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Die Cops Michael A. Grimm, Max Müller, Katharina Abt, Alexander Duda (v.l.n.r.).

"Die Rosenheim-Cops"

"Die schwimmen wohlig in ihrer Knödelsoße"

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    Petra Kohse
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Über die Lust am Klischee ? ein Gespräch mit dem Regisseur Herbert Fritsch über die Vorabendserie "Die Rosenheim-Cops" und über die Schauspielerexistenz im Allgemeinen.

Herr Fritsch, wir haben gerade gemeinsam eine Folge der „Rosenheim Cops“ gesehen. Sie kennen Alexander Duda? Den Darsteller des Rosenheimer Polizeidirektors Gert Achtziger?
Wir haben zusammen an der Otto-Falckenberg-Schule in München die Schauspielerei gelernt. Er ist ein paar Jahre jünger als ich. Er kam ein Jahr nach mir an die Schule. Wir haben damals viel zusammen geredet. Wir haben oft gemeinsam in unsere verheißungsvolle Schauspielerzukunft geguckt. Wir wollten alles ganz anders, ganz toll machen. Er ist ein guter Schauspieler. 
 
Wenn er sich so hinunterbeugt und zur Sekretärin sagt: „Ich habe noch ein wichtiges Gespräch“. Was für eine Note bekommt er dann für „schauspielerische Leistung“?
Wenn im Fernsehen Schauspielerei zelebriert wird, dann fällt das immer sofort auf. Demonstratives Atemholen bevor man etwas sagt, signalisiert: Jetzt wird’s wichtig. So etwas stört mich. Auch dieses sich so wahnsinnig Wohlfühlen in dieser demonstrativen Volkstümlichkeit. Schwer zu ertragen. Jetzt haben wir erst ein paar Meter gesehen, und mit am Auffallendsten ist die Humorlosigkeit. Dabei wird dauernd gelächelt. Und es wird alles getan, damit der Zuschauer lächelt. Aber die angestrengte Bemühung darum, ist nicht zu übersehen. Das sind alles gute Schauspieler. Aber man lässt sie nicht. Sie sind irgendwie gefangen.


 
In ihren Chargenrollen?
Es sind die Produktionsbedingungen, die sie einzwängen. Das muss alles schnell abgedreht werden. 
 
Aber sie wollen doch genau so spielen, wie Sie es tun?
Nein. So wie ich spiele, das sprengt den Bildschirm. Ich habe vor Jahren mal eine Folge der „Rosenheim-Cops“ gesehen, die war auch lustig. Ich schaue zurzeit viele Serien. Arzt-Serien zum Beispiel. Oder „Tatort“. Nächste Spielzeit mache ich in Zürich ein Stück: „Totart Tatort“. Das ist ja im Grunde eine Propagandaserie für Handyabhören und Videoüberwachung. Das interessiert mich sehr. Jahrelang hatte ich keinen Fernseher, jetzt gucke ich sehr viel. 
 
Welche Arztserien?
Jede Menge. Ich habe viel mit Ärzten zu tun. Das ist nicht so erfreulich. Krankenhäuser sind auch keine Freude. Darum schaue ich gerne Arztserien im Fernsehen. Da sind die Ärzte nett, haben Zeit für die Patienten, die Krankenhäuser sind schön, alles funktioniert, oder wenn es nicht funktioniert, dann werden die Fehler freundlich behoben. Diese Serien sollen die Realität ausgleichen. Die Realität ist einfach zu bitter. Das ist hier bei den „Rosenheim-Cops“ genauso. Die Polizei kümmert sich um die Leute, macht sich Gedanken um Gerechtigkeit. Man fühlt sich geschützt, wenn man solche Serien anschaut, man fühlt sich wohl. 

Ein Bilderbuch?
Die Welt ist doch in Ordnung. Als ich im Krankenhaus lag, habe ich wohl in die falsche Richtung geguckt. Gerade kommen sie von der Intensivstation wegen einer Herzgeschichte, da gibt es als erstes Essen: Butter und ‚ne fette Wurst. Sie denken nur: Bin ich der einzige, der etwas von Cholesterin gehört hat? Kein Mensch kümmert sich wirklich um Sie. Aus diesem Gefühl helfen Ihnen diese Serien. Das Fernsehen ist die beste Medizin. 
 
