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Ein Schrein und Sex-Sklavinnen

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Staatsbesuch im Oktober 2006: Die Regierrngschefs Chinas und Japans, Wen Jiabao und Shinzo Abe, schritten eine militärische Ehrenformation in Peking ab.
Staatsbesuch im Oktober 2006: Die Regierrngschefs Chinas und Japans, Wen Jiabao und Shinzo Abe, schritten eine militärische Ehrenformation in Peking ab. © ap

"Comfort women" - so werden die von der kaiserlich japanischen Armee im Zweiten Weltkrieg zu Sex-Dienstleistungen gezwungenen Frauen verharmlosend genannt - dass Japans Premier Shinzo Abe erklärt, dass es für Zwang keine Beweise gäbe, beschäftigt die Blogosphäre in Fernost.

Von Oliver Bechmann

Die USA haben die Bemühungen japanischer konservativer und nationalistischer Kreise, die pazifistische Nachkriegsverfassung zu erodieren, nicht ungern geschehen lassen.

Japans neuer Premier, Shinzo Abe, seit rund einem halben Jahr im Amt, nutzt den Windschatten, um Japans bisherige halbherzige Entschuldigungen gegenüber den Sex-Sklavinnen des Zweiten Weltkriegs zurückzunehmen. In der englischsprachigen ostasiatischen Blogosphäre wird vermutet, dass dies ein Versuch ist, das japanische Militär von den Verfehlungen seiner Vorgänger reinzuwaschen - um die Armee, nachwievor noch als jieitai ("Selbstverteidigungsstreitkräfte") tituliert, zu re-etablieren und international einsetzen zu können.

Was wiederum Washingtons Wunsch letztlich entspräche – zumindest will mancher US-Stratege Chinas Aktivitäten mit einer NATO-artigen Allianz einhegen. Aber: "Eine Revision des Artikels 9, vor allem vor dem Hintergrund eines neuen Nationalismusses, könnte Japan in ganz Asien isolieren", schreibt Kerry Collison (Kerry Collison). Und damit ein solches Bündnis ad absurdum führen.

Nach einer anderen kritischen Lesart haben die US-Amerikaner die Büchse der Pandora des japanischen Nationalismusses geöffnet, als sie Japan dazu ermutigten, seine Verteidigungsanstrengungen zu erhöhen (Observing Japan). Manche Blogger sehen Japan - das schon jetzt mit über die größten und bestausgerüsteteten Streitkräfte der Welt verfügt und diese angesichts seines industriellen und technischen Potenzials leicht ausbauen kann - als zukünftige Stellvertreter-Armee im Krieg mit China oder NordKorea: "Derzeit versuchen mächtige Kräfte, das japanische Volk auf eine militärische Konfrontation in Asien vorzubereiten - genau wie Bush das amerikanische Volk auf den Krieg im Irak einstimmte" (World of Wolcott Wheeler).

Ein Blogger und Journalist sieht allerdings auch persönliche Motive im Spiel: Abes "(...) Vater ist ein alteingessener LDP-Mann, sein Großvater mütterlichseits war Minister und wurde als Kriegsverbrecher verurteilt, da in der Unterjochung der Mandschurei beteiligt war" (Frontier International). Indes haben Abes Äußerungen ("Es liegen keine Beweise vor") zu den euphemistisch "comfort women" genannten Zwangsprostituierten aus Korea, China, aber auch Australien, weniger einen Aufschrei provoziert, denn seine fortgesetzten Bemerkungen zu möglichen Besuchen des Yasukuni-Schreins - einem weiteren revisionistischen Symbol.

China allerdings hat auf Abes Äußerungen äußerst defensiv reagiert – sowohl in puncto "comfort women” als auch was Yasukuni-Trips anbelangt. Frei nach dem Motto: Wenn er nach seiner Zeit als Premier Japans dahin geht, ist es uns egal. Dieser sanfte Zungenschlag erklärt sich aus dem für Mitte April geplanten Besuch des chinesischen Premiers Wen Jiabao - der soll in jedem Fall ein Erfolg werden (Cosmos Ringo).

Chinas und Japans wirtschaftliche Verflechtung ist mittlerweile so weit vorangeschritten, dass politischen Säbelrasslern der nationalistischen Flügel ökonomisch mächtige Pragmatiker gegenüberstehen. Japans Handel mit China hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt, dabei sind Millionen Jobs in China entstanden. "Scheint so, dass die chinesische Regierung in jedem Fall die bilateralen Verknüpfungen so weit vorantreiben will, dass sie dem japanischen Regierungschef sogar einen Hinweis gibt, jetzt bloß nichts Dummes vor einem so hohen Staatsbesuch zu sagen": Unterm Strich brauche China japanische Investitionen und Japan den chinesischen Markt (Life In Motion).

Tatsächlich fürchtet mancher Blogger, Abes Äußerungen könnten den Prozess, Japan ohne allzu große Bücklinge vor den südostasiatischen Ländern rehabilitieren bzw. schweigend wieder aufzunehmen, verlangsamen.

Auch in anderen Blogs wird die wenig empörte Haltung auf die wachsende wirtschaftliche Integration Japans mit den umliegenden südasiatischen und südostasiatischen Ländern zurückgeführt, sowie schlichtweg darauf, dass die jeweiligen Staatschefs befürchten, eine öffentliche Debatte um die "comfort women" könne die eigenen patriarchalischen Strukturen nicht unhinterfragt lassen.

Das Verhalten gegenüber den "comfort women" verknüpft eine Bloggerin mit einem ebenso sensiblen Thema - der revisionistischen Geschichtsschreibung in japanischen Schulbüchern: "Die "comfort women"-Frage erinnert mich daran, dass die japanische Regierung in diesem Jahr wieder beschlossen hat, 'sensitives Material' zum 2. Weltkrieg aus den Schulbüchern zu streichen, und Kriegsverbrecher im Yasukuni-Schrein anbetet." (The Muse of princess Rose). Konkret: "Das Erziehungsministerium hat neue Geschichtsbücher bestellt, in denen Passagen getilgt sind, die die Aufforderung der kaiserlichen japanischen Armee an die Zivilbevölkerung Okinawas 1945, Massenselbstmord zu begehen, nicht mehr enthalten." (The New Left).

Gegen dieses Vorgehen haben übrigens der japanische Literatur-Nobelpreisträger Kenzaburo Oe und sein Verlag Iwanami Shoten - einer der wichtigsten Japans - energisch protestiert.

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