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Schüsse durch die Lochblende

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Von: Daniel Kothenschulte

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Eine Schönheit: Bond-Girl Honey Ryder (Ursula Andress in „007 jagt Dr. No“, 1962).    ??
Eine Schönheit: Bond-Girl Honey Ryder (Ursula Andress in „007 jagt Dr. No“, 1962). ?? © dapd

Maurice Binder war der Mann, der das Design von 14 „Bond“-Vorspännen prägte. Er fand schon für „Dr. No“ den richtigen Stil, denn das Wesen des Agenten 007 lässt sich auch abstrakt ausdrücken: als perfekte Balance zwischen Eleganz und Härte.

Maurice Binder war der Mann, der das Design von 14 „Bond“-Vorspännen prägte. Er fand schon für „Dr. No“ den richtigen Stil, denn das Wesen des Agenten 007 lässt sich auch abstrakt ausdrücken: als perfekte Balance zwischen Eleganz und Härte.

James Bond ist ein Vorbild an guten Manieren. Aber warum serviert er uns das Dessert vor dem Hauptgang? Die Titelsequenzen der 007-Filme sind seltene Delikatessen. In ihrem speziellen Flair, den dunkel leuchtenden Lounge-Farben und dem minimalistischen Schattenspiel ist in ihnen der mondäne Stil der 1960er-Jahre lebendig geblieben. Dabei wirken sie kein bisschen antiquiert, sondern so zeitlos wie die Cover des Jazz-Lables „Blue Note“ oder die Möbel von Verner Panton.

Maurice Binder war der Mann, der das Design von 14 „Bond“-Vorspännen prägte. Er fand schon für „Dr. No“ den richtigen Stil, denn das Wesen des Agenten 007 lässt sich auch abstrakt ausdrücken: als perfekte Balance zwischen Eleganz und Härte. Die Geschichte von Binders erster Probe-Präsentation für die „Bond“-Produzenten könnte das Drehbuch zu einer „Mad Men“-Folge abgeben: „Das habe ich in größter Eile entworfen, denn mir blieben nur zwanzig Minuten bis zum Treffen mit den Produzenten“, erklärte er kurz vor seinem Tod 1991 in einem Interview. „Zufällig hatte ich einige weiße Preisschild-Aufkleber bei mir, also beschloss ich, sie als Pistolen-Schüsse über die Wand zu verteilen. James Bond würde durchs Bild gehen und schießen, während Blut die Leinwand herunterliefe. Das ganze Storyboard hatte ich in zwanzig Minuten fertig, und sie sagten: ’Das sieht toll aus.’“

Der berühmte Pistolenschuss in den Zuschauerraum war allerdings nicht Binders Erfindung, sondern sechs Jahrzehnte älter: Er hatte, ob bewusst oder unbewusst, sein Vorbild im frühen Western „The Great Train Robbery“ aus dem Jahr 1903.

Nur zweimal übernahm zu Binders Lebzeiten mit Robert Brownjohn ein anderer Künstler den Job, doch auch dessen Titelsequenzen für „Liebesgrüße aus Moskau“ und „Goldfinger“ fügen sich in Binders Stil ein. Dazu gehören großzügige erotische Andeutungen, mit denen die Filme allerdings nicht immer mithalten können – wenn etwa Frauenkörper im Wortsinn als Projektionsflächen dienen.

Maurice Binder hatte als Werbegrafiker im Kaufhaus Macy’s begonnen, bevor er sich in den 1940ern auf das Malen von Filmplakaten verlegte. Der Der kunstsinnige Regisseur Stanley Donen entdeckte ihn 1958 als Vorspanngestalter. Binders Werkzeuge waren einfach: Den berühmten Blick durch einen Waffenlauf, der seit „Dr. No“ zu einem „Bond“-Emblem wurde, simulierte er mit einer simplen Lochblende. Meist arbeitete er allein – und war chronisch unzufrieden mit der eigenen Arbeit. Seine Vorspänne waren oft das letzte Element, das an einem Bond-Film noch fehlte, denn Binder arbeitete bis zur letzten Minute an seinen formvollendeten Miniaturen.

Vorläufer der MTV Videoclip-Ästhetik

Gut möglich, dass der ästhetische Mehrwert der „Bond“-Vorspänne etwa auch die Sittenwächter der britischen Zensurbehörde milde stimmte: Die Kunst genießt ein paar Freiheiten mehr. In ihrer kongenialen Verbindung mit den szenisch orchestrierten Songs gelten Maurice Binders Titel als Vorläufer der Videoclip-Ästhetik des Musiksenders MTV. Da war es vielleicht nur folgerichtig, dass nach seinem Tod ab „Golden Eye“ (1995) ein Musikvideo-Regisseur den begehrten Auftrag erbte. Daniel Kleinman hatte zuvor Adam Ant, Madonna oder auch Boy George ins rechte Licht gerückt. Und obwohl Kleinman bei „Ein Quantum Trost“ durch das Kollektiv MK12 ersetzt wurde, kehrt er mit „Skyfall“ nun zu Bond zurück.

Heute ließe sich ein 007-Vorspann natürlich nicht mehr in zwanzig Minuten entwerfen. Daniel Kleinmans Titel nutzen aufwendige Computergrafiken und gehen meist weit detaillierter als früher auf die Elemente der Filmhandlungen ein. Ihre abstrahierende Formensprache jedoch verdanken sie dem Stil, den der unvergleichliche Maurice Binder prägte.

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