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Was mag darinnen sein? Ein Paket von Westdeutschen für ihre Verwandschaft in der DDR aus dem Jahr 1985.
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Was mag darinnen sein? Ein Paket von Westdeutschen für ihre Verwandschaft in der DDR aus dem Jahr 1985.

Unboxing

Die Schönheit des Auspackens

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Auf einer Tagung in Potsdam erörtern Kultur- und Naturwissenschaftler das Verhältnis von "Wahrheit und Schönheit".

Vergangenen Mittwoch bis vergangenen Freitag hatte Susan Neiman anlässlich des 25-jährigen Bestehens des von ihr geleiteten Einstein Forums in Potsdam zu einer englischsprachigen Tagung zum Thema „Wahrheit und Schönheit“ geladen. Kultur- und Naturwissenschaftler beantworteten Fragen wie diese: Ist Schönheit ein Kriterium der Wahrheit – oder nur ein Mittel, die Komplexität der Realität zu reduzieren? 

Sind Wahrheiten nicht oft sogar hässlich? Sind solche Überlegungen ganz einfach anachronistisch, unbrauchbar in einer halt- und stillosen Gegenwart? Ich konnte leider nur Donnerstag kommen. Da hatte nicht nur die Gastgeberin ihren Vortrag schon gehalten, sondern auch David Shulman, Indologe und Friedensaktivist aus Jerusalem, hatte bereits über „Die Landschaften von Wahrheit und Schönheit“ gesprochen und Sander Gilman, einer der berühmtesten – lassen sie ihn mich so nennen – „Körperhistoriker“ hatte bereits erklärt: Schönheit ist nicht Wahrheit, ist nicht einmal Schönheit. Und am Freitag konnte ich u.a. leider nicht mehr hören, was die frisch ernannte Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Bundhandels, Aleida Assmann, über Karl Jaspers und John Milton ausführte, noch was die von mir geradezu geliebte amerikanische Indologin Wendy Doniger „Über die Schönheit von Juwelen und die Falschheit der Frauen in europäischen Erzählungen“ sagte.

Thomas Naumann, Elementarteilchenphysiker am CERN, belegte in einer tour de force eindrucksvoll, wie von Kepler bis Einstein Physiker immer wieder der Schönheit einer Formel erlagen. Oder nur mühsam – wie Kepler – sich von der Schönheit der Kreisbahn der Planeten zur Wahrheit der Ellipse durchringen konnten. Naumann zitierte die berühmte Passage aus einem Gespräch, das Werner Heisenberg 1926 mit Albert Einstein führte. Einstein fragte ihn: „Warum glauben Sie eigentlich so fest an Ihre Theorie, wenn doch so viele und zentrale Fragen noch völlig ungeklärt sind?“ Der damals 25jährige Heisenberg antwortete ihm – jedenfalls erzählt er das so in seinem 1969 erschienenen Buch „Der Teil und das Ganze“: „Ich glaube ebenso wie sie, dass die Einfachheit der Naturgesetze einen objektiven Charakter hat, dass es sich nicht nur um Denkökonomie handelt. Wenn man durch die Natur auf mathematische Formen von großer Einfachheit und Schönheit geführt wird – mit Formen meine ich hier: geschlossene Systeme von grundlegenden Annahmen, Axiomen und dergleichen – auf Formen, die bis dahin noch von niemandem ausgedacht worden sind, so kann man nicht umhin zu glauben, dass sie ‚wahr‘ sind, das heißt, dass sie einen echten Zug der Natur darstellen… Sie können mir vorwerfen, dass ich hier ein ästhetisches Wahrheitskriterium verwende, indem ich von Einfachheit und Schönheit spreche. Aber ich muss zugeben, dass für mich von der Einfachheit und Schönheit des mathematischen Schemas, das uns hier von der Natur suggeriert worden ist, eine ganz große Überzeugungskraft ausgeht.“ 

Naumann zitierte auch den britischen Quantenphysiker Paul Dirac mit dem Satz: „Es ist wichtiger eine schöne Gleichung zu haben, als ein stimmiges Experiment.“ Naumann, der natürlich aufblickt zu diesen großen Geistern, ohne die die moderne Physik unvorstellbar wäre, ließ allerdings keinen Zweifel daran übrig, dass er von dieser Art, wissenschaftliche Forschung zu betreiben, nicht viel hielt. Das schienen in seinen Augen Genies, die ihre eigene Arbeit nicht verstanden. Oder vielleicht die hehren Begriffe Wahrheit und Schönheit als Aufputschmittel brauchten. 

