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Schwärmerei über den Gentleman-Playboy

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Der Frauenschwarm: Gunter Sachs mit Brigitte Bardot.
Der Frauenschwarm: Gunter Sachs mit Brigitte Bardot. © dpa

Die Enthüllung um die Steueroasen kam für die Autoren der Unterhaltungs-Doku „Gunter Sachs – Der Gentleman-Playboy“ zur Unzeit. So mussten die Macher den Film um Sachs' Frauengeschichten und Jetset-Leben flugs umarbeiten. Das merkt man dem Film an.

Von Klaudia Wick

Nun war er doch noch  einer von vielen. Rund 130.000 Personen aus 170 Ländern werden in den Datensätzen über geheime Geldgeschäfte in Steueroasen gelistet, die dem NDR und der „Süddeutschen“ in der letzten Woche zugespielt worden sind. Auf der Liste fand sich auch der Name von Gunter Sachs. Die Enthüllung kam für den NDR zur Unzeit, denn die Unterhaltungs-Doku „Gunter Sachs - Der Gentleman-Playboy“ über den Millionenerben war in den Programmzeitschriften schon angekündigt. Sie würde viel von schönen Frauen, am Rande von ausbleibender Lebenslust, aber praktisch gar nicht vom Geld verdienen handeln. Der Beitragsfinanzierte Sender tat, was nötig war: Er entschloss sich zu einer Adhoc-Überarbeitung und informierte die Presse, der Film sei anders als üblich, vorab nicht zu sehen. Nach der Ausstrahlung ist klar, dass die Überarbeitung nicht allzu viel zeit in Anspruch genommen haben kann.

In einem knappen Nebensatz zu Beginn des 75-minütigen Film wird en passant erwähnt, dass Sachs nicht nur Playboy und Industrieerbe war, sondern auch ein „findiger Finanzjongleur, der seine Millionen wohl auch in Steueroasen anlegte“. Während die Stimme von Sprecher Benjamin Völz diesen Halbsatz sagt, zeigt das Bild den jungen Gunter Sachs, wie er mit dem Wasserski das Mittelmeer durchpflügt. Rund 50 Minuten wird es dauern, bis der Portraitfilm von Jens Nicolai und Kay Siering noch einmal pflichtschuldig auf die so genannte „Offshore-Leaks-Affäire“ zu sprechen kommt: „St. Tropez, New York, Gstaad, Palm Springs oder Sylt: Überall auf der Welt leistet sich Gunter Sachs großzügige Domizile. Und überall auf der Welt hat er wohl auch sein Vermögen verteilt. Etwa in bekannten Steueroasen Panama oder den Cook-Inseln. Offenbar haben Sachs und seine Anwälte dabei keinen Aufwand gescheut, auch um das Geld in weitverzweigten Firmengeflechten und undurchsichtigen Trusts steuergünstig unterzubringen. Ganz legal, wie die Nachlassverwalter betonen.“

Zu diesen sicher mit den Sender-Justiziaren minutiös abgesprochenen Sätzen hat die Postproduktion ein paar Helikopteraufnahmen von den genannten „großzügigen Domizilen“ in den Film geschnitten und die idyllischen Bilder sicherheitshalber noch mit einer Produktionsmusik unterlegt, die schwer nach Kaufhausbeschallung klingt. Mit den Worten „Gunter Sachs und seine Millionen: Überall auf der Welt zuhause“ schließt die Offstimme dieses Kapitel ab, um sich wieder der Lebensart des Instustrieerben zu widmen.

Wenig elegantes Intermezzo

Das wenig elegant implementierte Intermezzo kann dem Film nichts anhaben. Er hatte auch bis zu diesem ungelenken Eingriff keine sonderlich virtuose Form, geschweige denn eine souveräne journalistische Haltung seinem Gegenstand gegenüber gefunden. Die Doku ist eine einzige Schärmerei. Ohne einen Zweifel über die Relevanz dieser Information zu sähen, steigt „Der Gentleman-Playboy“ mit Gunter Sachs Liebesbeziehung zu Brigitte Bardot ein. „Es ist eine verrückte Liebe, eine Amour fou“ belehrt uns das Informations-Erste zur besten Sendezeit und enthüllt im besten Illustrierten-Sound: „Sie lieben sich auf dem Heck seines Motorbootes bei voller Fahrt, das Ruder festgebunden und sich der Gefahr bewusst, dass sie jeder Zeit an einem Felsen zerschellen können.“

So geht es in einem fort, wie an süffigem Rotwein schlürft die Dokumentation am exzentrischen Lebensstil des Jetset-Lieblings und berauscht sich an seinen Eskapaden. Als der verknallte Sachs das Grundstück von Brigitte Bardot vom Helikopter aus mit Rosen beregnen lässt, ist das den Autoren zufolge natürlich „eine der berühmtesten Liebeserklärungen der Geschichte“. Welcher Geschichte eigentlich?

Unter den vielen Gesprächspartnern von Roman Polanski und Jackie Stuart bis Thomas Gottschalk ist der Journalist und Biograph Michael Jürgs der einzige, der das Handeln von Sachs ab und die Reaktion der Öffentlichkeit darauf ab und zu mal in einen gesellschaftlichen Kontext einbetten darf. Ansonsten sonnen sich die meisten, die im Insert als Freunde oder Vertraute ausgewiesen werden, in eben diesem Status. Ich war auch dabei, wenn Günni Spaß hatte! So kann oder will binnen 75 Minuten niemand etwas über Gunter Sachs erzählen, was der nicht zuvor selbst minutiös inszeniert hat. Es ist wie bei Andy Warhol, mit dem Sachs eine Freundschaft verband: Das Geheimnis besteht darin, dass es keines mehr gibt.

So spricht die Off-Stimme die immergleichen redundanten Sätze über Großzügigkeit und Lebensstil, als werde der Sprecher diesmal nach Wörtern bezahlt. Die Musik soll an den lifestyle der Seventies erinnern und hilft dabei, das Gezeigte einzuordnen: Erotik klingt nach Jazz, wird es gefühlig, schwillt der Score mit Geigenklängen an. Offenbar war das NDR-Archiv randvoll mit alten Reportage-Szenen, die Gunter Sachs beim Afterski in St. Moritz, beim Baden in St. Tropez oder beim Feiern auf Sylt zeigt. An Bebilderungsmaterial fehlt es diesem Film jedenfalls nicht. Eher schon an einem Erkenntnisziel.   

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