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Der Schutz der Normalität

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Von: Daniel Kothenschulte

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Frank Giering stirbt im Alter von 38 Jahren (Archivbild, 2008).
Frank Giering stirbt im Alter von 38 Jahren (Archivbild, 2008). © dpa

Frank Giering verkörperte Ausbruchsutopien junger Männer und lebte selbst zurückgezogen. Michael Haneke hatte als erster erkannt, welche Möglichkeiten in dem jungen Magdeburger steckten. Von Daniel Kothenschulte ( mit Video)

Filmschauspieler lassen uns das Außergewöhnliche glaubhaft erscheinen. Das beginnt damit, dass sie oft weit besser aussehen als Durchschnittsmenschen, dann aber einen Film lang so tun, als sei das ganz normal.

Das Besondere an Frank Giering war dagegen seine Unscheinbarkeit und was er aus ihr machte. Im extremsten Fall wohl als "Baader": In seiner Darstellung des Terroristen im Film von 2002 machte er anschaulich, wie aus einer Machtfantasie eine fatale Wahrheit wird und aus Gedankenspielen tödlicher Ernst. All das ist möglich, weil der Eifer selbst in jedem steckt und sich in produktiven wie destruktiven Energien entladen kann. Anders als Moritz Bleibtreu im "Baader-Meinhof-Komplex" machte Giering seien Baader nie größer als die Wirklichkeit.

Michael Haneke hatte als erster erkannt, welche Möglichkeiten in dem jungen Magdeburger steckten. Neben Ulrich Mühe und Susanne Lothar besetzte er ihn als Artur in seiner Kafka-Verfilmung "Das Schloss". In Hanekes nächstem Film "Funny Games" traf das Ensemble dann abermals aufeinander.

Giering spielt den jungen Mann mit den unheimlichen weißen Handschuhen, der bei dem von Mühe und Lothar gespielten Ehepaar an der Tür klingelt, um ein paar Eier zu borgen. Und es bald darauf mit seinem Freund mit sadistischem Eifer quält und peinigt. Gierings warme Stimme gibt der Figur etwas merkwürdig Unschuldiges. Ähnlich dem jungen Oskar Werner zieht Giering den Zuschauer in seinen Bann, lange bevor man weiß, worauf die Geschichte hinaus will.

Irgendetwas schien Frank Gierings Filmfiguren aus ihrer Normalität herauszudrängen. Etwa in dem Kultfilm "Absolute Giganten", einem der wenigen deutschen Slackerfilme über jugendliche Ausbruchsutopien, die meist nur bis zum Flipper in der nächsten Kneipe führen. Es ist eben jener Widerspruch, nach dem Besonderen zu streben, ohne die schützende Normalität aufzugeben, der Gierings ungewöhnliche Karriere bestimmte.

In der Schule ein Außenseiter und schlecht im Sport, träumte er im Stillen vom Ruhm - und weigerte sich später als bekannter Schauspieler, aus dem Jugendzimmer in der Wohnung seiner Mutter auszuziehen. Erst mit 29 tauschte er es eher unfreiwillig gegen eine Wohnung in Berlin-Charlottenburg, die ihm seine Agentur besorgt hatte. Bis zuletzt wohnte er auf 45 Quadratmetern.

Er nannte sich altmodisch

"Ich dachte immer, wenn ich berühmt bin, dann kann ich alle Frauen haben", bekannte er im vergangenen Februar in einem Interview mit Spiegel-Online. "Ich habe mir den Song der "Ärzte" zum Lebensmotto gemacht: Eines Tages werd’ ich mich rächen, ich werd’ die Herzen aller Mädchen brechen." Der Traum erfüllte sich nicht. "Zweimal wurde ich im Leben von Frauen angesprochen, daraus wurden jeweils Beziehungen. Ich kann eben einfach nicht Nein sagen (lacht). Nein, im Ernst: Ich warte noch auf die Richtige. Ich hoffe, sie war noch nicht dabei."

Wenn es Frank Giering in seinen Filmrollen immer wieder gelang, unscheinbaren Männern ein bezwingendes Charisma zu geben, so vielleicht auch deshalb, weil sein eigenes Leben auf bescheidene Weise außergewöhnlich war. Er hatte weder einen Führerschein, noch surfte er jemals im Internet. "Ich würde einen Laptop gerade einmal aufklappen können. Und das auch nur, weil ich das im Fernsehen gesehen habe. Twitter, Blackberry, iPhone - das ist mir alles fremd." Vielleicht, so fragte sich der 1971 geborene Giering, sei er ja 1956 eingefroren worden und erst dann wieder aufgetaut. "Vielleicht bin ich deshalb so altmodisch und zurückgezogen."

Mit 38 Jahren ist Frank Giering, der in den letzten Jahren vor allem in der Rolle des Fernsehkommissars Harry Weber in der Serie "Der Kriminalist" bekannt war, gestorben. Näheres zu seinem Tod wollte Gierings Agentur nicht bekanntgeben.

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