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Täglich Tausende sind äußert angetan von der 1989 eröffneten Pyramide, die Ieoh Ming Pei im Hof des Pariser Louvre baute.

Ieoh Ming Pei

Der Schöpfer der Louvre-Pyramide

Ieoh Ming Pei, der in China geborene amerikanische Architekt, feiert seinen 100. Geburtstag.

Von Nikolaus Bernau

Manchmal überwältigt ein Werk so sehr, dass alle anderen Arbeiten in den Schatten gestellt werden. So erging es sogar dem amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei, der heute seinen 100. Geburtstag feiern kann. Er hat mehr als 200 zum Teil gewaltige Bauten in einer mehr als sechzig Jahre umfassenden Karriere entworfen, in Nordamerika, Europa und Asien. Manche davon sind, wie das Kennedy-Center in Boston, die Erweiterung der National Gallery in Washington oder der aus lauter Dreiecken zusammengefügte Turm der Bank of China in Hongkong, Marksteine für die Entwicklung der jeweiligen Bautypen Bibliothek, Museum und Bürohochhaus geworden.

Doch ein Werk überstrahlt sie alle: die Pyramide. Der 1989 eröffnete Eingang zur unterirdischen Eingangshalle des Grand Louvre ist längst zu einem Pariser Wahrzeichen geworden, das bis in Trivialromane und Thrillerfilme hinein zu einem Symbol der Popkultur wurde. Heute sind wir vorsichtiger und denkmalpflegerisch wohl auch klüger geworden. Vermutlich hätte dieser plakative Vorschlag keine Chance mehr, realisiert zu werden. Auch zu Beginn der 80er Jahre bedurfte es der brachial ausgeübten Macht des damaligen Präsidenten François Mitterrand, um dieses „Grande Project“ durchzusetzen.

Die Zeitumstände mit dem damals noch attraktiven Machbarkeits-Optimismus der Nachkriegszeit kamen Peis Idee zugute. Und es war jenes Erfolgsmodell, für das Pei schon seit 1968 mit dem Entwurf für die National Gallery in Washington focht: Riesige öffentliche Räume mit dramatischen architektonischen Perspektiven sollten für Aufmerksamkeit sorgen und ein neues Publikum in die oft etwas verträumte Institution Museum holen.

Die im Boden bis dahin geschützte Stadtgeschichte von Paris wurde dafür fast vollständig geopfert und der Louvre zu einem Touristenhotspot umgewandelt, in den kaum noch ein Pariser freiwillig geht. Doch das neue Museumsmodell übte für ein Jahrzehnt – bis jede entschiedene Bildungsidee dem schieren Verkehrsmanagement unterworfen werden musste – auch in Deutschland großen Einfluss aus: Der Radikalumbau des Berliner Pergamonmuseums, die Errichtung des Eingangsbaus zur Museumsinsel sind ohne das Vorbild von Peis Grand Louvre nicht zu denken.

Dabei scheint diese große Geste und die Orientierung auf unkritischen Kunst-Konsum durchaus im Kontrast zu stehen mit dem sorgfältig über Jahrzehnte aufgebauten Bild und Selbstbild Peis. 1917 wurde er im chinesischen Guangzhou in eine bürgerlich-wohlständige Familie hineingeboren, wuchs in Schanghai auf, ging 1935 in die USA und studierte Architektur an einer Hochschule, die noch ganz den traditionellen Lehren der Pariser Ecole des Beaux Arts verpflichtet war. Eine ästhetische Disziplinierung, die bis heute wirkt, auch wenn Pei als seine Lehrer die aus Deutschland von den Nazis vertriebenen Bauhaus-Künstler Walter Gropius oder Marcel Breuer angibt. 1955, nach langer Studienzeit, Heirat, Wehrdienst im Krieg gegen Deutschland und Japan und ersten Arbeiten in einem klassischen Großbüro, nahm Pei die amerikanische Staatsbürgerschaft an und gründete sein eigenes Büro. 1990 schied er als dessen Prinzipal aus, blieb aber künstlerischer Berater des von seinen Söhnen geführten Unternehmens.

Immer wieder hat Pei – der gerne über seine Arbeit, aber kaum über sein Privatleben spricht – seine strikte Verankerung in den Traditionen der Klassischen Moderne betont, mit der Lust an großen Formen, glatten Wänden und kreativen Baukonstruktionen. Doch immer wieder sucht er auch nach Orientierung in der älteren Geschichte: Das Museum für Islamische Kunst in Katar etwa zeigt, wie fein er versucht, eine radikal abstrahierte, eine geradezu kondensierte „islamisch“ wirkende Moderne zu entwickeln. In ihr verschmelzen Erinnerungen an die streng geometrischen Großbauten Kairos aus der Zeit der Fatimiden-Sultane mit der unter den Mogul-Kaisern Nordindiens gepflegten Lust am Spiel von Licht und Schatten sowie exquisiten Materialien.

Oft kommt er in seinen Bauten auch auf die Erinnerungen an das alte China zurück, von dem er tief geprägt worden sei. Unweit der quirligen, von Kolonialarchitektur tief geprägten Stadt Schanghai liegt das heute von Millionen von Touristen heimgesuchte Suzhou, das Venedig Chinas. Die dicht gedrängten Hofhäuser und poetischen Gärten der Ming-Gelehrten waren in den 20er und 30er Jahren ein Idyll, in dem seine Verwandten lebten. Als Pei für diese Stadt ein Museum entwarf, wurde das auch als Heimkehr gefeiert.

Aber Pei war eben auch, spätestens, seitdem Jacqueline Kennedy ihn für den Entwurf der Nachlassbibliothek ihres ermordeten Mannes auswählte, einer der Oberschichten-Architekten der USA. Er prägte das Bild ihrer offiziellen Architektur zwischen den 70er und 90er Jahren wesentlich mit. Der nette Anbau an das Deutsche Historische Museum in Berlin, zu dem Helmut Kohl höchstselbst Pei überredete, ist im Vergleich zu all den großen Kongresszentren, Museen, Bürohäusern eher eine Fingerübung geblieben. Ein kleiner Bau, nicht immer funktional, der aber mit seinem weiten Foyer, den luftig schwebenden Brücken, dem großen, runden Mondtor und den hinreißend zarten Betonoberflächen von einer Kunst zeugt, die nicht zuletzt durch ihre immense Selbstdisziplin beeindruckt.

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