Jens Reich, einst Bürgerrechtler und inzwischen seit mehr als einem halben Jahrhundert Molekularbiologe hatte dem Wahren und Schönen noch das Gute hinzugefügt und seine Studenten nach dieser klassischen Trias befragt. „Das Gute“, hatten sie, so berichtete Reich, „wurde sofort bei Seite geschoben: ‚Damit haben wir nichts zu tun‘.“ 

Reich bedauerte das. Angesichts der beängstigenden Anwendungsmöglichkeiten der Ergebnisse der Biochemie wäre es doch nötig, darauf zu achten, welche gut und welche schlecht wären. Man könne nicht einfach seinen Job machen und hoffen, dass nichts Schlimmes daraus hervorginge. Bei Schönheit, hätten die Studenten nur aufgelacht. Die dürfe natürlich kein Kriterium sein. „Wahrheit“ ginge noch, aber das sei doch ein philosophisch überfrachteter Begriff, mit dem man in der Forschung nicht arbeiten könne. Reich skizzierte kurz den Weg der Biologie von der Naturbetrachtung über das Experiment zur Molekularbiologie. Seit der Doppelhelix, so erklärte er, wissen wir: „Das Leben ist ein reichlich tollpatschiges Alphabet.“ Als in der Diskussion eingewandt wurde, gerade die Doppelhelix sei doch schön, da weiteten sich Reichs Augen und er schien sehr verblüfft, dass man auf diese Idee kommen könnte. „Wir haben es inzwischen in der Molekularbiologe mit Vorgängen zu tun, in denen die Beziehung von Ursache und Wirkung verschwindet. Hier geht es um Big Data, um Statistik. Da ist kein Platz für Wahrheit und Schönheit.

Auch Lisa Randall, eine der bekanntesten Teilchenforscherin der Welt, sah keinen Sinn in den beiden Begriffen. Wo ist die Schönheit bei berstenden Teilchen, die nur ein paar Millisekunden existieren? Wo ist die Wahrheit, wenn es um Statistik geht? Lisa Randall ist theoretische Physikerin. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Bildung von Modellen, bei denen es nicht um wahr oder falsch geht, sondern darum, ob sie konsistent sind. Sie müssen aber gleichzeitig detailliert genug sein, um möglichst viele Experimente zu ermöglichen, sodass man schnell weiterkommt und weiß, ob man das Modell weglegen oder weiter mit ihm arbeiten kann. An dieser Stelle wird dem einen oder anderen Teilnehmer der Tagung wieder Heisenberg eingefallen sein, der in dem von Naumann zitierten Gespräch auch gesagt hatte: „Die Einfachheit des mathematischen Schemas hat hier außerdem zur Folge, dass es möglich sein muss, sich viele Experimente auszudenken,bei denen man das Ergebnis nach der Theorie mit großer Genauigkeit vorausberechnen kann.“

