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Schlafwolke

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Von: Sylvia Staude

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Wie man sich bettet, so liegt man ... oder Tier.
Wie man sich bettet, so liegt man ... oder Tier. © Roman Möbius/Imago

Ein ganz besonders kuscheliges Kissen für den Hund? Wir wollen auch eins. Die Kolumne „Times mager“.

Zu keiner Sekunde, Ehrenwort, haben wir im Internet nach Artikeln für unser Haustier gesucht – einfach, weil wir kein Haustier haben. (Jedenfalls nach unserem besten Wissen und Gewissen keines, das die Größe einer Stubenfliege, einer Mücke oder eines Weberknechts überschreiten würde.) Aber nun verfolgt uns trotzdem auf Internet-Schritt und -Tritt diese Werbung, wonach „Studien der Harvard Universität“ gezeigt haben sollen, „dass 3 von 4 Haustieren täglich ,charakterbeeinflussende‘ Ängste erleben“. Und darum zum Entspannen und Schlafen eine „große flauschige Wolke“ benötigen. „Und das Beste daran?“, fragt die Werbung. „Wenn Sie nicht 100%ig zufrieden sind, bekommen Sie 100% Ihres Geldes zurück.“ Das zugehörige Bild zeigt zwei Hunde, die maximal entspannt, entspannt bis in die Schlappohren hinein auf einem Teil abhängen, das wie ein dreifachdicker Flokati aussieht.

Dazu haben wir drei Fragen: Erstens, wo gibt es die große flauschige Schlafwolke in Menschengröße zu kaufen? Zweitens, kann sie auch unseren Charakter beeinflussen, in Richtung Nicht-Angst? Oder wenigstens Nicht-so-viel-Angst? Und drittens, wie stelle ich fest, ob mein Hund „100%ig“ zufrieden ist? Wenn er nicht mehr Nachbars Katze jagt oder am Perserteppich kaut? Wenn er seinen Schlafflokati gar nicht mehr verlassen will, außer für einen Napf voll saftiger Fleischstücke? Das wäre freilich erst mal nur für die Briefträgerin/den Paketboten von Vorteil, könnte ihn zu einem allzu moppeligen Hund machen.

Als es noch kein Internet und noch keine Internetwerbung und wohl auch noch keine Schlafwolken für Hunde gab (allerdings war der Flokati schon erfunden, angeblich von Hirten in Griechenland), sagten die Eltern gern scherzhaft zum Kind, das nicht ins Bett gehen wollte: „Husch, husch ins Körbchen.“ Ins Weidenkörbchen?, überlegte das Kind und stellte sich vor, dass es darin, zusammengerollt wie ein Welpe, durch seine Träume treiben würde. Nicht solche Träume, in denen Getier und Monster unterm Bett lauern, denn es gäbe ja kein „unterm Bett“. Sondern solche, in denen das Körbchen wie in „Der kleine Häwelmann“ leise knarzend die Segel setzt, im Mondenschein durch die Nacht gleitet – und nichts Böses passieren kann.

In fortgeschrittenem Alter werden die Dinge komplizierter. Und nein, wir glauben nicht, dass eine Schlafwolke uns in diesen Zeiten beruhigen und trösten kann, mag sie noch so weich und warm sein, uns volle Zufriedenheit versprechen und eine Geld-zurück-Garantie geben kann. Sitzen doch nicht mehr (eingebildete) Monster unterm Bett, toben sie vielmehr in Menschengestalt durch unsere Welt.

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