Man könnte auch an die vier kleinen Schwänchen denken: Szene aus „Fúria“. Foto: Sammi Landweer

Frankfurter Positionen

Schiffbrüchig in Brasilien

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Die Lia Rodrigues Companhia eröffnet im Mousonturm das Festival für neue Werke.

Eine Gruppe, die in einer brasilianischen Favela arbeitet, kann spätestens jetzt, unter einem rassistischen, sexistischen und rechtsnationalen Präsidenten, nicht mehr anders, als politisch zu sein, als an einen Teil der Welt zu appellieren, der hoffentlich zuhört. So halten die neun Tänzerinnen und Tänzer der Lia Rodrigues Companhia beim Schlussapplaus die Botschaft hoch: Wir brauchen eine Welt ohne Vorurteil.

Eine Stellungnahme ist aber auch das jetzt, zum Start der diesjährigen „Frankfurter Positionen – Festival für neue Werke“, im Frankfurter Mousonturm gastierende Stück „Fúria“ (Wut). Da wird der andere an die Kandare genommen und angeschirrt, kopfunter geschleppt wie ein Beutetier. Zwei gebeugte Rücken werden zum Podest für triumphale Posen. Ein Nackter wird nicht nur geritten, sondern hat dabei auch noch eine Banane quer im Mund. Bis seine graziöse Reiterin sie ihm abnimmt und huldvoll verzehrt.

„Fúria“ wird von einem starken, unablässigen Trommelrhythmus angetrieben – aber nicht immer lässt sich diese Choreografie willig antreiben. Sie beginnt in Zeitlupe, aus Tuch- und Kleidungsstück-Haufen schälen sich Menschen, formieren sich sehr langsam zu einem schrägen Karnevalszug, einem Mummenschanz der grellen Kostümierungen. Gespenster treten auf, so scheint es; aber dann kommen unter den Tüchern drei bunt kostümierte Frauen hervor, die nach Wasser lechzen und es sich ekstatisch und ein wenig obszön in den Mund spritzen. Eine ist von Kopf bis Fuß blau angemalt und schneidet gar schreckliche, komische Grimassen.

Eine Stunde lang reiht sich absonderliche Prozession an bizarre Prozession, die Darsteller kriechen übereinander, biegen sich, recken die Arme, kurz blitzt die Assoziation ans „Floß der Medusa“ auf – und vielleicht sind sie ja Schiffbrüchige in einer Welt, in der sich selbst retten muss, wer kann. Dann wieder können die neun Tänzerinnen und Tänzer nicht stillhalten, es rüttelt und schüttelt sie, sie zeigen eine hektische Polonaise oder ein halbwegs synchrones Varietétrüppchen. Mal sind sie wild verkleidet, auch ein Besen ist notfalls für einen Kopfschmuck gut, mal sind sie splitterfasernackt. Ein Fantasiewesen – Insektenanmutung, Brautkleid – wird an einem Strick im Kreis geführt.

Vielleicht versucht „Fúria“, böse Geister auszutreiben, mit Ritualen, die einerseits fremd und befremdlich sind, die andererseits Eindruck machen und unmittelbar begriffen werden können. Absichtlich nicht zu verstehen ist am Ende ein Tänzer, dessen Kopf fest in ein rotes Tuch gewickelt ist: Er spricht laut, erregt in verschiedenen Dialekten und Sprachen (man lauscht also vergeblich, allenfalls einzelne Wörter fallen auf), bis er nicht nur den roten Stoff, sondern auch noch Schaum vor dem Mund hat.

Aber wenn er dann abgeht, singt er ein wenig. Und die Melodie ist wohl die von „Over the Rainbow“ – das Lied, in dem man nur den Mut zum Träumen haben muss, dann werden die Träume auch wahr.

Mousonturm,Frankfurt: 26. Januar. www.mousonturm.de

Die Frankfurter Positionen – Festival für neue Werkedauern bis 8. Februar.

www.frankfurterpositionen.de

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