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Schluss mit der Tyrannei des Mannes

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Von: Arno Widmann

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20. Juli 1923: Ein Lebendes Bild in Seneca Falls erinnert an an die „Declaration of Rights and Sentiments“.
20. Juli 1923: Ein Lebendes Bild in Seneca Falls erinnert an an die „Declaration of Rights and Sentiments“. © picture alliance / Everett Colle

Am 19. und 20. Juli 1848 treffen sich in Seneca Falls etwa 300 Menschen zur ersten Frauenrechtskonferenz der US-Geschichte. Sie verabschiedet die „Declaration of Rights and Sentiments“.

Elf Uhr, 19. Juli 1848 in dem kleinen Ort Seneca Falls im Staat New York. Einige Damen, die sich aus ihren Kämpfen gegen die Sklaverei kannten, hatten für diesen Tag zu einem Treffen eingeladen, auf dem eine Resolution verabschiedet werden sollte, die die gesellschaftliche und die politische Stellung der Frau in den USA anprangerte. Ein paar Jahre zuvor – 1840 – hatten sie auf einer Tagung in London erfahren müssen, dass die Herren, die sich für die Befreiung der Sklaven einsetzten, bei dieser Bemühung keinesfalls von Frauen gestört werden mochten. Die weiblichen Delegierten wurden aus der Versammlung ausgeschlossen. Nur nach zähen Verhandlungen gelang es ihnen, wenigstens im selben Raum wie die Männer bleiben und hinter einer Schranke die Debatten – natürlich stumm – verfolgen zu dürfen.

So durfte es, fanden sie, nicht weitergehen. Erst im April 1848 hatten Frauen in New York und Pennsylvania Gesetze abgeschafft, die einem Ehemann volle Verfügung über das Vermögen seiner Gattin gewährte. Eine Regelung, die schon Alexis de Tocqueville als grobe Ungerechtigkeit aufgefallen war.

In der Vorbereitung auf die Konferenz vom 19. Juli 1848 hatten Elizabeth Cady Stanton, Ann M’Clintock und ihre Tochter Elizabeth am Sonntag, 16. Juli, um den Mahagonitisch bei den M’Clintocks gesessen und sich überlegt, wie man aus den Notizen von Elizabeth Cady Stanton einen aufrüttelnden Text machen konnte. Für die Kämpferinnen gegen die Sklaverei stand der Titel bald fest: „Declaration of Rights and Sentiments“. Das war nicht die Verlängerung einer juristischen Erklärung in die Welt weiblicher Gefühle, sondern exakt der Titel, den schon die Gründungsurkunde der Amerikanischen Anti-Sklaverei-Gesellschaft aus dem Jahre 1833 trug.

Die Suche nach der Form des Textes dauerte etwas. Die Frauen blätterten in Gesetzbüchern, in aufrührerischen Pamphleten und was ihnen sonst zwischen die Finger geriet. Dann hatte eine von ihnen die zündende Idee: die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776. Die Rolle des Gegners, gegen den sich alle stellen sollten, hatte damals der englische König eingenommen. Im Text der Seneca Falls Declaration von 1848 trat an seine Stelle der Mann.

Das las sich dann folgendermaßen: „Wir halten folgende Wahrheiten für keines Beweises bedürftig: Dass alle Männer und Frauen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt sind, dass zu diesem Leben Freiheit und Streben nach Glück gehören, dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen eingesetzt werden, die den Rechtsgrund ihrer Macht aus der Zustimmung der Regierten ableiten …“

Und so ging es weiter: „Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte wiederholter Schädigungen und Übergriffe vonseiten des Mannes gegenüber der Frau, die zum unmittelbaren Zweck die Begründung einer Tyrannei über sie haben. Der Mann hat der Frau niemals erlaubt, ihren unveräußerlichen Anspruch auf das politische Stimmrecht auszuüben. Er hat sie gezwungen, sich Gesetzen zu unterwerfen, bei deren Abfassung sie keine Stimme hatte. Er hat ihr Rechte vorenthalten, die man den unwissendsten und entartetsten Männern, Einheimischen und Fremden, gewährt. Indem er sie des vornehmsten Rechtes eines Bürgers, des Wahlrechtes, beraubte und sie ohne Vertretung in den gesetzgebenden Körperschaften ließ, hat er sie allseitig unterdrückt.

Unterdrückt und Beraubt

Er hat die verheiratete Frau, vom Standpunkt des Gesetzes aus, bürgerlich totgemacht. Er hat ihr alles Eigentumsrecht genommen, sogar auf den selbstverdienten Lohn. Er hat sie moralisch zu einem unverantwortlichen Wesen gemacht, da sie ungestraft viele Verbrechen begehen kann, vorausgesetzt, dass sie sie in Gegenwart ihres Mannes begeht. In dem Heiratsvertrag ist sie gezwungen, ihrem Manne Gehorsam zu versprechen, der in jeder Beziehung zu ihrem Herrn wird, indem das Gesetz ihm das Recht verleiht, sie ihrer Freiheit zu berauben und sie zu züchtigen.

Während er sie als verheiratete Frau aller Rechte beraubt, besteuert er sie, wenn sie unverheiratet ist und Vermögen besitzt. Er hat fast alle einträglichen Berufe monopolisiert, und in denen, die sie ausüben darf, erhält sie nur eine kärgliche Bezahlung. Er verschließt ihr alle Wege zu Bildung und Auszeichnung.

Er hat ihr die Gelegenheit versagt, sich eine gründliche Bildung anzueignen, indem er ihr alle höheren Schulen verschloss. Er gesteht ihr in der Kirche wie auch im Staat nur eine untergeordnete Stellung zu. Er hat die öffentlichen Moralanschauungen verwirrt, indem er der Welt ein verschiedenes Sittengesetz für Mann und Frau gab, durch welches moralische Verfehlungen, die die Frauen gesellschaftlich unmöglich machen, bei dem Mann nicht nur geduldet, sondern sogar für ziemlich belanglos gehalten werden. Er hat sich das Vorrecht Jehovas selbst angemaßt, indem er für sich das Recht in Anspruch nimmt, ihren Lebenskreis zu bestimmen, während das doch Sache ihres Gewissens und ihres Gottes ist. Er hat sich in jeder Weise bemüht, ihr Vertrauen in ihre eigene Kraft zu zerstören, ihre Selbstachtung zu verringern und sie willig zu machen, ein abhängiges und unwürdiges Leben zu führen.

Nun, angesichts dieser gänzlichen Knechtung der einen Hälfte unseres Volkes, ihrer sozialen und religiösen Erniedrigung, angesichts der eben erwähnten ungerechten Gesetze und weil die Frauen sich beleidigt, unterdrückt und betrügerischerweise ihrer heiligsten Rechte beraubt fühlen, bestehen wir darauf, dass sie sofort zu allen Rechten und Privilegien zugelassen werden, die ihnen als Bürger der Vereinigten Staaten zustehen.

Indem wir dieses große Werk beginnen, sehen wir kein geringes Maß von Missdeutungen, Missverständnissen und Lächerlichkeit voraus, aber wir werden jedes Mittel, das in unsere Macht gegeben ist, anwenden, um unser Ziel zu erreichen. Wir werden Redner aussenden, Abhandlungen verteilen, Bittschriften an den Staat und die gesetzgebenden Körperschaften richten, und wir werden uns bemühen, die Kanzel und die Presse für unsere Sache zu gewinnen. Wir hoffen, dass dieser Versammlung eine Reihe von anderen Versammlungen in allen Teilen des Landes folgen werden.“

Die Abstimmung

Das ist im Wesentlichen die Resolution, die an jenem Mittwoch, dem 19. Juli 1848, den etwa 300 Menschen vorgetragen wurde, die zu der Veranstaltung gekommen waren. Der saß übrigens ein Mann vor. Selbst die Veranstalterinnen konnten sich nicht vorstellen, dass eine Frau einer Versammlung vorstand, in der auch Männer waren.

Schon im Jahr darauf, bei einer der vielen Folgeveranstaltungen, änderte sich das allerdings. Ort der Veranstaltung vom 19. Juli war die Wesleyan Chapel. Von ihr sind heute noch Reste erhalten. Das ganze Areal gehört heute zum Women’s Rights National Historical Park. In dem ist auch das runde Mahagonitischchen zu besichtigen, an dem das Manifest zur Unabhängigkeit der Frau im Juli 1848 das erste Mal in die Welt trat.

Am zweiten Tag schritt man zur Abstimmung. Es war ganz deutlich, dass es in dieser Versammlung keine Mehrheit für ein Frauenwahlrecht geben würde. Bis der Afroamerikaner Frederick Douglass (1818–1895), der sich 1838 aus der Sklaverei gekämpft hatte und dessen Lebenserinnerungen 1845 zu einem Bestseller geworden waren, sich vehement für das weibliche Wahlrecht einsetzte. Am Ende gab es noch eine Diskussion darüber, ob die Deklaration von Männern und Frauen unterschrieben werden könnte. Es wiederholte sich in dieser scheinbar formalen Frage der Grunddissens der Veranstaltung zwischen denen, die die uneingeschränkte gesellschaftliche und politische Gleichstellung von Mann und Frau befürworteten, und denen, die zwar der Auffassung waren, dass Frauen mehr Rechte haben sollten, die aber auf keinen Fall wollten, dass Frauen politisch auftraten. Es kam zu einem Kompromiss: zwei Unterschriftslisten. Eine für Männer, eine für Frauen.

Eine Erinnerung dazwischen: 1946 besuchte meine aus Frankfurt stammende Mutter die schwäbischen Verwandten ihres Ehegatten. Als sie die Hemden meines Vaters neben ihren Blusen an die Wäscheleine zum Trocknen anklammerte, intervenierte die Cousine meines Vaters: Das sei eine Sauerei.

Zwei Listen also am 20. Juli 1848 in Seneca Falls. Die Frauenliste trug 68 Namen, die der Männer 32. Ein Viertel der Unterzeichner waren übrigens Quäker. Die Veranstalter sorgten für Publizität. Später schrieb Elizabeth Cady Stanton: „Da gab es keine Zeitung, von Maine bis Louisiana, die nicht unsere Unabhängigkeitserklärung gebracht und die ganze Sache ins Lächerliche gezogen hätte. Mein guter Vater kam von New York mit dem Nachtzug, um zu sehen, ob ich nicht den Verstand verloren habe.“ Hinzu kam, dass einige der Frauen nach solchem Druck ihre Unterschrift wieder zurückzogen.

Die USA waren noch lange nicht so weit. Als am 26. August 1920 der 19. Zusatzartikel zur Verfassung der USA auch Frauen das Recht gab zu wählen und gewählt zu werden, lebte von den Frauen, die die Erklärung von 1848 unterschrieben hatten, nur noch Charlotte Woodward Pierce (1829–1921). Sie war 1848 19 Jahre alt, verdiente sich ihren Lebensunterhalt mit dem Nähen von Handschuhen. Vierzig Meilen war sie in einem Pferdefuhrwerk nach Seneca Falls gefahren. Am entscheidenden Tag 72 Jahre später – im August 1920 – war sie krank und konnte nicht wählen.

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