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„In den vergangenen Monaten haben wir viel darüber herausgefunden, wie Arbeit zumindest in einem Teil der Berufe ohne Anwesenheitspflicht funktionieren kann.“
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„In den vergangenen Monaten haben wir viel darüber herausgefunden, wie Arbeit zumindest in einem Teil der Berufe ohne Anwesenheitspflicht funktionieren kann.“

Update

Schreiben ohne Ort

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Viele Stipendien für Autoren und Autorinnen sind an ihre Präsenz gebunden. Muss daseigentlich sein?

Am 21. Juni schrieb ich bei Twitter: „Die 80-jährige Bachmannpreisgewinnerin Helga Schubert freut sich, dass der Bewerb im Netz stattgefunden hat und sie nicht nach Klagenfurt reisen musste, weil sie ihren Mann pflegt. Ich hoffe, das verändert was bei Literaturveranstaltungen & Aufenthaltsstipendien.“ Ich hatte der Preisträgerin gerade zugesehen, wie sie in ihrem Haus in Mecklenburg-Vorpommern per Video ein Interview zum Preis gab.

Die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ spielten sich in diesem Jahr zum ersten Mal nur im Netz und im Fernsehen ab. Im ORF-Landesstudio in Klagenfurt arbeiteten nur die Technik und die Moderation. Die Autorinnen und Autoren lasen ihre Texte zu Hause, die Jury wurde für die Diskussion aus den jeweiligen Arbeitszimmern zusammengeschaltet. Ich freute mich, dass ausgerechnet in diesem Jahr eine Frau gewann, der niemand unterstellen konnte, sie finde diese Form der Veranstaltung nur aufgrund ihres Lebensalters gut. Hätte ein 30-jähriger Autor den Preis gewonnen, wäre danach zu lesen gewesen, wie dieser neue Umgang mit Literatur wieder einmal die Jüngeren bevorzuge und die Älteren schlechterstelle.

In den vergangenen Monaten haben wir viel darüber herausgefunden, wie Arbeit zumindest in einem Teil der Berufe ohne Anwesenheitspflicht funktionieren kann. Auch bei der Verlagerung von Konferenzen ins Netz gibt es neue Erkenntnisse. Noch relativ unerforscht ist aber die Frage, warum Autorinnen und Autoren eigentlich so oft ihren Körper an einen Ort transportieren müssen. Eigentlich ist das Schreiben ja eine ideale Remote-Tätigkeit. Trotzdem ist die Veranstaltung in Klagenfurt nur eine von vielen, die zumindest bis 2019 die körperliche Anwesenheit schreibender Menschen erforderten.

Die Autorin Ronja von Rönne hat das seltsame Phänomen des Aufenthaltsstipendiums 2015 in einem Text in der „Welt“ beschrieben. (Er ist sehr lustig, eine Suche nach dem Namen der Autorin und dem Titel „Weg mit den Schriftstellern“ bringt Sie hin.) Darin heißt es: „Ein Beispiel ist das Joseph-Maria-Lutz-Stipendium der Stadt Pfaffenhofen an der Ilm. (...) Der Stipendiat erhält dafür jeden Monat achthundert Euro und muss in Pfaffenhofen an der Ilm wohnen. Tatsächlich steht in der Ausschreibung wortwörtlich: ‚Für die Dauer des Stipendiums besteht Aufenthaltspflicht in Pfaffenhofen.‘ Man bekommt es mit der Angst zu tun bei solchen Ausschreibungen! Was tun die Pfaffenhofener, wenn der Jungliterat doch türmt?“

Der Verdacht liegt nahe, dass ich Aufenthaltsstipendien fragwürdig finde, weil ich noch nie eines bekommen habe. Ich habe mich allerdings auch noch nie um eines beworben, und sie springen einen selten aus dem Hinterhalt an. Falls das doch einmal geschähe, würde ich zusagen, denn ein Ortswechsel bringt für mich keinerlei Probleme mit sich. Ich pflege keinen 95-jährigen Ehemann wie Helga Schubert, ich habe keine Kinder, keine Haustiere, es gibt nicht einmal eine Topfpflanze, die ich gießen müsste. Fast alle Aufenthaltsstipendien sowie ein Großteil der anderen Einladungen rund um das Schreiben sind für Menschen wie mich gemacht. Für diejenigen, die Sorgearbeit leisten, sind sie schwerer mit dem Alltag zu vereinbaren.

Mir ist nicht klar, wie es dazu gekommen ist, dass Aufenthaltsstipendien für Schreibende eine so übliche Form der Förderung werden konnten. In einer Parallelwelt, in der sie nicht existieren, wäre schwer zu begründen, warum sie eingeführt werden sollten. Vielleicht will man den Schreibenden Ruhe für ihre Arbeit verschaffen – aber ginge das nicht einfacher mit Geld, von dem sie sich einen Babysitter oder einen Schreibtisch in einem stillen Büro leisten können? Geht man womöglich davon aus, dass diese kreativen Kreaturen Bargeld nur sinnlos verjuxen würden, alles für Eis mit Sahne ausgeben? Sind Aufenthaltsstipendien für Schreibende also so etwas wie Lebensmittelgutscheine für Arme, ein Erziehungsversuch? Oder entstehen Aufenthaltsstipendien aus dem Vorhandensein von Immobilien, über die irgendwann einmal ein Stadtrat gesagt hat: „Ich weiß! Daraus machen wir ein Künstlerhaus!“? Lässt sich Geld für Kreative schwerer bewilligen als Sachleistungen, weil die Sachleistungen aus einem anderen Etat kommen und „Unterhalt der Villa Schnargenbroich“ im Jahresbericht besser aussieht als „Wir haben irgendwelchen Gestalten einfach Geld gegeben“?

Wenn man anwesenheitslose Alternativen finden wollte, müsste man erst einmal herausfinden, was die eigentlichen – und eventuell bisher unausgesprochenen – Interessen aller Beteiligten sind. Ich glaube, für die Schreibenden kann ich das schon mal beantworten: Wir freuen uns am meisten über Geld. Geld ist für Menschen mit Ehemännern, Kindern und Topfpflanzen exakt so nützlich wie für solche ohne. Und wenn wir einmal herausfinden wollen, wie es in Tokio oder in Pfaffenhofen an der Ilm ist, dann fahren wir da einfach hin von unserem Geld. So wie andere Leute auch.

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