Schwere Kost

Von Grenzgängern und anderen Ausreißern: Zum Start des diesjährigen "Debüts im Ersten"

Von TILMANN P. GANGLOFF

Selbst wenn 22.45 Uhr nicht gerade "Primetime" ist: Hin und wieder muss man die ARD auch mal loben, zum Beispiel für die Reihe "Debüt im Ersten". Zwei der diesjährigen Erstlingswerke liefen bereits mit Erfolg im Kino: Hans Weingartners anarchische Polit-Romanze "Die fetten Jahre sind vorbei" (nun am 14. Juli in der ARD) war sogar ein Überraschungs-Hit.

Dieser ungewöhnliche Film hätte es verdient, den Auftakt zu bilden und der Reihe auf diese Weise viel Aufmerksamkeit zu garantieren. Genau genommen gehört das Debüt allerdings auf den Mittwochstermin um 20.15 Uhr, ebenso wie Alain Gsponers Zweitwerk "Das wahre Leben". Vergangenes Jahr hatte Gsponers später mit dem Deutschen Fernsehpreis gewürdigtes Regiedebüt "Rose" die Reihe eröffnet, nun bildet sein großartig besetztes und gespieltes Familiendrama (Ulrich Noethen, Katja Riemann, Juliane Köhler, Hannah Herzsprung) am 25. August den Schlusspunkt.

Für junge Zuschauer ungeeignet

Zum Auftakt zeigt die ARD mit "Pingpong" von Matthias Luthardt (Buch und Regie) und Meike Hauck (Buch) heute einen Film, der eine ganz ähnliche Geschichte ganz anders erzählt: Der junge Paul (Sebastian Urzendowsky) besucht nach dem Tod des Vaters die scheinbar harmonische Mittelstandsfamilie seines Onkels. Alle bemühen sich um seine Zuneigung, doch seine Tante (Marion Mitterhammer) treibt es eindeutig zu weit.

Eine Woche später zeigt sich, dass "Pingpong" bloß das Vorspiel war: "Prinzessin" (7. Juli) von Birgit Grosskopf ist noch schwerere Kost. Das Jugenddrama stellt eine Mädchenclique vor, der man im wahren Leben lieber nicht begegnen möchte. Die Geschichte (Drehbuch: Grosskopf und Daniela Hilchenbach) hat keinen rechten Anfang, endet aber wie "Pingpong" mit einem Gewaltakt - ein deprimierendes Stück über das Leben in der Vorstadt, das verschiedenen Vorbildern (etwa Sylke Enders' beeindruckendem "Kroko") an Tristesse in nichts nachsteht.

In diesem Fall ist man für den späten Sendeplatz der Reihe sogar dankbar: Der Film ist mit seiner sprachlichen wie auch körperlichen Brutalität für junge Zuschauer entschieden ungeeignet.

Während "Prinzessin" nur am Rande ein Familiendrama ist, muss die junge Annika aus "Wahrheit oder Pflicht" (28. Juli) den ständigen Ehekrach der Eltern ertragen. Als das Mädchen zum zweiten Mal in der zwölften Klasse sitzen bleibt, traut sie sich nicht zu gestehen, dass der Traum vom Abitur geplatzt ist und geht nach den Ferien weiter jeden Morgen zur Schule.

Auf kaum merkliche Weise gelingt es Arne Nolting und Jan Martin Scharf, die Geschichte nicht zum Trübsal werden zu lassen. Sehenswert ist der Film schon allein wegen Katharina Schüttler ("Sophiiie!"), die mit ihrer Mädchenhaftigkeit Annikas unstetes Wesen perfekt verkörpert.

Vanessa van Houten (Buch und Regie) erzählt in ihrem Film "Haus der Wünsche" (4. August) von dramatischen Ereignissen in gleich zwei Familien, auch wenn im Mittelpunkt eindeutig eine Romanze steht: Nic (Thomas Fränzel) ist in Bangkok gestrandet und verliebt sich dort in die Edelprostituierte Coco (Tschagsalmas Borchuu). Ihren Eltern stellt sie den jungen Deutschen als ihren Verlobten vor. Prompt sucht Nic das Weite. Erst in der Einsamkeit wird ihm klar, welchen Fehler er gemacht hat.

Der Film lebt vor allem von einer geheimnisvollen Ästhetik, die die vordergründig überschaubar wirkende Handlung auf reizvolle Weise verrätselt.

Im positiven Sinn aus dem Rahmen fällt auch "Die blaue Grenze" (21. Juli). Till Franzen erzählt poetisch und stimmungsvoll Begebenheiten aus dem deutsch-dänischen Grenzgebiet. Schwächster Beitrag ist "Alles Lüge" (18. August) von Barbara Teufel, eine Hommage an Rio Reiser und das Protestsprachrohr der Siebziger, die Gruppe Ton Steine Scherben.

Der Film ist eine Mischung aus Realität und Fiktion. Ausgerechnet die dokumentarischen Interviewpassagen und Konzertmitschnitte sind ungleich fesselnder als die Spielszenen; der Kontrast zwischen dem Musiker und seinem bemühten Darsteller (Marek Harloff) tut dem Film gar nicht gut.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion