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Du

Kulturzeitschrift

Du im schicken Kleid

Die Kulturzeitschrift nimmt in bewährter Qualität einen neuen Anlauf, sich zu behaupten.

Von JUTTA STÖSSINGER

Das Schweizer Kulturmagazin Du, seit vielen Jahren ein liebgewordener Begleiter aller deutschsprachigen Feuilleton-Redakteure und etlicher Bildungsbürger, wagt in fortgeschrittenem Alter noch einmal einen neuen Auftritt. Im Februar erschien die 783. Ausgabe der Monats-Zeitschrift in aufgefrischtem Design und unter veränderter Regie.

Was Grund für Wehmut sein könnte, erweist sich bei Kenntnis der personellen Konstellation als Anlass zu freudiger Erwartung. Walter Keller, der zuvor die wunderbare und irgendwann entschlafene Publikation "Der Alltag - Die Sensationen der Gewöhnlichen" sowie die Kunst-Gazette Parkett herausgegeben hat, zeichnet nun - nahezu im Alleingang - für Du verantwortlich. Da darf man mit Fug und Recht auf den Fortgang der Ereignisse gespannt sein.

Das neue Du trägt im Sinne des Wortes ein schickes Kleid. Der Titel ist - wie früher schon einmal - in schwungvoller Schreibschrift ausgeführt, die junge Dame, die uns entgegenblickt, in schwarzen Tüll gehüllt und leicht japanisch angehaucht. Das Schwerpunkt-Thema der ersten Ausgabe heißt "Die Zeit" und ist zum Auftakt insofern gut gewählt, als es einerseits Anlass gibt zu Mutmaßungen über die Vergänglichkeit und den Wandel im Allgemeinen und hier im Besonderen, andererseits diverse Schweizer Uhren-Hersteller zur Schaltung ganzseitiger Anzeigen motivierte.

Beim ersten Blättern fallen aufwändige Illustrationen - etwa die Jahreszeiten des Renaissance-Malers Giuseppe Arcimboldo - und opulente Bildstrecken in hervorragender Druckqualität auf, etwa über die senegalesische Künstlerin und Mode-Designerin Oumou Sy, die auch auf der jüngsten Documenta reüssierte. Wie überhaupt der Kunst besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die erste Nummer tritt so ungeniert wie selbstbewusst mit einer vierzigseitigen, von der Schweizer UBS-Bank finanzierten Beilage auf: "UBS Young Art", weil junge Kunst Sponsoren und Mäzene braucht.

Inhaltlich wird langen Texten erfreulich viel Platz eingeräumt und - wie schon beim "Alltag" - schön um die Ecke gedacht, wobei manche Essays und Reportagen noch etwas akademisch anmuten.

Zum Schwerpunkt-Thema "Zeit" hat Michael Rutschky eine wunderbare und intelligente Geschichte geschrieben, die darin gipfelt, dass ein heruntergekommener Berliner Stadtteil in alter Mauernähe nunmehr endlich die längst überfällige Aufmerksamkeit des Senats bekommt und saniert wird, was wiederum die freakigen Bewohner, die sich die günstigen Mieten leisten konnten, verständlicherweise auf die Palme bringt. Ein schildernswerter Widerspruch der Zeitläufe.

Für das Thema "Das Haus" im zweiten Heft gab Elfriede Jelinek ihre Erlaubnis zum erstmaligen Abdruck eines Kapitels ihres ziemlich schrägen Privatromans "Neid", der auf ihrer Homepage fortgeschrieben wird. Peter Richter rechnet in der gleichen Ausgabe mit der Diktatur des guten Geschmacks ab. Und die Fotografin Marta Soul stellt ihr jüngstes Text-Bild-Projekt vor: Immigrantinnen aus Osteuropa, die nach Spanien geheiratet haben, werden jeweils in der alten Heimat und in der neuen Wunschwohnung vorgestellt - eine anrührende Bild-Reportage, für die gar nicht viele Worte nötig sind.

Zum jüngsten Thema "Das Kleid" hat Hannelore Schlaffer kluge "Modegeschichten" beigetragen. In der gleichen Ausgabe liest man in der jeweils das Heft abschließenden Rubrik "Faits Divers" einen hinreißenden Erfahrungsbericht zum Online-Lexikon Wikipedia. In dieser Rubrik sind überhaupt kleine Juwele zu finden, so der Stoßseufzer der jungen iranischen Grafikdesignerin Parsua Bashi, die inzwischen in Zürich lebt, weil die Heimat so unwirtlich geworden ist. Ausblick auf den Mai: "Die Liebe"; Karl Lagerfeld wird einen Beitrag schreiben - und Erwin Koch, dem die Frankfurter Rundschau die denkwürdigsten Reportagen verdankt.

Du hat schon einige Verleger- und Redakteurswechsel überstanden. Die 1941 gegründete Zeitschrift wurde viele Jahre lang im Auftrag einer Schweizer Druckerei von dem Zeichner und Schriftsteller Arnold Kübler geleitet. Der Titel war Programm. Das vertrauliche Du sollte "Zuneigung zur Welt, zu den Menschen, den Dingen, der Natur" signalisieren und ein gebildetes und gebeuteltes Nachkriegspublikum unmittelbar ansprechen. 1988 kaufte der Zürcher Tagesanzeiger besagte Druckerei auf und übertrug Dieter Bachmann die Chefredaktion. Themenschwerpunkte wurden eingeführt, etwa zu Gabriel Garcia Marquez oder Bob Dylan, zu "Heimaten" oder "Europas Bauern". Die Auflage stieg bisweilen auf 35 000 und mehr Exemplare, insgesamt aber bediente das Magazin wohl eine kulturell interessierte Minderheit, die dem Tagesanzeiger-Konzern fünfzehn Jahre später zu teuer wurde, weshalb er Du an einen Architektur-Verlag verkaufte.

Im vergangenen Herbst war es wieder mal soweit. Die Zeitschrift wurde an Oliver Prange, bisher Verleger der Medien-Palette "persönlich", weitergegeben. Walter Keller übernahm die Chefredaktion. Ein internationaler Beirat zwischen Berlin, London, Mailand, Maine/USA und Schanghai steht ihm zur Seite. Wir drücken die Daumen.

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