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Hilflose Geste der Trauer am Bismarckplatz in Heidelberg. Die Markierung am Boden zeigt, wo der Wagen zum Stehen kam.

Gewalt

Schubsen, treten, rasen

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Aus gegebenem Anlass: Gewalt im öffentlichen Raum tritt immer häufiger ohne Erklärung auf.

In einem frühen Film von Woody Allen schubst Woody im Vorbeigehen einen Mann von einer Mauer, der dort arglos dem urbanen Treiben zuschaut. Dabei handelt es sich nicht um einen intendierten Gewaltausbruch. Eher unterläuft es der nervösen Filmfigur unbemerkt, eine Art Übersprunghandlung, die dann im Verlauf der Szene buchstäblich ohne Folgen bleibt.

Die besondere Komik des Moments wird noch dadurch gesteigert, dass das Opfer der Attacke einfach aus dem Bild verschwindet. Kein Leid, kein Entsetzen, kein Widerspruch. Er war nicht gemeint, Woody war einfach nur ins Gespräch vertieft, der Schubser ereignete sich im Überschwang. Der Stadtneurotiker war ganz und gar mit sich selbst beschäftigt.

Was in der Allen-Komödie aus den 70er Jahren als skurriler Moment aus der überspannten Metropole New York erscheint, ist inzwischen zu einem ernsthaften großstädtischen Gewaltphänomen herangewachsen. Menschen werden angerempelt, Treppen heruntergestoßen und in U-Bahn-Schächte geschubst, ohne dass ein erkennbares Motiv für die überschüssige Aggressivität vorzuliegen scheint. In einem Berliner Fall stellte sich später heraus, dass der Täter psychisch gestört ist, oft aber sind die im buchstäblichen Sinn vorübergehenden Marodeure erstaunlich fest im gesellschaftlichen Leben verankert. Und nachträgliche Erklärungsversuche wirken später oft noch verstörender als die Taten selbst.

Das gilt gewiss auch für die Todesfahrt von Heidelberg, bei der am Samstag ein 35 Jahre alter Mann in eine Menschenmenge raste. Das Motiv sei unklar, teilte die Polizei mit, und via Twitter fügten die Beamten gereizt hinzu: „Und nun noch mal für alle. Tatverdächtiger: Deutscher OHNE Migrationshintergrund!“

Das führt einmal mehr deutlich vor Augen, dass wir den Terroranschlag nicht nur fürchten, sondern unbewusst auch bereits erwarten. Das starke öffentliche Bedürfnis nach Deutung wiederum scheint einen seltsamen Täterwettbewerb ausgelöst zu haben, die innere Raserei als Gewaltspektakel zu inszenieren. Und so liefern sie sich Autorennen auf dem Boulevard, wollen den Zusammenstoß mit der Menschenmenge und schubsen Passanten die Treppe hinunter. Der Mangel an Erklärung ist Teil ihrer düsteren Show, die die Opfer schicksalslos zurücklässt. Die Verabredung von Fußball-Hooligans zur handfesten Prügelei wirkt da fast ein wenig spießig.

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