Warum reißen die dauernd die Augen so auf?
Das gibt einen gewaltigen Energieschub. Wenn man abends müde vor dem Fernseher sitzt, dann reißt einen so ein Blick sofort aus dem Halbschlaf. Für alles gibt es jeweils ganz klare, einfache Bilder. Die müssen umgehend geliefert werden. Es sind abgerufene Klischees. 
 
Schauen Sie sich mal die Landschaft an!
Das können die sehr gut. Rechts die Gänse, ganz hinten Berge, vorne grüne Büsche und Bäume, und schauen Sie sich das an: die Bluse der Bäuerin und die Buschblüten – Ton in Ton!

Haben die bei der Aufnahme daran gedacht?
Das muss nicht sein. Das wird in der Postproduktion, bei der Farbkorrektur gemacht. Da entsteht dann ein solches Gemälde ... Jetzt hat er das Geld nicht! Das war mir schon vorher klar. Und jedem anderen Zuschauer auch. Das gehört zu den Momenten, die man als Zuschauer solcher Serien genießt: Man durchschaut die Charaktere und die Handlung. Man hat Durchblick. Dieses mechanische Spiel von einem festen Ausdruck – Klick – zum nächsten – Klick – zum nächsten. Jede Einstellung ein Ausdruck. Dieses Umschalten.

Wo kommt das her?
Das hat mit der Art, mit der Geschwindigkeit, mit der gedreht wird, zu tun. Es muss alles sofort da sein. Das ist nicht prinzipiell schlecht. Schnelle Entscheidungen können ja auch aus der Tiefe kommen. Hier aber kommen sie aus dem Stress. Der ruft die Klischees ab. 

Genau die werden ja auch verlangt. Vier bis fünf Millionen Zuschauer sind bei jeder Folge inzwischen dabei. Das Publikum ist zufrieden.
Das ist ja das Schreckliche. Jeder quillt doch hier über vor Zufriedenheit, das sind alles schrecklich selbstzufriedene Gestalten. Die sind mit ihrer angeblichen Heimat und mit sich rundum zufrieden. Die schwimmen wohlig in ihrer Knödelsoße. 
 
Aber werden die Schauspieler sich nach dem Drehen nicht doch auch von diesem Produkt distanzieren?
Das glaube ich nicht. Es gibt doch so etwas wie eine Corporate Identity. Außerdem: Sie werden von sehr vielen Menschen gesehen, anerkannt, ja gemocht. Für viele reicht das aus. Beim Theater habe ich ab und zu fünfhundert Zuschauer, bei den „Rosenheim-Cops“ sind es an guten Tagen fünf Millionen! Da ist man doch happy mit. 
 
Beim Text hat man das Gefühl: Sie sagen ihn, damit die Zuschauer informiert werden.
Es ist eine Dauerexposition. In Wahrheit fängt das Stück nie an. Es sind so viele Handreichungen drin. So viel Betteln um Verständnis. 
 
Werden die Folgen am Stück gedreht? Oder dreht man einzelne Szenen, die dann in den verschiedensten Folgen unterkommen?
Ich habe mir auch schon oft gedacht: Für Serien wäre es vielleicht effizienter, zu verfahren wie in der Baubranche. Also immer neue Folgen aus einer Reihe von Fertigbauteilen zusammenstellen. Man dreht einen Pool von Szenen, den man immer wieder verwendet. Das fände ich schon wieder künstlerisch extrem gut. Das wäre Kunst. Aber das machen sie leider nicht. Sie drehen Folge nach Folge. Aber die bestehen aus lauter kleinen Fertigbauteilen. Legoschauspielerei. 

Sind diese Klischees unser Glück oder unser Unglück?
Wir sind alle geprägt von dem, was wir gesehen und gehört haben. Ich bin ein Mediencocktail, und jeder von uns ist es. Schon als kleine Jungs zogen wir bei Räuber und Gendarm, die Pistole gezückt und mit vorgehaltenen Armen, durch die Räume, wie die Kommissare im Fernsehen das machen. Das ist das regierende Klischee. Im Theater gibt es das genauso. Die Ritter in „Macbeth“ mit ihrem martialischen Getue – es macht Spaß sie zu spielen, und es macht Spaß sie zu sehen. Der Krieg ist ganz anders. Auch bei Shakespeare. Wenn aber das Bild beim Klischee einrastet, sind wir glücklich. Das ist unser Unglück. Aus diesem glücklichen Unglück kommen wir nur heraus, wenn es uns gelingt, das festgefügte Bild zu sprengen. Die Erwartung zu erfüllen, ist Glück, aber eigentlich hoffen wir auf das Nicht-Erwartete, die Überraschung. 
 
Bei uns muss der Zuschauer immer alles als erster wissen. Ist das nicht in den amerikanischen Serien anders?

Die haben einen so einheitlichen schauspielerischen Stil, dass sie sich in der Dramaturgie mehr Varianten erlauben können. Aber ich mag diesen Zwang zur Lässigkeit nicht. Ich bin auch geprägt davon. Aber ich wehre mich dagegen. Darin besteht meine Freiheit. Die bietet mir aber nur das Theater. Keiner hier in dieser Serie hat diese Freiheit, keiner nimmt sie sich. Was bewegt dich? Was willst du machen? Davon ist nichts zu spüren in diesen Serien. Nicht in den deutschen, nicht in den amerikanischen. Wo ist dein Impuls, Schauspieler zu sein? Das spüre ich da nicht. Das sind Gebrauchtwagenhändler, die mir ihre Autos verkaufen wollen. Autos, die sie nicht hergestellt haben. Dieser Verkaufsgestus geht mir auf den Wecker. Ich versuche, dem Sinn und der Bedeutung, die die Dinge, die Haltungen und Gesten normalerweise haben, zu entfliehen. Während man hier stolz und mit ausgebreiteten Flügeln auf sie zusegelt. 
 
Ginge es anders?
Man müsste es erstens wollen, und dann müsste man die Produktionsbedingungen ändern. Im Augenblick aber wird den Leuten mit den Serien dauernd eingehämmert: Das ist Schauspielerei, das ist Heimat, das ist Charme, das ist sexy. Das ist inzwischen in so vielen Serien gesagt worden, dass der Glaube daran unerschütterlich ist. Es gibt kaum eine Abweichung. Das ist fast wie eine Religion. Permanent wird den Leuten etwas vorgebetet, bis sie selbst feststellen: Genau so ist es. Die Leute wollen das auch.

Es ist das, was sie kriegen. Damit ist nicht gesagt, dass sie nicht auch an anderem Gefallen fänden. Es gibt den „Tatort“, und es gibt den „Tatortreiniger“.
Ich will die Zuschauer nicht unterschätzen, wirklich nicht. Ich weiß nur um ihre Nöte. Sie suchen einen Halt. So wie ich mir die Krankenhaus-Serien anschaue, um mich zu von den realen Krankenhäusern zu kurieren. Liebesserien führen vor, dass es Liebe gibt. Wenn schon nicht in meinem Leben, dann doch im Fernseher. Aber genau das ist das Problematische. Es geht um Betäubung. Immer wieder. Drogenfrei gibt es nicht. Wenn man kein Laster hat, hat man zwei. Serien zu schauen ist wie Schnaps trinken: Man lacht, man fühlt sich wohl. 
 
„Gab es Streit“, fragt die Kommissarin.
In jedem Kriminalfilm kommt diese Frage. Dann kommen die Handydaten, die Videoüberwachung und die DNA. Darum geht es heute. Es geht in Wahrheit darum, uns an diese tiefen Eingriffe in die Privatsphäre zu gewöhnen. Dauernd wird uns vorgebetet, was die Polizei alles dürfen soll. Das Ergebnis ist: Die Mehrheit der Bevölkerung hat nichts gegen Rundum-Videoüberwachung. Früher wurden Täter durch die Kombinationsgabe, durch die Empathie der Ermittler überführt. Heute durch Technik. Die Welt hat sich verändert. Es geht nur noch um Kontrolle. Die Botschaft ist: Alles kann gelöst werden. Auch das widerspricht ja der Realität. Man könnte meinen, wir hätten es beim Fernsehen mit einem Propagandamedium zu tun.

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