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Ein Phantast wie Papst Franziskus ist im ökumenischen Papier nicht vorgesehen.

Ökumene

Ein Schiff auf hoher See reparieren

„Ethisches Orientierungswissen“, absichtsvoll unterhalb jeglicher systemischer Relevanz: Ein ökumenisches Papier mit zehn Thesen über eine gerechte Gesellschaft wird auf einer Berliner Tagung diskutiert.

Von Dirk Pilz

Nehmen wir diesen Satz: „Die Marktwirtschaft hat sich als das bestmögliche System herausgestellt, um unter den notorischen Knappheitsbedingungen des irdischen Lebens den Bereich der materiellen Bedarfsdeckung zu organisieren.“ Es werden sich wenige finden, die ihm nicht mit Kopfnicken begegnen. Noch weniger werden dem Folgesatz die Zustimmung verweigern: „Aber auch die Marktwirtschaft erfüllt diese Aufgabe nur in unvollkommener Weise“. Der Markt, heißt das, bedarf einer ordnenden und eingreifenden Politik.

Die hier zitieren Sätze stehen in einem Papier, das unter der Überschrift „Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“ vom Rat der Evangelischen Kirche und der Deutschen Bischofskonferenz in Deutschland verfasst wurde. Eine ökumenische „Initiative“, die auf „dringliche Fragen nach dem sozialen Zusammenhalt“ und den „gemeinsam geteilten Werten in unserer Gesellschaft wie Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit“ Antworten geben will. Im Februar wurde diese Schrift vorgelegt, am Mittwoch auf einem Kongress im Französischen Dom in Berlin diskutiert.

Schnurgerade in die Krise

Zehn Thesen hat dieses Initiativ-Papier, sie alle wollen dem „ethischen Orientierungswissen“ aufhelfen. Wirtschaftliches Wachstum müsse in den Dienst für den Menschen gestellt werden, die ethischen Maßstäbe für die Wirtschaft bedürfen einer Erneuerung, die ökologische Nachhaltigkeit gilt es in Lebens- und Wirtschaftsstilen zu verankern. Alles richtig. Aber das Richtige steht unter dem Vorzeichen des festen Glaubens, die Marktwirtschaft sei das „bestmögliche System“, auch und obwohl sie schnurgerade in die jüngsten Krisen geführt hat; alles, was sie benötige, seien soziale Abfederungen.

Die heikle Frage jedoch, ob womöglich diese Voraussetzung falsch ist, wagt das Initiativ-Papier nicht zu denken. So kam es, dass es auf der Tagung von allen Seiten Zustimmung erhielt. Die Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) berichtete in nassforscher Treuherzigkeit gar, dass es unter ihren Kabinettskollegen „nicht intensiv“ diskutiert wurde: „weil es nicht viel zu ärgern gibt.“

Das sollte zu denken geben. Nicht, weil es Aufgabe der Kirchen wäre, Politiker zu ärgern, sondern weil sie sich einmal mehr als Partei einer wohlfeilen Markt- und Zeitgeistkritik ins Spiel bringt, die keinen aufregt, weil sie nirgends an die Wurzeln geht. „Es ist zu wenig, den Kapitalismus anzugreifen“, so der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio in seinem Vortrag. Ja. Und die Kirchen, ergänzt der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken Alois Glück, neigen zur „Staatsgläubigkeit“. Dabei haben gerade die Kirchen die Chance, wenn nicht die Verpflichtung, die Systemfrage zu stellen. Papst Franziskus immerhin hält die Erinnerung daran wach, dass die kapitalistische Grundordnung nicht das Ende der Phantasie sein muss.

Aber ein Phantast wie der Papst ist in diesem Papier nicht vorgesehen: Man bleibt absichtsvoll unterhalb jeglicher systemischer Relevanz. Dafür liefert es das typische Bild einer nachhinkenden Politik, die am Unterbieten des eigenen Anspruchs erkennbar ist: Sie vermag allenfalls noch zu reparieren – und gleicht dem aussichtslosen Versuch, ein Schiff auf hoher See zu reparieren, ohne den Gedanken an Landgang an anderen, womöglich fremden Ufern überhaupt noch zu erlauben.

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