Dass die Naturwissenschaftler derzeit nicht viel anfangen können mit Wahrheit und Schönheit, verblüffte nicht wirklich. Aber auch die israelische Soziologin Eva Illouz und der Hamburger Professor für Neuere Deutsche Literatur, Jan Philipp Reemtsma, nahmen den Hörern jeden Glauben ans Schöne und Wahre. Eva Illouz erzählte von vorgeblichen Holocaustopfern, deren von Kritik und Publikum bejubelten „Tatsachenberichte“ sich als Romane herausstellten und von einer japanischen Agentur, bei der man eine Ehefrau oder gar auch Kinder dazu mieten kann. Ehefrau, Kinder und natürlich auch der Mieter wissen, dass alles falsch ist. Gerade die Fiktion aber, so führte Illouz aus, gebe dem fingierten Paar die Möglichkeit, ehrlicher mit einander zu reden, als ein wahres das kann. Dennoch oder vielleicht auch gerade darum fühlt sich nach einer Weile, so wird berichtet, alles sehr echt an. Ja sogar angenehmer als im wirklichen Leben, denn es lässt sich ja keiner gehen. Keiner legt Wert darauf, der zu sein, der er ist. Jeder spielt eine Rolle, für die er bezahlt oder bezahlt wird. Illouz wusste nicht, ob es Paare gab, die den Sprung aus der Welt des schönen Scheins in die der wirklichen Ehe gewagt hatten. Der Leser fühlt sich betrogen, wenn der Erzähler behauptet, von einem Erlebnis zu sprechen, das er aber in Wahrheit niemals erlebt hat. Er ist aber weniger dem Erzähler als seinem eigenen Gefühl der Wahrheit auf den Leim gegangen. Wir wissen inzwischen: Ob ich etwas erlebe oder nur zuschaue – es reagieren dieselben Nervenzellen. Davon leben die Kunst, die japanische Agentur, das Showbusiness und sogar Ihre Tageszeitung.

Wendy Doniger erinnerte in der anschließenden Diskussion an den zentralen Begriff der indischen Ästhetik „Rasa“ („Stimmung“). Es geht dabei um jenen Zustand der Freude und Erfüllung, der sich beim Genuss eines gelungenen Kunstwerkes beim Betrachter einstellt. Schon die Sanskrit-Philologen debattierten das Phänomen, dass in Literatur und Tanz abgebildetes Geschehen die gleichen Empfindungen weckt wie die wirklichen Handlungen. Man kann da noch einmal auf Heisenberg verweisen, der zu Einstein sagte: „Sie müssen das doch auch erlebt haben, dass man fast erschrickt vor der Einfachheit und Geschlossenheit der Zusammenhänge, die die Natur auf einmal vor einem ausbreitet und auf die man so gar nicht vorbereitet war.“ Heisenberg beschreibt ein ästhetisches Erleben der Welt, wie die Rasa-Lehrer es an den Produkten der Kunst analysierten und lehrten.

Der fulminante Abschluss des Donnerstags war der Vortrag von Jan Philipp Reemtsma. Ein „Unboxing Truth“ (Die Wahrheit auspacken) nannte er seinen Vortrag, der erst einmal klarmachte, dass Alfred Tarski, wohl im selben Jahr geboren wie Heisenberg, das Wahrheitsproblem radikal entsorgte. Wahrheit gilt in Sätzen. Von denen führt kein Weg in die Welt der Tatsachen. Die alte Gleichung „Veritas est adaequatio intellectus et rei“ (Wahrheit ist die Übereinstimmung von erkennendem Verstand und Sache) gibt es nicht mehr. Der Transfer findet nicht statt. Reemtsma ließ dann eine Reise durch Literatur und Kunst folgen, bei der es darum ging, dass die Wahrheit sich verbirgt, dass sie enthüllt werden muss, um sich zu zeigen. In ihrer Schönheit. In der europäischen Kunstgeschichte ist die nuda veritas eine nackte, idealschöne Frau. Egon Schieles „Nackte Wahrheit“ streckt dem Betrachter Brüste und Geschlecht entgegen. Der Bauch ist verhüllt und der Kitzler.

Dann wird aus dem Vortrag eine Performance. Reemtsma holt ein Überraschungsei heraus, öffnet es wie ein Zauberer auf einer Bühne es täte und holt heraus, was drin steckt. „Ist das die Wahrheit?“ Unsere Enkel, macht er uns klar, stehen wie das Überraschungsei in der uralten europäischen Tradition des gespannten Auspackens, von dem ja auch Heisenberg zu berichten wusste. Sie schauen sich milliardenfach Videos an, die zu Millionen weltweit ins Netz gestellt werden, die nichts zeigen, als jemanden, der ein Paket auspackt. 

Und es gibt im Netz millionenfach Lessings, die sich mehr für die Suche nach der Wahrheit als für diese selbst interessieren und sich darum mit dem Auspacken leerer Schachteln nein, nicht zufrieden geben, sondern sich gerade daran erfreuen. 

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