im dritten Jahr seit dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union?

Eine Familie hat noch kurz vor dem Brexit ihr Haus verkauft und ist nach Spanien ausgewandert. Auch das deutsch-britische Paar ist auf den Kontinent gezogen. Als Musical-Künstler, die in ganz Europa unterwegs sind, wäre das Leben für sie zu kompliziert geworden. Sie durften vor dem Brexit überall problemlos auftreten, seit dem Brexit ist das nicht mehr möglich. So haben sie sich für die EU entschieden. Viele, die für den Brexit gestimmt haben – und im Wahlkreis Cromer waren es etwa 67 Prozent – schlagen nun die Hände über dem Kopf zusammen und fragen sich, warum sie das bloß getan haben. Sie haben gemerkt, dass sie sich haben übers Ohr hauen lassen. Sich das eingestehen zu müssen, ist schmerzhaft.

Sie haben den Film bereits in Cromer gezeigt. Wie waren die Reaktionen?

Das Publikum sah sich in eine Zeit zurückversetzt, in der noch nicht alles entschieden war. Viele haben abwechselnd gelacht und geweint. Nur der Krabbenfischer, der den Film eröffnet und beschließt, ist immer noch ein überzeugter Brexit-Befürworter. Dabei musste er als Krabbenfischer keine französischen Trawler befürchten, die im selben Gewässer fangen. Aber er legt Wert darauf, nicht gegen Europa, sondern nur gegen die EU gestimmt zu haben. Der hohe Prozentsatz von „Leavern“ hat auch damit zu tun, dass sich die Region selbst als abgehängt begreift und es auch ist. Dieser Zustand, den wir auch von ländlichen Regionen in Deutschland kennen, ist überall das Einfallstor für Populisten und Spalter.

Produzent und Regisseur Jens Meurer bei der Arbeit.
Produzent und Regisseur Jens Meurer bei der Arbeit. © Instant Film & uMedia

Sie sind mit einer Britin, der Filmproduzentin Judith Tossell, verheiratet. Wie hat sich der Brexit auf Ihre Familie ausgewirkt?

Für uns hat der Brexit massive Folgen. Noch am Abend des Referendums im Jahr 2016 wollte meine Frau nicht wahrhaben, was da tatsächlich passiert. Doch als wir morgens das Resultat hatten, ging sie sofort zum Bürgeramt, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Sie lebte schon viele Jahre in Berlin. Es war acht Uhr, und sie war Nummer zwölf in einer Schlange von Briten. Inzwischen ist sie deutsche Staatsbürgerin, aber unsere drei Kinder, die muttersprachlich Englisch sprechen, können nicht in Großbritannien studieren, weil sie dort nicht lange genug gelebt haben. Sie gelten als Ausländer und müssen eine Studiengebühr von über 30 000 Pfund bezahlen. Das kann sich keiner leisten. Ihre britischen Cousins und Cousinen können wiederum nicht in Europa jobben. Das sind Einschränkungen des Lebens, denen keine Vorteile entgegenstehen.

Wie kamen Sie eigentlich auf Cromer?

Ich hatte das Glück, als Deutscher in Oxford Geschichte studieren zu können und habe in meinem College nicht nur Boris Johnson, sondern vor allem meine Frau kennengelernt. Vor gut zehn Jahren hatten uns die Schwiegereltern, die ihren Urlaub meistens in ihrem Wohnwagen in Cromer verbringen, in die Cromer-End-of-the-Pier-Show eingeladen. Wir waren erst etwas skeptisch, aber nach zehn Minuten war ich begeistert von der Nähe, die in diesem nicht einmal kleinen Theater zwischen Bühne und Publikum entsteht, von diesem handgemachten, echten Entertainment ohne digitale Effekte. Beim Rausgehen habe ich mir geschworen, über diese Show einmal einen Film zu drehen. Und als dann der Brexit über uns kam, verband sich mein Drang, gerade jetzt etwas über Großbritannien zu machen, mit der Erinnerung an diese Show. Ich wollte keine klassische Reportage drehen, in der Experten über die wirtschaftlichen Nachteile des Brexits sprechen, sondern einen Film über das Verrückteste, Wunderbarste, Humorvollste und Britischste, das ich je in diesem Land erlebt habe, und das war diese Show.

„Fuck Brexit!“: die Zwillingsschwestern Polly und Sophie Duniam.
„Fuck Brexit!“: die Zwillingsschwestern Polly und Sophie Duniam. © Instant Film & uMedia

Während der Show werden Witze über das anwesende deutsche Filmteam gerissen. Ist Ihnen auch einmal Ablehnung entgegengeschlagen? Beim Brexit spielten auch Ressentiments gegenüber Deutschland eine Rolle, weil es angeblich alles bestimme in der Europäischen Union.

Ich bin diesen Ressentiments, die es auf unterschiedlichen Ebenen gibt, früh begegnet, schon in Südafrika, wo ich aufgewachsen bin, weil meine Eltern dorthin ausgewandert sind. Da galten die Deutschen als Immer-schon-Nazis. In Großbritannien ist es eine Mischung aus Unkenntnis über die EU und historischen Vorbehalten. Dabei wird ignoriert, dass es gerade die Europäische Gemeinschaft und später die EU geschafft haben, die Nachwirkungen des Nationalsozialismus zu überwinden und für Frieden zu sorgen.

Wo liegen die Wurzeln dieser EU-Ablehnung?

In den Briten steckt ein heftiges gesellschaftliches Trauma, beginnend mit dem Verlust des Empires. Dazu kommt: Sie haben nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland die Demokratie aufgebaut, mit einem modernen Wahlrecht und einer freien Presse, konnten diese Modernisierungsschritte aber nicht in derselben Weise im eigenen Land umsetzen, weil die alten Strukturen noch bestanden. Zeitgleich hatten sie die Ablösung der Kolonien zu verarbeiten. Ich würde den heutigen Gefühlszustand Großbritanniens als traurige Nostalgie beschreiben. Man sah es beim Tod der Königin, als das Land wochenlang in Stillstand verfiel und viele nicht einmal merkten, dass sie sich mit Liz Truss eine wahnsinnige Premierministerin ins Haus geholt hatten, mit der man Gefahr lief, dass sie innerhalb von vier Wochen die Wirtschaft ruinieren würde. Die Städte verfallen, die Industrie geht den Bach runter. Das Selbstwertgefühl ist extrem gestört. In dieser Situation sind die Deutschen ein guter Blitzableiter. Man unterstellt ihnen, ihre Herrschaftsansprüche jetzt über Brüssel auszuleben. Die Vorbehalte reichen aber selten in die persönliche Ebene hinein, in der direkten Begegnung ist auch viel Zuneigung und Verwandtschaft zu spüren.

„Wie ein Außenposten der Menschlichkeit“: der Cromer Pier in Norfolk bei Nacht. Instant Film & uMedia (5)
„Wie ein Außenposten der Menschlichkeit“: der Cromer Pier in Norfolk bei Nacht. Instant Film & uMedia (5) © Instant Film & uMedia

Zu Ihren Studienkollegen gehörte Boris Johnson. Wie haben Sie ihn am College erlebt?

Ich wage es kaum zu sagen, aber ich habe seinen ersten Wahlkampf mitbestritten. Da ging es um die Präsidentschaft der Oxford Union, das ist ein studentischer Debattierclub, sehr sophisticated, ein Frühbeet für angehende Politikerinnen und Politiker. Er gewann die Wahl, und so begann seine Karriere. Johnson war amüsant, aber kein Typ, der enge Freunde hatte. Im College gab es den sehr britischen Brauch, einmal im Trimester einen Abend lang in Smoking und Abendkleid bei billigem Wein über irgendein vollkommen unsinniges Thema einen rhetorischen Wettkampf zu veranstalten. Je absurder das Thema, desto wichtiger war es, darüber zu brillieren, und raten Sie mal, wer da der absolute König war – das war natürlich Boris Johnson. Dem war völlig egal, worum es ging, aber er war bestens darin, sich selber zur Schau zu stellen, und das hat sich seitdem nie mehr verändert.

Hatte er damals eigentlich auch schon diese Frisur?

Ja, die war sein Markenzeichen. Er hat schon sehr früh eine Persona entwickelt. Vielleicht auch, weil andere in Oxford akademisch herausragten oder sehr sportlich waren. Oder im Studententheater als außergewöhnliche Begabung auffielen, wie Hugh Grant. Leute wie Boris Johnson hatten keine eigentliche Spezialität, und gerade diese stürzten sich in die Politik – mit einem wahnsinnigen Anspruch. Er baute eine Aura um sich auf, die jedoch nichts Liebevolles hatte. Er war niemand, mit dem man, wie unter Studierenden üblich, auch über Schwierigkeiten sprechen konnte. Wir hatten nach dem Studium keinen Kontakt mehr. Anders war das mit Michael Gove, dem eigentlichen Vordenker des Brexits. Meine Frau wohnte ein Jahr mit ihm in einer WG zusammen, wir waren wirklich befreundet. Aber diese Freundschaft ist, wie so viele andere auch, durch die Brexit-Politik in die Brüche gegangen. Wir konnten mitverfolgen, wie Gove über die Ablehnung der EU seinen Weg verlor. Jetzt wird der Bevölkerung allmählich klar: Diese Politiker hatten gar kein besseres Großbritannien anzubieten. Die hatten eine Story anzubieten, die gerade Boris Johnson sehr gut verkauft hat. Jetzt kann jeder sehen, dass er gar kein Interesse an guter Politik hatte. Ein bitterer Moment. Die Verzweiflung darüber findet sich in den Kommentarspalten der „Times“. Ich lese oft Sätze wie: „Was machen wir jetzt? Wir haben uns lächerlich gemacht in der Welt.“

Choreografin Di Cooke beobachtet eine Probe im Cromer Pavilion Theatre.
Choreografin Di Cooke beobachtet eine Probe im Cromer Pavilion Theatre. © Instant Film & uMedia

Und was wäre Ihre Antwort?

Ich meine, dass das gar nicht stimmt. Es gibt keine große Schadenfreude in der EU. Für uns ist es ja auch ein Verlust. In Großbritannien heißt es jetzt, die EU wird uns nie wieder aufnehmen. Dabei denke ich: Wir brauchen Euch, mit allem, was man auch in meinem Film sieht, mit der eigentlich langen Tradition von Demokratie, mit dem Humor, mit dem klaren Verstand, der während der Brexit-Entscheidung einen Aussetzer hatte. Ich wollte mit dem Film auch meine Hoffnung ausdrücken, dass wir wieder zusammenkommen, und ich glaube, dass das auch geschehen wird. Man darf auch nicht vergessen, dass in London mehrfach viele Millionen Menschen für den Verbleib in der EU auf die Straße gegangen sind. Wir haben viel miteinander und voneinander, wir brauchen einander. Ich wollte nicht mit dem Finger auf die Briten zeigen, die Trennung geht uns alle an. Mit dem Film wollte ich an das Gefühl von Gemeinschaft erinnern. Gegen eine Politik der Spaltung, wie sie Trump macht, wie sie die AfD macht, wie sie Le Pen macht. Denn diese Politik funktioniert nicht. Die Welt funktioniert besser, wenn man sich trotz unterschiedlicher politischer Ansichten unter einem Dach zusammenfindet. Der harte Populismus wird durch einen Humor entkräftet, mit dem man auch über sich selbst lachen kann.

Ist der Blick hinter die Kulissen der Show und in das Städtchen Cromer auch ein Plädoyer für eine Form von gegenseitiger Akzeptanz und Unterstützung? Man sieht, wie die unterschiedlichsten Darstellerinnen und Darsteller einander helfen und einander schützen.

Es war ein Glück, diesen Film im letzten Sommer vor der Covid-Krise drehen zu können. Und ja, ich glaube, dass die Nähe zueinander, die hier ganz selbstverständlich ist, auch einen Nerv trifft. Wir können nicht genug haben von solchen Begegnungen. Dieser Pavillon auf den Stelzen der Seebrücke kam mir manchmal vor wie ein Außenposten der Menschlichkeit. Dabei hat die Show gar nichts Nostalgisches. Sie funktioniert auch als Touristenattraktion für den Ort selbst, hat sich in die Jetztzeit gerettet und findet ein immer jüngeres Publikum. Um das Erlebnis dieser Show zu spiegeln, haben wir auf 16 Millimeter gedreht. Es ist ein Kinofilm, der im besten Fall das Gefühl vermittelt, gemeinsam mit 500 Leuten ein paar Meter über der Nordsee zu sitzen und etwas Magisches miteinander zu erleben.

Interview: Christina Bylow

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