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Update

Schweigen als Kritik

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Hat jemand, der sich zu einer Sache nicht äußert, gar keine Meinung? Oder kann Stille auch anders gedeutet werden?

Gelesene Bücher verzeichne ich in einer Art virtuellem Bücherregal auf der Plattform Goodreads. Das hilft mir, den Überblick zu behalten und nicht alles Gelesene gleich wieder zu vergessen. Ich vergebe Sterne auf einer Skala von null bis fünf und schreibe meist noch ein, zwei Sätze zum Inhalt. Gelegentlich lese ich ein Buch, dessen Autorin oder Autor ich persönlich kenne. In solchen Fällen vergebe ich keine Sterne und äußere mich auch nicht zum Buch. Bei einer persönlichen Begegnung würde ich ja auch nicht unaufgefordert sagen: „Ich fand dein Buch langweilig“, sondern das Thema vermeiden und lieber über etwas Interessanteres reden, zum Beispiel Sand oder 5000-Teile-Puzzles. Auch wenn ich eine Tagung schlecht, aber die Beteiligten sympathisch finde, führt das meistens dazu, dass ich über diese Veranstaltung in der Netzöffentlichkeit schweige.

Mein Schweigen ist also eigentlich ein Signal. Theoretisch könnte man daran ablesen, dass ich ein Buch nicht mochte oder eine Veranstaltung missglückt fand. Praktisch fällt vermutlich niemandem auf, dass ich mich nicht äußere. Nichtvorhandenes ist schwerer zu erkennen als Vorhandenes – wenn es sich nicht gerade um eine extrem auffällige Lücke handelt, weil zum Beispiel Einbrecher den Tisch gestohlen haben und man die Teetasse ins Leere stellt. Dass es sich um ein so schlecht sichtbares Signal handelt, ist aber natürlich Sinn der Sache, denn sonst könnte ich ja einfach sagen, was ich über das Buch oder die Tagung denke.

Bei der Kommunikation im Netz gibt es viel mehr mögliche Schweigegründe als bei einem Gespräch in körperlicher Anwesenheit. Vielleicht habe ich den Anlass gar nicht mitbekommen, weil ich zu vielen Leuten folge. Vielleicht nötigen mich die unterschiedlichen Kommunikationsvorlieben in meinem Bekanntenkreis dazu, 15 verschiedene Messenger zu haben, und gerade in diesen einen sehe ich nur alle paar Monate rein. Vielleicht musste ich alle Benachrichtigungen abschalten, um im Leben noch für irgendwas anderes Zeit zu haben als für das Reagieren auf Benachrichtigungen. Vielleicht war mein Akku leer, oder ich habe mich in einem Funkloch aufgehalten. (Wobei „außerhalb eines Empfangslochs“ die Lage in Deutschland eigentlich besser beschreibt.)

Dabei gilt es jede falsche Bewegung zu vermeiden, die aus dem vieldeutigen Schweigen eine eindeutige Reaktion machen würde. Die Autorin Alina Smithee beschreibt im Techniktagebuch-Blog die heimliche Twitterliste, die sie verwendet, „wenn ich mich mit jemandem mal gut verstanden habe und jetzt aber nicht mehr. Dann will ich sehen, was er oder sie so schreibt, aber ich will nicht ‚folgen‘ und ich will auch bittesehr nicht, dass jemand weiß, dass ich mitlese. (...) Deshalb scrolle ich immer ganz leise. Ich öffne die Liste eigentlich nur am Handy, weil sie nicht wichtig genug ist, um am Computer betrachtet zu werden. Am Handy besteht aber die Gefahr, versehentlich etwas zu liken, während man mit dem Daumen scrollt. Ich scrolle jetzt immer ganz am Rand. Ganz außen. Da, wo kein Like-Button ist.“

Es gibt Bereiche, in denen das Schweigen so oft als Signal dient, dass sich seine Doppeldeutigkeit auflöst. In Beziehungen hat der Vorgang gar einen eigenen Namen, Ghosting. Man möchte der anderen Person nicht sagen „Das wird nichts mit uns“ und täuscht stattdessen vor, dass der Hund das Handy gefressen hat. Weil es das Nichts-draus-Werden im Leben viel häufiger gibt als handyverzehrende Hunde, weiß die andere Seite leider genau, dass es sich nicht um ein Zufallsschweigen, sondern um ein Signal handelt.

Die Vieldeutigkeit des Nichtssagens hat Nachteile. Ich möchte damit meine Kritik als Unwissenheit tarnen, aber nichts hindert die Mitmenschen daran, echte Unwissenheit als Kritik zu interpretieren. Ein Freund dachte lange, ich fände seinen Blog blöd, weil ich mich nie dazu äußerte. Dabei ahnte ich nur nichts von seiner Existenz. Insgesamt fühlen sich also durch mein Schweigen womöglich genauso viele Menschen kritisiert, als wenn ich mit meiner Meinung niemals hinter dem Berg gehalten hätte.

Die Schweigestrategie eignet sich nur für ganz bestimmte Missstände, an denen man nichts ändern möchte. Ich will der Buchautorin gar nicht sagen, dass sie gefälligst andere Bücher schreiben soll. Ihre Bücher passen nur nicht zu meinen Interessen. Veranstaltern einer Tagung hilft es nicht, wenn ich meiner Wut über unverständliche Vorträge und menschenunfreundliche Veranstaltungsformate Ausdruck verleihe. Für eine Verbesserung dieser Tagung ist es zu spät.

In Situationen, in denen man etwas verändern möchte (und sich die mit Kritik einhergehenden Risiken leisten kann), ist Schweigen, Nichtwählen, Ghosting, das Nichtabgeben von Kundenbewertungen, das Nichtkommentieren und Nichtliken von Beiträgen kein geeignetes Signal. Dazu ist es einfach zu missverständlich.

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