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Max und Maidon Horkheimer 1934 bei der Überfahrt nach New York.

Frankfurter Schule

Schwierige Heimkehr

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Eine anregende wie übersichtlich geordnete Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt widmet sich einem besonderen Kapitel der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Von Arno Widmann

Es waren nur wenige jüdische Intellektuelle, die nach dem Versuch ihrer totalen Vernichtung wieder zurückkamen nach Deutschland. Eine der bedeutsamsten Sekten, die das deutsche Judentum hervorgebracht hatte, die Frankfurter Schule, gehört zu diesen Ausnahmen. Nicht alle. Herbert Marcuse zum Beispiel nicht, auch Erich Fromm und Leo Löwenthal blieben in den USA. Aber Horkheimer und Adorno, Pollock und der Institutsgründer Felix Weil - sie kamen zurück.

Die sehr informative und großzügig konzipierte Ausstellung im Frankfurter Jüdischen Museum zeigt, wie es dazu kam und was daraus wurde. Sie beginnt mit der Gründung des Instituts nach dem ersten Weltkrieg, dann kommen der Umzug in die USA, die Rückkehr nach Deutschland. Die Ausstellung endet mit einem Foto aus dem Frankfurter Römer. Max Horkheimer erhält am 14. Februar 1960 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Frankfurt.

Dazwischen das Auf und Ab einer Gruppe von Intellektuellen, die als doch sehr orthodoxe Marxisten begonnen hatte und dann sogar mitmachte beim Wiederaufbau der Bundeswehr. Bei der Abwendung vom strengen Marxismus spielte eine nicht unwesentliche Rolle die Auseinandersetzung um die Erklärung des Siegeszuges des Nationalsozialis- mus. Eine Theorie, die glaubt, dabei ohne den Antisemitismus auszukommen, hat es aufgegeben, sich der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu stellen.

Die überwiegend jüdischen Intellektuellen der Frankfurter Schule hatten sehr unterschiedliche Haltungen zum Judentum, zu Zionismus und Assimilation. Die Ausstellung zeigt das. Sie dokumentiert auch ein Stück der Auseinandersetzungen darum.

Die Rückkehr der Frankfurter Schule war ein Glücksfall für die entstehende Bundesrepublik. Als das Institut am 14. November 1951 nach nur dreijährigen Verhandlungen seine Pforten wieder öffnete, da war das noch nicht so klar wie zwanzig Jahre später. Es war aber auch ein Glücksfall für das Institut. Ohne das Engagement des damaligen Oberbürgermeisters Walter Kolb, der die jüdischen Emigranten bat heimzukehren, wäre das Institut womöglich zu einem Schattendasein in der Emigration verurteilt geblieben oder hätte gar aufgegeben werden müssen.

Das Institut lebte von einem Missverständnis. Die Soziologie galt als eine Disziplin, in der eine Gesellschaft zu ihrem Selbstbewusstsein kommt, eine Art demokratischer Aufbauwissenschaft. Umfragen, die empirische Sozialforschung also, galten als Heilmittel gegen Ideologie und Propaganda. Die gerade erst tappsige Schritte unternehmende Demokratie der Bundesrepublik Deutschland erhoffte sich von den aus den USA heimkehrenden kritischen Theoretikern Unterstützung bei der Aufklärung über die Bevölkerung und bei der Aufklärung der Bevölkerung. Wie wenig die führenden Köpfe des Instituts mit dem empirischen Methoden der amerikanischen Sozialwissenschaften zu tun hatten, ja wie kritisch sie ihnen entgegenstanden, war wenig bekannt, und Horkheimer und Adorno legten wenig Wert darauf, das bekannt zu machen.

Max Horkheimer, bald dazu auch Direktor der Frankfurter Goethe-Universität, gelang es, das Institut, die Frankfurter Schule, bei aller Distanz zur bundesrepublikanischen Gesellschaft, zur Adenauerrepublik in dieser fest zu verankern. Ohne Ironie und Doppelbödigkeit, ohne die Kunst der Verstellung wäre das nicht möglich gewesen.

Die Ausstellung zeigt, wie schwer Horkheimer und Adorno es fiel, mit eben jenen alten Nazis, die genickt hatten, als Juden von den Universitäten vertrieben wurden, zusammenarbeiten zu müssen. Wer mag, kann die Ausstellung als einen Blitzkurs in Sachen Macchiavellismus betrachten, als kurzen Lehrgang in der Kunst des Überlebens.

Die Ausstellung zeigt jene Phase der Kritischen Theorie, in der sie sich etablierte. Also die Zeit, in der aus einem Randphänomen eine der zentralen sozialwissenschaftlichen Einrichtungen der Bundesrepublik wurde. Ohne, dass dem eine entsprechende wissenschaftliche Leistung entsprochen hätte. Der Außenseiter wird zum Etablierten. Durch Gremienpolitik, durch das geschickte Paktieren mit der Macht.

Ein erhellendes Beispiel dazu ist die Zusammenarbeit des Instituts mit dem Amt Blank, dem entstehenden Verteidigungsministerium der Bundesrepublik. Im Mai 1954 schloss das Institut mit dem in der Öffentlichkeit - gerade in der Linken - heftig umstrittenen Amt einen Vertrag, der das Institut zur Ausarbeitung eines Interviewschemas verpflichtete, "mit dessen Hilfe Offiziersanwärter auf ihre demokratische Tauglichkeit geprüft werden sollten". Ob das Institut tatsächlich jemals solche Fragebogen anfertigte, ob es sie Kandidaten für die noch zu schaffende Bundeswehr vorlegte oder vorlegen ließ, haben die Ausstellungsmacher nicht herausgefunden.

Die anregend und übersichtlich zugleich geordnete Ausstellung zeigt nicht nur die Anpassungsleistung des Instituts. Sie zeigt auch Horkheimers Versuche, nach dem Krieg wieder so etwas einzuführen wie judaistische Studien. Die Loeb-Lectures, in denen Martin Buber, Gershom Scholem in Frankfurt lasen, waren heute in Vergessenheit geratene Anstrengungen, zu zeigen, was das Judentum in der europäischen Kultur war, ist und wieder sein könnte.

Wer genau schaut, wird in der Ausstellung das Album mit sehr lustigen Fotocollagen von Horkheimers Ehefrau Maidon entdecken. Eine selbstironische Spielerei, in der zum Beispiel das Ehepaar Horkheimer in riesigen Amischlitten - so hieß das damals - durch die Welt fährt. Auf der Doppelseite Sensations stößt man rechts auf den Chefökonomen des Instituts, den ältesten Freud Max Horkeimers, auf Friedrich Pollock. Er sieht zum Verwechseln ähnlich Harald Schmidt.

Jüdisches Museum in Frankfurt: bis 10. Januar 2010. www.juedischesmuseum.de

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