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Schöner warten

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Ich kann in der Bahn so gut arbeiten wie am Schreibtisch in Berlin, mangels Ablenkungen vielleicht sogar besser.

Um 2009 muss mir zum ersten Mal aufgefallen sein, dass sich am Vorgang des Wartens etwas geändert hat. Damals schrieb ich in einem gemeinsam mit Holm Friebe verfassten Text über Pufferzonen: „Vielleicht hat das Warten in Zeiten des Smartphones aber ohnehin seinen Schrecken verloren. Wer im Wartezimmer auf seinem iPhone ‚Monkey Island‘ spielen kann, anstatt in ‚Schöner Wohnen‘-Lesezirkelausgaben von 1996 zu blättern, wird das Ende der Wartezeit vielleicht gar nicht so dringend herbeisehnen.“

Ein Jahr später hatte ich dann selbst so ein Wartehilfsgerät. Es war kein iPhone, und ich habe nie Monkey Island darauf gespielt, aber ich hörte schnell auf, mich über Schlangen in der Postfiliale zu ärgern. Stattdessen freute ich mich über die Gelegenheit, zwanzig Minuten Twitter oder ein E-Book zu lesen.

Womit ich 2009 nicht gerechnet habe: Das Warten verändert seinen Charakter auch dort, wo man viele Stunden damit beschäftigt war. Ich merke das zum ersten Mal, als ich ab 2014 öfter in der Schweiz zu tun habe. In den ersten zwei Jahren gibt es für mich auf der Bahnstrecke Berlin–Zürich wenig bis gar kein mobiles Internet. Dann wird meine Mutter T-Online-Kundin und ich gelange mit ihren Zugangsdaten gratis in den kostenpflichtigen Hotspot im Zug.

Kurze Zeit später führt die Bahn halbwegs funktionierendes kostenloses WLAN für alle Fahrgäste ein. Seit 2017 kann ich auf der achtstündigen Bahnfahrt ungefähr so gut arbeiten wie an meinem Schreibtisch in Berlin, in Ermangelung von Ablenkungen vielleicht sogar etwas besser. Es kommt immer öfter vor, dass ich in Basel von der Arbeit aufschaue und „Wie, nur noch eine Stunde, aber ich habe doch noch so viel vor!“ denke.

Seitdem betrachte ich lange Bahnfahrten so wie einige Jahre zuvor das Schlangestehen auf der Post: nicht mehr als Problem, sondern als Fortsetzung meiner normalen Tätigkeiten an einem anderen Ort. Längere Strecken eignen sich dafür sogar besser als kürzere. Auf einer kurzen Bahnfahrt, zum Beispiel Berlin-Hamburg, muss man ja erst mal schlafen und ist dann schon fast da. Beim Fliegen kommt man sowieso zu nichts, es dauert nicht lang genug, man wird ständig gestört und hat selbst für einen kleinen Laptop viel zu wenig Platz. Nur in eine richtig lange Bahnfahrt passt bequem ein ganzer Arbeitstag.

2018 unterhalte ich mich mit einer Freundin darüber, dass ich wegen meiner Fernbeziehung alle paar Wochen nach Schottland fliege und deshalb womöglich schuld am Klimawandel bin. „Wenn Geld keine Rolle spielen würde, würdest du es dann anders machen?“, fragt sie. „Klar“, sage ich ohne zu zögern, „Reisezeit ist ja egal geworden, seit es Internet von Haustür zu Haustür gibt.“

Mein Flugreisenproblem lässt sich also in zwei Probleme zerlegen – Reisezeit und Preis –, und eins davon ist gar keines mehr. Das andere, wie sich herausstellt, auch nicht, denn die Fährverbindung ist billiger, als ich dachte, und vor allem sind eine Dusche und ein Bett im Preis inbegriffen. Ein Verkehrsmittel, das ein Bett enthält, ist ein Verkehrsmittel für mich!

Ich schreibe diese Kolumne an Bord der Fähre von Amsterdam nach Newcastle, an einem Tisch mit ausgezeichneter Kaffeeversorgung und attraktivem Blick auf die Nordsee. Die Zugfahrt von Berlin nach Amsterdam hat sechs Stunden gedauert, die Schiffsüberfahrt dauert 17 Stunden, und morgen werde ich noch einmal ein paar Stunden im Zug verbringen. Was vor ein paar Jahren noch langweilig und unpraktisch gewesen wäre, ist jetzt zu einer Abfolge bequemer Arbeitsplätze mit Steckdosen, WLAN und Aussicht geworden.

Mir ist klar, dass diese Arbeitsweise sich nicht für alle eignet. Wenn ich Familie oder einen Beruf hätte, der meine Anwesenheit an einem bestimmten Ort erfordert, wäre die Reisezeit zwar vielleicht keine Wartezeit, aber doch am falschen Ort verbracht. Ich glaube aber nicht, dass diese Veränderung ausschließlich kinderlose Gestalten mit zweifelhaften Berufen betrifft. Zumindest neigen Veränderungen dazu, sich ausgehend von dieser Gruppe später auch im Rest der Welt zu verbreiten.

Im Zusammenhang mit Urlaubsreisen wird in den letzten Jahren häufig der Trend „Slow Travel“ genannt. Dabei geht es überraschend wenig um die Reisegeschwindigkeit. „Slow Travel“ scheint vor allem irgendwas mit mehr Entspannung und weniger Programmpunkten zu bedeuten.

Es scheint mir aber eine passende Erweiterung des Konzepts, dass man dabei langsam ans Ziel kommt. Ich lege mich mal ins Bett und denke bis Newcastle noch ein bisschen darüber nach.

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