+
Der Aufkleber auf dem nackten Oberkörper gegen Hassreden tat auf der Demonstration offensichtlich seine Wirkung.

Demo Unteilbar

Schönheit, Freiheit und Spiel

  • schließen

Subjektive Betrachtungen zu der Berliner Großdemonstration "Unteilbar" - die Möglichkeiten und Räume eröffnete statt sie einzuschränken.

Den jungen Mann auf unserem Foto sah ich vergangenen Samstag auf der großen „Unteilbar“-Demonstration in Berlin. Er überragte alle in seiner Nähe und überreichte freundlich von oben herab Sticker und Aufkleber gegen Hassreden. Das Foto rückt zusammen, was nicht zusammengehört. Er demonstrierte nicht bei der Linken, sondern bei den Schwulen und Lesben. Nur dort gibt es so viel Körpereinsatz.

„Nicht zusammengehört“ ist nicht richtig. Schließlich haben an die fünfhundert sehr unterschiedliche Organisationen bei dieser Demonstration mitgemacht. Ich sah eine junge Frau mit einem T-Shirt, auf dem waren die Profile von Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao Zedong abgebildet und darunter stand die Zeile „Schluss mit dem Antikommunismus“. Oder doch ein „nieder“? 

Eine einzige, große Party  

Ein Dutzend Demonstranten trug dunkle Anzüge und hielt Schilder in die Höhe, auf denen stand wie getuscht: „Ich habe ‚Das Kapital‘ gelesen“ oder „Ich bin auch nicht meiner Meinung“. Auf dem Rucksack einer jungen Frau entdeckte ich den Spruch: „The only good system is a soundsystem“. In meiner grenzenlosen Ahnungslosigkeit hielt ich diese Reggae-Parole für einen genialen Slogan von Sony. 

Ich sah auch GEW, Jusos, SPD und Grüne, also zum Beispiel Jürgen Trittin und Thomas Krüger von der Bundeszentrale für politische Bildung. Drei Stunden stand ich am Berliner Alexanderplatz und sah mir an, wer alles mitmachte. Es war eine einzige, große Party. Ich habe keine Neunzigjährigen gesehen, aber es waren sehr viele Alte, sehr viele Junge dabei. Die Bundesrepublik war auf den Beinen.

Nicht jeder wusste, was dem Anderen wichtig war. Zum Beispiel forderte ein Lautsprecher: „Die Leute, die hier Deutschlandfahnen schwenken, sollen das lassen. Sie haben nicht verstanden, worum es hier geht.“ Ich denke, der Lautsprecher hatte nicht verstanden. Es ging am Samstag nicht um „Nie wieder Deutschland!“ Im Gegenteil: Es ging um möglichst viel Deutschland. Vielleicht wurden die Deutschlandfahnen von Menschen geschwenkt, die von Ausweisung bedroht waren, denen also der Staat Deutschland nehmen wollte. Die Botschaft der Demonstration war: Die gehören dazu. Wir brauchen sie.

Schon vor fünfzig Jahren war ich bei Demonstrationen gegen Fremdenfeindlichkeit. Diese Demo, so schön sie ist, vermittelt einem auch das Gefühl der Vergeblichkeit so mancher Anstrengung. Aber die Demo war zu lustig, zu abwechslungsreich, als dass ich lange so trüben Gedanken nachhängen konnte. 

Plötzlich fielen mir Bilder von Neo-Nazi-Aufmärschen, von Pegida-Demonstrationen, von AfD-Veranstaltungen ein. Ich erinnerte mich an muskelbepackte, tätowierte rechtsradikale Skins. Sie verbreiten Angst. Genau das wollen sie. Dazu sind sie da. Sie demonstrieren: Wir machen Euch fertig. 

Gemeinschaft der Schwachen 

Sehen Sie sich dagegen den jungen Demonstranten auf dem Foto an. Er droht nicht. So groß er ist, so sehr er sich aufblähen könnte, er zeigt seine Verletzlichkeit. So erinnert er uns an unsere eigene. Er demonstriert uns auch, wie die Welt aussieht, in der wir leben wollen: Eine Welt, in der niemand das Gefühl hat, sich mit dicken Lederjacken und Springerstiefeln wappnen zu müssen. Eine Welt, in der niemand Ausschau hält nach Leuten, die er zusammenschlagen kann unter dem Vorwand, er müsse das tun, sonst würde er von ihnen zusammengeschlagen. Dieser schmale, lange, nackte Oberkörper steht für eine Welt, in der wir Schwachen schwach sein können, weil wir uns geschützt wissen nicht von wenigen zu allem entschlossenen Schlägern, sondern in der Gemeinschaft der sich gegenseitig stützenden Schwachen. 

Das schoss mir so durch den Kopf und inzwischen ist mir nichts Klügeres eingefallen. Doch, ein Gedanke kam in den Tagen nach der Demonstration noch hinzu: Es gab keinen schwarzen Block. Jene vermummten Trupps fehlten, die – oft mit Baseball-Schlägern bewaffnet – jeden Auflauf nur als Anlass sehen, ihrer Rauflust, ihrer durchknallenden Aggressivität wieder mal freie Bahn zu verschaffen. Die Idee, sich selbst als Kämpfer zu sehen, der nur im Kampf seiner Sache nutzen und nur durch die Niederschlagung des Anderen sich stark fühlen kann, hatte auf dieser Demonstration keinen Ort. Den Veranstaltern sei gedankt! 

