Alte Oper

Schroffe Schönheit, freudlose Tänze

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Rudolf Buchbinder mit Valery Gergiev und den Münchner Philharmonikern in Frankfurt.

Routine ist in der Kunst und bei der Arbeit ein angstbesetzter Begriff, aber wenn man dem Pianisten Rudolf Buchbinder in der Alten Oper Frankfurt dabei zuschaut, wie er Peter Tschaikowskis 1. Klavierkonzert absolviert, zeigt sie sich von ihrer grandiosen, souveränen und Freiheiten eröffnenden Seite. Der Solist ist präzise und lässt zugleich eine geschmeidige, empfindsame, aber kraftvolle Pranke hören.

Auch lässt er sie stets hören, denn die Münchner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Valery Gergiev, die nicht einmal besonders rücksichtsvoll wirken, drücken den Klavierpart nicht weg, sondern tragen ihn auf einem fein gewobenen Klangteppich. Der Klangteppich ist nicht plüschig, aber sehr vorhanden ist er schon.

In den Kadenzen wirkt Buchbinders Spiel gelegentlich geradezu schroff, was Tschaikowskis Musik gut steht. Sie ist schön genug, aber hier ist sie auch interessant und herausfordernd. Im Halsbrecherischen des Finales zeigt sich erneut die prachtvolle Macht der Geläufigkeit. Es läuft wie am Schnürchen. Der 72-Jährige ist ein Musiker ohne sichtbare Prätentionen, der 65 Jahre alte Gergiev ein unaufgeregterer und modernerer Dirigent, als es die Gazprom-Werbung vor Champions-League-Übertragungen nahelegt. Wie überhaupt eine Kühle über der Darbietung liegt, die dem Programm bekommt.

Nennen wir es also nicht Routine, sondern Erfahrung, und sie führt dazu, dass Tschaikowskis Musik sich ohne Süßlichkeit ausbreiten kann und Dmitri Schostakowitschs 5. Sinfonie ohne problematisches Pathos. Vielmehr zügig und eher niedrig temperiert widmeten sich die Münchner nach der Pause jenem Werk, mit dem sich der Komponist aus Lebensgefahr zu befreien versuchte. Denn im Stalinismus unter den Verdacht zu geraten, subjektivistisch, konstruktivistisch und individualistisch zu komponieren, kurzum nicht „echt“ und nicht „sowjetisch“ (was dasselbe war), bedeutete nicht bloß einen Karriereknick. Die 5. Sinfonie, 1937 geschrieben und uraufgeführt, gilt als Rehabilitationsversuch nach dem fatalen Verdikt. Wie sie jetzt in Frankfurt erklingt, ist allerdings kaum zu begreifen, dass hier irgendjemand „eine optimistische Lösung“, gar eine Apotheose entdecken konnte.

Gergiev arbeitet mit den im Tutti sahnigen und im Einzelnen bravourösen Münchnern das Fahle bedingungslos heraus. Das Moderato ist von eingetrübter Wucht. Die freudlosen Tänze im Allegretto deprimieren Frohnaturen, obwohl es den durchaus tanzbaren Einsprengseln nicht an Schwung und Raffinesse fehlt. Nicht nur hier, auch im Largo ist die Nähe zu Gustav Mahler noch deutlicher als gewohnt. Als unfreundliches Uhrwerk wird der berühmte und berüchtigte Schlusssatz vorangetrieben, hart, böse und genau. Nein, man schaut daraufhin nicht positiv in die gesellschaftliche Zukunft, aber vermutlich wird man Fan der Münchner Philharmoniker.

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