Eine Demonstration für die Vielfalt 

Ich weiß nicht, ob man sich in den Vorbereitungssitzungen die Schädel eingeschlagen hatte bei der Auseinandersetzung um den richtigen Weg. Wie ist es gelungen, den schwarzen Block draußen zu halten? Wie lässt sich das wiederholen? Wir wollen nicht, dass linke und rechte schwarze Blöcke sich Straßenschlachten liefern, bei denen sie die Bevölkerung zwischen sich zerreiben. Die Berliner Demonstration hat gezeigt, dass eine Viertel Million Menschen demonstrieren kann, als seien keine Schläger, keine Täter unter ihnen. Selbst Taschendiebe scheint es an diesem Nachmittag kaum gegeben zu haben. Die Gesetze der Massenpsychologie wurden für ein paar Stunden außer Kraft gesetzt. Wie war das möglich? Wie kann man das machen?

Der Aufkleber gegen Hassreden hatte wohl auch seine Wirkung getan. Es war keine Demonstration gegen etwas, sondern eine für die Vielfalt, für das Bunte, für das Zulassen vieler verschiedener Wege. Das wirkte belebend auf alle, die dort waren. Es gab ein Gefühl der Freiheit.

Das hat eine große Kraft. Der man leicht erliegt. Die einen leicht auch täuscht über die Lage.

Schönheit wird unterschätzt. Immer und überall. Aber nirgends so sehr wie in der Politik. In den Zeitungen redet man gerne von der Attraktivität oder dem Mangel an Attraktivität der Politiker.

Von dieser persönlichen Schönheit spreche ich nicht. Sie spielt ab und zu einmal eine Rolle, man nehme den Erfolg Macrons, in Wahrheit geht es aber bei der Schönheit in der Politik um etwas ganz Anderes. 

Politik, die Räume öffnet 

Schön ist, was uns das Gefühl der Freiheit vermittelt. Zwanglosigkeit ist die Voraussetzung der Empfindung des Schönen und darum ist die Ungezwungenheit schon eine erste Stufe auf dem Wege dorthin. Die Politik, die sich als einzige Möglichkeit darstellt, hat schon verloren. Politik, die Räume öffnet, in denen man sich bewegen und das für sich Richtige finden kann, gibt uns eine Zukunft und darum hat sie auch eine.

Solange die Kanzlerin, was sie tut, sich als alternativlos darstellt, zeigt sie sich als Gefangene in einer Zwangslage und sie verlangt von uns, dass wir uns in dieselbe begeben. Das ist eine radikal unkluge Politik. Jeder wird versuchen, Alternativen zu finden, Auswege aus der diagnostizierten Einbahnstraße.

Eine Demonstration ohne Erwartungsdruck 

Die Demonstration am Samstag hätte sich darstellen können als einen Weck-, einen Bußruf in letzter Minute. Ich war dem erlegen, als ich auf den Alexanderplatz kam und einem Kollegen, den ich zufällig dort traf, erklärte: Wenn weniger als einhunderttausend kommen, dann wandere ich aus. Das war das Gefühl: Es muss etwas geschehen. Natürlich muss etwas geschehen. Aber es ist falsch, es einzufordern. 

Am Abend der Demonstration sah ich im Fernsehen Patrick Lange. Er hatte auf Hawai den Ironman-WM-Titel gewonnen und auf die Frage: Wie haben Sie das geschafft? antwortete er, der immerhin Titelverteidiger war: „Ich nahm mir vor, Zehnter zu werden. So nahm ich den Druck raus. Unter Druck bringe ich nicht meine Höchstleistung.“

Genau das hatte ich ein paar Stunden auf der Demonstration erlebt. Es ging dort nicht darum, den Faschismus zu schlagen. Niemand schien darauf angewiesen, dass das eine Riesendemonstration werden würde. Niemand schien darauf angewiesen, hier unbedingt seine Heilslehre verbreiten zu müssen. Aber alle schienen dafür zu sein, dass niemand verfolgt und ausgegrenzt wird. Nur ganz Wenige trugen das als Parole vor sich her. Den meisten schien es selbstverständlich zu sein. Wenigstens an diesem Samstagnachmittag. 

Die Schönheit des Politischen

Hier war für ein paar Stunden die Schönheit des Politischen zu sehen, denn es war ein Raum entstanden, in dem man sich zeigen konnte, wie man war oder doch so frei, so großherzig, und lässig, wie man gerne wäre. Wir werden womöglich eine Weile an die Euphorie dieser Stunden denken und uns überlegen, die Politik danach zu beurteilen, ob sie uns frei und schön macht.

Und damit auch effizient. Vielleicht hat nicht der Begründer des Taylorismus, Frederick Winslow Taylor, recht sondern Patrick Lange. Er plädiert ja nicht dafür, sich nicht anzustrengen, nicht hart zu trainieren. Er weiß nur von sich, dass er besser trainiert, wenn es ihm gelingt, sich davon zu überzeugen, dass es nicht um alles geht.

Wenn das schon im Sport gilt, wie wichtig ist es dann erst, wenn es Ernst wird?  Je ernster die Lage ist, desto wichtiger ist es, ihr nicht auf den Leim zu gehen, sondern sie aus der Distanz, aus verschiedenen Distanzen zu sehen. Je ernster die Lage, das konnte man auf der Demonstration des vergangenen Samstag sehen, desto spielerischer muss sie genommen werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion